Yutaka Sado entfesselt Mahlers Kosmos – Abschied mit der achten Sinfonie

CD-Besprechung: Gustav Mahler Sinfonie Nr. 8 Es-Dur, Yutaka Sado  klassik-begeistert.de, 15. Februar 2026

 

CD-Besprechung:

Gustav Mahler – Sinfonie Nr. 8 Es-Dur „Symphonie der Tausend“

Tonkünstler-Orchester Niederösterreich
Yutaka Sado, musikalische Leitung

Live-Mitschnitt Wiener Musikverein Juni 2025

Label: Tonkünstler TON2018

von Dirk Schauß

„Denken Sie sich, dass das Universum zu tönen und zu klingen beginnt. Es sind nicht mehr menschliche Stimmen, sondern Planeten und Sonnen, welche kreisen.“ Mit diesen Worten Gustav Mahlers selbst wird der kosmische Anspruch seiner achten Sinfonie greifbar. Das 1910 in München uraufgeführte Werk, wegen seines riesigen Apparats als „Symphonie der Tausend“ angekündigt, vereint den mittelalterlichen Pfingsthymnus Veni creator spiritus mit dem Schlusstableau von Goethes Faust II zu einer gewaltigen Feier der schöpferischen Kraft und der erlösenden Liebe.

Für Yutaka Sado wurde genau dieses Monument zum symbolträchtigen Abschied als Chefdirigent der Tonkünstler Niederösterreich. Sados tiefe Mahler-Verbindung, geprägt durch seine Assistentenzeit bei Leonard Bernstein, machte die Achte zum logischen Höhepunkt einer Zusammenarbeit, in der bis auf die Neunte alle Sinfonien erarbeitet, aufgeführt und auf CD veröffentlicht wurden.

Der Live-Mitschnitt aus dem Goldenen Saal im Juni 2025 fängt einen Abend ein, an dem 120 Orchestermusiker, drei Chöre, ein Fernorchester auf der Galerie und acht Solisten den Raum zum Schwingen brachten. Der erste Teil, der Hymnus Veni creator spiritus, ist ein einziger, etwa fünfundzwanzigminütiger, durchkomponierter Allegro-impetuoso-Satz in sonatenähnlicher Form, durchgehend vokal und von barocker Polyphonie durchzogen. Sado vermeidet jeden bloßen Klangrausch und hält die Architektur mit feiner Klarheit. Der eröffnende Ruf „Veni, creator spiritus!“ explodiert mit voller Wucht aus Orgel, Blech und den vereinten Chören Wiener Singverein, Slowakischer Philharmonischer Chor und Wiener Sängerknaben, doch schon in den kontrapunktischen Verflechtungen zeigt sich seine Handschrift Präzision statt Masse.

Die dynamischen Bögen sind vorbildlich gestaltet, die leiseren Stellen wie „Imple superna gratia“ atmen kammermusikalische Intimität, bevor das marschartige „Accende lumen sensibus“ in eine monumentale Doppelfuge mündet. Hier wächst das Tonkünstler-Orchester über sich hinaus, die Streicher mit glühender Kantabilität, das Blech strahlend und sicher, die Holzbläser mit feiner Farbgebung. Die Chöre bleiben selbst in dichtesten Passagen textverständlich und intonationssicher, ein Verdienst der Einstudierer Johannes Prinz, Jan Rozehnal und Manolo Cagnin. Der Schluss mit der Gloria-Passage und den fanfarenartigen Blechchören entfaltet echte ekstatische Kraft, ohne je ins Vulgäre zu kippen.

Der zweite Teil, die Errettung Fausts, ist mit etwa fünfundfünfzig bis sechzig Minuten das emotionale und dramatische Zentrum. Er beginnt in völlig anderer Sphäre, kaum hörbar mit pizzicato-Streichern, Tremoli und zarten Holzbläsersoli, eine mystische, schwebende Einleitung, die den Aufstieg der Seele nachzeichnet. Sado formt diesen langen Bogen als kontinuierlichen, stetig ansteigenden Prozess, lässt ihn nicht in Einzelszenen zerfallen. Die thematischen Rückbezüge zum ersten Teil, vor allem das Veni-Motiv und das Liebes-Thema aus „Accende lumen sensibus“, werden hörbar gemacht, ohne sie aufdringlich zu betonen.

Die Solistenriege überzeugt durch Homogenität und hohe Qualität. Maximilian Schmitt als Doktor Marianus bringt einen strahlenden Tenor und meistert die großen Aufschwünge „bleibe gnädig!“ mit leuchtender Höhe und textlicher Intensität. David Steffens als Pater Profundus verleiht der kantigen Arie dramatische Wucht und Tiefe. Rafael Fingerlos singt die leidenschaftliche Liebeserklärung des Pater Estaticus mit schönem Bariton-Timbre. Die Damen Verity Wingate, Eleanor Lyons, Christina Gansch, Štěpánka Pučálková und Yajie Zhang bilden ein ausgewogenes Ensemble, besonders berührend das Trio der Büßerinnen und der ätherische Auftritt Christina Ganschs als Mater Gloriosa, der wirklich wie eine Stimme aus höheren Sphären wirkt.

Die Chöre zeichnen sich durch feine Abstufungen aus, die Knaben zart und unschuldig, die großen Chöre in den Engels- und Seligen-Chören von großer Leuchtkraft. Der Schluss, der Chorus mysticus „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis“, wächst aus leisestem Flüstern zu einem überwältigenden, raumfüllenden Finale. Hier verbindet Sado beide Teile endgültig, das Veni-Motiv kehrt triumphierend wieder, das Ewig-Weibliche zieht alles nach oben und der Goldene Saal scheint tatsächlich wie das Universum selbst zu klingen.

Dieser Mitschnitt ist kein steriler Studio-Mahler, sondern ein lebendiges, atmendes, mitreißendes Ereignis. Sado dirigiert die Achte nicht als bloße Schau, sondern als tief empfundene spirituelle Reise mit klarem Formwillen, großer dynamischer Spannweite und echter Liebe zum Detail. Das Tonkünstler-Orchester zeigt in diesen Abschiedskonzerten eine Homogenität und Hingabe, die beeindruckt. Die Akustik des Musikvereins kommt der Aufnahme entgegen, warm, transparent, mit wunderbarer Tiefenstaffelung.

Für alle, die Sados Mahler-Zyklus mit den Tonkünstlern verfolgt haben, ist diese Achte der logische, bewegende Höhepunkt. Ein würdiger Abschied und ein Beweis, dass Mahler auch heute noch mit wenigen Dirigenten so unmittelbar und wahrhaftig klingen kann.

Dirk Schauß, 15. Februar 2026 für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 8 in Es-Dur Komische Oper Berlin, 25. September 2025

Klein beleuchtet kurz Nr 26: Geballte Klangwucht mit Mahlers 8ter klassik-begeistert.de, 13. April 2024

Rudolf Buchbinder, Klavier, Tonkünstler Orchester – Niederösterreich, Yutaka Sado, Dirigent Grafenegg, Wolkenturm, 6. August 2024

Sommernachtsgala 2023, Tonkünstler-Orchester Niederösterreich, Dirigent Yutaka Sado Wolkenturm Grafenegg, 22. Juni 2023

Tonkünstler Orchester Niederösterreich, Sabine Meyer, Klarinette Yutaka Sado, Dirigent, Musikverein Wien, Goldener Saal, 3. April 2022

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