„Die Kugel hat ihren eigenen Witz“ – „The Black Rider“ verführt in Lübeck

The Black Rider – The Casting of the Magic Bullets  Theater Lübeck, 14. Februar 2026, Premiere

The Black Rider – The Casting of the Magic Bullets © Isabel Machado Rios

Wäre nicht ein passendes Geschenk zum Valentinstag ein Hochzeitsantrag nach erfolgreich bestandener Schieß-Prüfung und Aufnahme in die Jäger-Gemeinschaft? Davon träumt der junge Wilhelm, aber der Traum vom Glück endet tödlich. Das Theater Lübeck hat nun die Freischütz-Adaption von Robert Wilson und Tom Waits neu aufgelegt und am 14. Februar 2026 im ausverkauften Haus präsentiert.

The Black Rider – The Casting of the Magic Bullets

Regie der Originalproduktion von Robert Wilson

Musik von Tom Waits
Liedtexte von Tom Waits und Kathleen Brennan
Buch von William Burroughs

Willy Daum, Musikalische Leitung und Arrangements

Malte Lachmann, Inszenierung

Theater Lübeck, Großes Haus, 14. Februar 2026, Premiere

von Dr. Andreas Ströbl

Nun schon selbst ein Klassiker

Daran, dass vor 36 Jahren im Hamburger Thalia-Theater „The Black Rider“ einschlug wie eine vom Herrn der Finsternis gegossene Kugel, konnten sich einige Besucher der Lübecker Premiere noch lebhaft erinnern, bis hin zu persönlichen Begegnungen mit dem arroganten Lou Reed und dem menschlich offenen Tom Waits. Die Produktion war damals von düsterem Reduktionismus geprägt, der typisch für einen Teil der Musik der frühen 90er Jahre war, und den auch Musik und Videos von beispielsweise Nick Cave oder The Cure melancholisch einfärbten – mit entsprechender Kostümierung in lebensbejahendem Schwarz.

Malte Lachmann hat sich in Lübeck für deutlich mehr Farbe entschieden, Ramona Rauchbach gibt der Bühne eine eindrucksvolle Tiefe. Rechteckige Felder werden entweder gleißend weiß oder in Regenbogenfarben durch Leuchtröhren illuminiert und bilden einen Raum vom abgedeckten Orchestergraben durch das Proszenium bis zur Hinterbühne, wo die Band erhöht plaziert und hinter dem halbtransparenten Vorhang zu erahnen ist.

Auf diesem ist meist ein nebliger Wald projiziert, den man mit einem Gemälde von Caspar David Friedrich assoziieren könnte, wäre da nicht in der unteren Bildhälfte eine breite Gebirgsstraße, die vom zivilisatorischen Eindringen in die einst romantische Waldeinsamkeit mit wilder Wolfsschlucht kündet. Wenn es aber in die psychischen Abgründe und um den Pakt mit dem Teufel geht, dann erscheint ein psychedelisch anmutendes Bild mit verschwimmenden Linien und einer gnadenlosen Perspektive – hier geht es wie im Drogenrausch in die Willenlosigkeit und das Verlangen nach mehr, immer mehr…

The Black Rider – The Casting of the Magic Bullets © Isabel Machado Rios

Den Transfer von den Zauberkugeln im deutschen Wald des 18. und 19. Jahrhunderts zum Sich-Verlieren im Drogentaumel des ausgehenden 20. Jahrhunderts hatte ja bereits „Naked Lunch“-Autor William Burroughs hergestellt; in Lübeck wird dies durch Bühne und Handlung besonders deutlich. Zwischen der Biederkeit der „Normalgesellschaft“ und dem Abgründigen, Teuflischen und Gespenstischen klafft ein deutlicher Abgrund, was durch die Kostüme von Anne Buffetrille und Lara Regula plastisch wird.

„Die Kugel hat ihren eigenen Witz“, heißt es, und wie das eigensinnige, stets tödlich treffende Geschoss, hat auch das Rauschgift seine Eigendynamik, die schließlich den Abhängigen ins Verderben reißt.

„Normalos“, Randglieder und eine große Verführerin

Der Teufel ist in Lübeck eindeutig weiblich, stets sind die Haare in unterschiedlichsten Frisuren feuerrot gefärbt – manche der Haartrachten hätten auch einem Loge/Loki gut angestanden. Antonia Sophie Schirmeister ist dieser Stelzfuß; ihr Bodysuit in Schlangen-Optik, das die Verführerin zum Ende hin trägt, gemahnt an die Schlange im Paradies. Wie alle anderen Mitwirkenden singt sie mit Sprechstimme bzw. voix mixte; gerade zu Beginn verschafft sie der Rolle überzeugend den für Waits-Gesang typischen dreckigen Garagensound. Beim Handschlag mit dem innerlich schon stark angegriffenen Wilhelm wirkt sie mit hohem Haarschopf und lang herausgestreckter Zunge wie eine Mischung aus dem androgynen David Bowie der späten 70er und Gene Simmons von KISS. Dazu kommt ihr groteskes, zeitweise eingefroren erscheinendes Joker-Grinsen, das dieser Figur noch eine weitere Facette verleiht.

The Black Rider – The Casting of the Magic Bullets © Isabel Machado Rios

Johannes Merz ist Schreiber Wilhelm, der zu Herzen gehend deutlich macht, wie man auf Abwege geraten kann, wenn man einfach nur dazugehören und vor allem die Liebe seines Lebens gewinnen will. Er wird aus gutem Willen, aber falscher Entscheidung zum Randglied und zerstört am Ende sein Glück.

Das hätte Käthchen sein, können, der Luisa Böse ergreifend Gestalt verleiht. Zwischen Verletzlichkeit und aufbegehrendem Trotz changiert sie gekonnt. Die Schauspielerin singt klar und höhensicher; einmal überschreitet sie bewusst ihre stimmlichen Grenzen, um tiefste Verzweiflung darzustellen.

Ihr Vater Bertram ist Andreas Hutzel, der um das Dunkle weiß, und in seiner Bürgerlichkeit Angst vor dem Abgleiten hat. Daher soll seine Tochter auch einen gestandenen Mann bekommen und keinen Schreiberling. Großartig ist, wie er den Satz „Tu, was du willst“ wie in einem Ernst Jandl-Gedicht schließlich zu wenigen Konsonanten reduziert.

Seine Gattin Anne verkörpert Susanne Höhne, eine glaubhaft besorgte Mutter; aus Mimik und Spiel sprechen der Wunsch nach Sicherheit und das Bewusstsein der Gefährdung.

Der Schwiegersohn in spe, Thomas Poltmann als Jäger Robert, ist ein Testosteron-strotzender Kerl, dessen Frisur und derbes Auftreten gut in Herrmann Görings Jagdgesellschaft gepasst hätten. Auch er beherrscht den schmutzigen Straßenton, der zu dieser Musik unbedingt gehört.

Da Michael Fuchs, der Wilhelms Onkel bzw. den alten Georg Schmid hätte spielen sollen, erkrankt ist, sprang kurzzeitig Henning Sembritzki ein. In den meisten Passagen muss er den Text noch ablesen, was aber überhaupt nichts ausmacht, sondern der Rolle noch einen weiteren komischen Aspekt verleiht.

Die Tiere des Waldes wandeln als Gestalten mit blanken Schädeln immer wieder gespenstisch durch die Szenerie.

The Black Rider – The Casting of the Magic Bullets © Isabel Machado Rios
Kommt der Waits-Sound rüber?

Die Band aus Urs Benterbusch, Willy Daum, Jonathan Göring, Edgar Herzog, Peter Imig und Stefan Oetter spielt engagiert, aber stellenweise etwas zurückhaltend die Musik von Tom Waits. Die muss ja, abgesehen von den kommerziell erfolgreichen, oft etwas braven Songs, unbedingt so klingen, als schepperte einem von einer Nacht mit surrealem Ausgang noch der Schädel, während man das Erlebte im Inneren mühsam sammelt, um es schöpferisch zu verarbeiten – klanggewordener Absinth gleichermaßen, rauh, angeschlagen, aber trotzig. Das hätte gern noch etwas lauter und krachiger sein dürfen.

Zum besseren Verständnis der Songtexte wäre eine Übertitelung wünschenswert gewesen, aber die ist bei den Aufführungen rechtlich nicht möglich. Man wundert sich über die Engstirnigkeit der Juristen, die für die Werke solch echter Underdogs verantwortlich sind. Tom Waits wäre das sicher völlig gleich gewesen. Aber alle Mitwirkenden singen mit sehr guter Textverständlichkeit, sodaß diese Einschränkung zu verschmerzen ist. Überhaupt wechselt die Sprache auch in den gesprochenen Passagen oft zwischen Englisch und Deutsch hin und her, manchmal gibt es humorige Vermengungen. Ist das eine geistreiche Rache?

The Black Rider – The Casting of the Magic Bullets © Isabel Machado Rios

Das begeisterte Publikum in jedem Falle bejubelt das gesamte Ensemble und entlässt die Mitwirkenden erst nach vielen Vorhängen.

Dr. Andreas Ströbl, 15. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Die nächsten Vorstellungen sind am 20. Februar sowie am 7. und 22. März.

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