Fotos: © Alte Oper Frankfurt/Tibor-Florestan Pluto
Richard Strauss Also sprach Zarathustra op. 30
Jean Sibelius Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 43
Wiener Philharmoniker
Andris Nelsons, musikalische Leitung
Alte Oper Frankfurt, 24. Februar 2026
von Dirk Schauß
Es gibt Momente in der Musikgeschichte, die an ihrem Entstehungsort eine ganz eigene, geradezu physisch greifbare Elektrizität entwickeln sollten. Als Richard Strauss’ Tondichtung Also sprach Zarathustra am 27. November 1896 in Frankfurt am Main uraufgeführt wurde, provozierte sie ein Beben zwischen skandalöser Modernität und sakralem Staunen. Knapp 130 Jahre später kehrten die Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Andris Nelsons mit diesem Monumentalwerk an seinen Geburtsort zurück. Doch was als triumphale Heimkehr geplant war, entpuppte sich als eine Interpretation, die zwar von orchestraler Überlegenheit kündete, aber Fragen nach Balance und interpretatorischer Tiefe aufwarf.
Der Beginn von Also sprach Zarathustra ist längst zum popkulturellen Allgemeingut geworden, doch von den Wiener Philharmonikern erwartet man eine Deutung, die das Werk jenseits der Klischees neu begreifbar macht. In der Alten Oper erlebte man jedoch eine unschöne Überraschung.
Das Problem war nicht mangelndes Können, sondern eine frappierende Unausgewogenheit. Bereits beim berühmten „Sonnenaufgang“ stimmte die interne Hierarchie des Klangs nicht: Die Orgel war schlicht zu dominant, während das Schlagzeug völlig unglücklich agierte. Die Pauken klangen matt und defensiv, und die Becken – für dieses Werk viel zu klein dimensioniert – blieben bei den ersten drei Schlägen fast unhörbar. Bei den lauten Schlägen wurde es kaum besser; sie wirkten in ihrer Dürftigkeit eher wie Kindermusikinstrumentarium denn als strahlender Akzent eines Weltklasse-Orchesters. Im Gegenzug grollte die große Trommel derart lautstark, als gälte es, jedes andere Detail im Keim zu ersticken.

Andris Nelsons agierte in dieser ersten Konzerthälfte eher als Klanglotse denn als visionärer Gestalter. Sein uneinheitliches Tempo verunsicherte die Trompeten beim Naturmotiv spürbar – ein Eindruck, der sich später im „Tanzlied“ wiederholte. Natürlich ist die Wiener Streicherkultur nach wie vor ein Phänomen. In den „Hinterweltler“-Episoden mischten die Geigen unter Konzertmeister Volkhard Steude ihre Melodien mit einer Leidenschaft, die haptisch wirkte – wie eine perfekt gearbeitete Zuckerpraline, süß im Schmelz, aber von zu fester Struktur. Doch diese klanglichen Glanzlichter konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Interpretation allzu deutlich an der Oberfläche blieb.
Besonders deutlich wurde dies in der „Wissenschaft“: Die Fuge wurde zwar präzise dargeboten, doch es fehlte die ironische Schärfe, die Strauss’ Spott über die Gelehrsamkeit eigentlich verlangt. Nelsons suchte den klanglichen Exzess, doch auf der Strecke blieben die klare Struktur und die rhythmische Prägnanz. In der Schluss-Sequenz klapperte es zudem im Zusammenspiel, und die Soli kamen zwar solide, aber ohne klare Charakterisierung daher. Das Publikum wirkte nach dieser halben Stunde eher erschlagen als beflügelt. Es war eine gediegene Orchesterleistung, die jedoch den Geist des Werkes hinter einer Wand aus Pomp verbarg.
Nach der Pause änderte sich der Höreindruck spürbar. Bei Jean Sibelius’ zweite Sinfonie in D-Dur schien das Orchester deutlich engagierter bei der Sache zu sein. Wo der Strauss zuvor wie eine Pflichtübung in Sachen Lautstärke gewirkt hatte, spürte man nun wieder die Lust am Detail und an der gemeinsamen Gestaltung. Dennoch war auch dieser Sibelius nicht frei von Trübungen.
Der Beginn des Allegretto wirkte unter Nelsons zwar nicht schroff, aber seltsam unklar artikuliert. Jenes charakteristische, pochende Dreitonmotiv, das eigentlich wie aus dem Nichts organisches Leben erschaffen soll, blieb rhythmisch völlig verschwommen. Es fehlte der klare Puls, der die nordische Landschaft des Werks konturiert. Erst im weiteren Verlauf fanden Dirigent und Orchester zu einer größeren Geschlossenheit. Ein interessanter klanglicher Kontrapunkt war hier die auffallend dominant geführte Tuba, die dem Gesamtklang eine knarzende, spröde Farbe beisteuerte und damit einen reizvollen Gegensatz zu den schimmernden Streicherflächen bildete.

Der zweite Satz, das Andante, ma rubato, war das emotionale Herzstück des Abends. Hier arbeiteten die Wiener die dramatische Schwere und die inneren Spannungen des Werks eindrucksvoll heraus. Die „Wiener Oboe“ glänzte mit lang schwebenden, kunstvoll geschmückten Melodien, die wie Lichtstrahlen durch eine dunkle Szenerie wirkten. Doch trotz dieser Qualitäten schien das Publikum mit der Aufmerksamkeit zu kämpfen; der Hustenpegel schwoll während der spröden Passagen unerfreulich deutlich an. Nelsons blieb sich seiner Vorliebe für die große Geste treu, was den Sibelius stellenweise ruppig und aufrauschend wirken ließ.
Der Übergang vom nervösen Vivacissimo in das finale Allegro moderato gelang schließlich mit jener organischen Geschmeidigkeit, die Weltklasse-Ensembles eigen ist. Hier bewiesen die Wiener Philharmoniker, warum sie für dieses Repertoire nach wie vor eine Referenz sind. Die breiten Klangflächen des Finalthemas segelten majestätisch durch den Saal. Es war nun kein bloßes Lautsein mehr, sondern ein schimmerndes Leuchten, getragen von einer inneren Wärme der Blechchoräle.
Nelsons baute die Steigerungen mit einer Geduld auf, die den abschließenden Triumph gewaltig erscheinen ließ. Wer sich auf diese dem Bombast durchaus zugeneigte Partiturauslegung einließ, erlebte eine überragende Coda, mit leider wieder mulmiger Pauke, die das Publikum schließlich zu Recht jubeln ließ. Es war der versöhnliche Abschluss eines Abends, der zuvor gefährlich nahe an der Beliebigkeit balanciert hatte.
Der Abend in der Alten Oper hinterlässt ein zwiespältiges Fazit. Zu erleben war ein Weltklasse-Orchester, das bei Richard Strauss zu sehr „bei sich“ war – eine Routine-Leistung, die sich in einer dröhnenden, unausgewogenen Oberfläche verlor. Nelsons agierte hier eher als Verwalter denn als Deuter, was gerade an diesem historischen Ort enttäuschend war.

Dass der Abend dennoch nicht als Misserfolg verbucht werden muss, lag an der zweiten Konzerthälfte. Bei Sibelius blitzte das wahre Potential der Wiener Philharmoniker auf. Trotz der anfänglichen rhythmischen Unschärfen und einer zeitweisen Sprödigkeit in der Artikulation wirkte das Orchester hier als leidenschaftlicher Anwalt der Musik.
In der Nachbetrachtung bleibt das Bild eines Orchesters, das sich auf seinem Kernrepertoire vielleicht ein Stück zu sicher fühlt. Wenn die Lust am Klang die Lust an der Präzision überholt, leidet die Substanz. Die Wiener Philharmoniker agierten nicht als musikalische Dienstleister, sondern als stolze Träger einer Tradition – doch diese Tradition hätte an diesem Abend ein wenig mehr frischen Wind und deutlich mehr Disziplin in der Schlagwerk-Balance vertragen können. Ein Abend des großen Klangs, der aber auch zeigte, dass selbst Gold manchmal poliert werden muss.
Dirk Schauß, 25. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Wiener Philharmoniker, Dirigent Andris Nelsons Wiener Konzerthaus, 19. Februar 2026
Wiener Philharmoniker, Andris Nelsons Musikverein, 14. Februar 2026