CD/Blu-ray Besprechung:
East Meets West
Aftab Darvishi – Unsuk Chin – Jörg Widmann – Thomas Adès
Anne-Sophie Mutter (violin)
Nancy Zhou (violin)
Ye-Eun Choi (violin)
Muriel Razavi (viola)
Pablo Ferrández (cello)
Stephanie Gonley (violin)
London Symphony Orchestra
Thomas Adès, musikalische Leitung
Alpha Classics, Alpha 1244
von Dirk Schauß
Wenn eine Künstlerin nach fünf Jahrzehnten auf den Weltbühnen ihr Jubiläum nicht mit einer sentimentalen Rückschau auf das vertraute Repertoire feiert, sondern eine eigene Editionsreihe für die Gegenwart gründet, dann ist das eine klare Aussage. Mit „ASM Forte Forward“ bei Alpha Classics emanzipiert sich Anne-Sophie Mutter endgültig von den Erwartungen des klassischen Establishments. Das erste Album dieser Reihe trägt den programmatischen Titel „East Meets West“ und ist weit mehr als eine Zusammenstellung zeitgenössischer Werke. Es ist eine Demonstration: Die Violine wird hier zum Medium globaler Diskurse.
Mutter, die einst als Wunderkind unter Herbert von Karajan begann, zeigt sich als furchtlose Mentorin und Entdeckerin. Sie füllt den oft beklagten „merkwürdigen Abstand“ zur Moderne mit einer Leidenschaft, die manchem Puristen den Atem rauben dürfte. Der Einstieg könnte kaum radikaler sein. Mit „Likoo“ der iranisch-niederländischen Komponistin Aftab Darvishi begibt sich Mutter in einen solistischen Grenzbereich. Inspiriert von den kargen Landschaften und der melancholischen Tradition des Irans, fordert das Stück der Geigerin alles ab: ein intensiver, intimer Dialog mit dem Instrument, der durch die Lagen auf- und absteigt und an die mikrotonalen Feinheiten orientalischer Gesänge erinnert. Mutters Timing in den Pausen ist präzise, ihre Dynamik reicht vom kaum hörbaren Hauch bis zum explosiven Ausbruch. Hier wird keine Partitur abgearbeitet – hier wird eine Geschichte von Freiheit und Verlust erzählt, die im Kontext der politischen Lage im Iran eine schmerzhafte Aktualität gewinnt.
Dass Mutter Reibung nicht scheut, beweist sie im anschließenden Duett „Gran Cadenza“ der in Berlin lebenden Südkoreanerin Unsuk Chin. Gemeinsam mit Nancy Zhou stürzt sie sich in ein Dickicht wilder, nervöser Tonfolgen. Es klingt, als würden beide ihre aufgestaute Energie direkt in die Saiten leiten. Für Liebhaber anspruchsvoller Dissonanz ist dies ein Fest: Chin fordert höchste Bogentechnik und Intonationsreinheit. Die beiden Violinen umkreisen einander wie Raubvögel, verbeißen sich und finden doch immer wieder zu einer bizarren, eigenen Harmonie zurück. Eine Virtuosität, die nicht selbstgenügsam ist, sondern die Ausdrucksmöglichkeiten des Instruments radikal erweitert.
Den Kern des Albums bildet Jörg Widmanns Streichquartett Nr. 6, die „Studie über Beethoven“. Zusammen mit Ye-Eun Choi, Muriel Razavi und Pablo Ferrández begibt sich Mutter auf eine Spurensuche, die das Erbe des Bonner Titanen in die Gegenwart holt. Widmann gelingt das seltene Kunststück, Altes und Neues auf Augenhöhe zu begegnen – eine respektvolle Dekonstruktion, die den Geist Beethovens atmet, ohne ihn zu kopieren. Die vier Musiker spielen mit einer solchen interpretatorischen Stringenz, dass selbst die schrägsten Einfälle Widmanns – plötzliche Glissandi, fast geräuschhafte Passagen – plausibel und zwingend wirken. Die Beethoven-Zitate funkeln wie Juwelen in einer neuen Fassung und entfalten dadurch eine überraschende Leuchtkraft.
Den versöhnlichen, ja geradezu magischen Abschluss bildet Thomas Adès’ „Air – Homage to Sibelius“. Begleitet vom London Symphony Orchestra unter der Leitung des Komponisten selbst, taucht Mutter in eine kühle, nordische Klangwelt ein. Schwebende, hohe Streicher lassen an weite finnische Landschaften denken. Aus einem feinen Dunst schält sich der glasklare, zugleich warme Ton ihrer Violine. In dieser „Trauer-Arie“, wie Mutter das Stück nennt, nutzt Adès ihre einzigartige Fähigkeit, in den höchsten Lagen einen ätherischen, nie dünnen Klang zu erzeugen. Es ist ein Moment vollkommener Entschleunigung, der den Zuhörer in eine Welt jenseits harter Kontraste führt.
Dieses Album ist mutig. Alpha Classics bietet hier eine Plattform für ein Projekt, das über die üblichen Marketingpfade der Klassikbranche hinausgeht. Die Aufnahmequalität ist hervorragend – sie fängt die feinsten kammermusikalischen Nuancen ebenso ein wie die orchestrale Dichte im Finale. Anne-Sophie Mutter beweist, dass man nach 50 Jahren Karriere nicht im Gestern verharren muss, um relevant zu bleiben. Im Gegenteil: Sie nutzt ihre Prominenz, um Stimmen Gehör zu verschaffen, die sonst oft im Schatten der großen Klassiker bleiben. Wer sich auf diese Reise einlässt, wird mit einem Hörerlebnis belohnt, das lange nachhallt und die Sinne schärft.
Dirk Schauß, 30. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at