© Christof Prick
Manche Abende in einem Konzert fühlen sich an wie eine Expedition ins Hochgebirge: Schon am Basislager ahnt man, dass der Sauerstoff knapp werden könnte. Wenn Gustav Mahlers sechste Sinfonie – die „Tragische“ in a-Moll – auf dem Programm steht, rüstet sich das Publikum nicht für ein Konzert, sondern für eine existenzielle Erschütterung.
Gustav Mahler
Sinfonie Nr. 6 a-moll
Philharmonie Südwestfalen und das Philharmonische Orchester Gießen
Christof Prick, musikalische Leitung
Kongresshalle Gießen, 17. April 2026
von Dirk Schauß
Am 17. April 2026 geschah jedoch mehr als eine bloße Aufführung. Die Philharmonie Südwestfalen und das Philharmonische Orchester Gießen verschmolzen unter der Leitung von Christof Prick zu einem einzigen, gewaltigen Klangkörper – einer wahren Mahler’schen Idealbesetzung.
Beide Ensembles bewiesen an diesem Abend, dass sie weit mehr als nur „Provinz“ sind: Sie lieferten eine Präzision, Klangschönheit und ausdauernde Kraft, die selbst internationalen Spitzenorchestern zur Ehre gereicht hätte.
Prick, ein Kapellmeister der alten Schule, dessen Name sonst mit der MET oder der Semperoper verbunden wird, setzte auf stille Souveränität statt auf Selbstdarstellung. Schon der Beginn des ersten Satzes setzte eine unmissverständliche Aussage. Das marschartige Hauptthema kam als erdenschwerer, unerbittlicher Vormarsch daher – grimmig, geradezu nihilistisch, verstärkt durch das drohende Paukenthema. Die Direktheit der Kongresshallen-Akustik wurde zum Glücksfall: Jedes Detail, jede chromatische Verwerfung in den Holzbläsern, jeder giftige Blechakzent traf ohne Umweg ins Ohr. Es gab kein Entrinnen.
Besonders beeindruckend war Pricks Vertrauen in seine Musiker. Er verzichtete glücklicherweise auf unnötiges Mikromanagement und ließ die beiden Orchester mit einer Freiheit spielen, die den riesigen dynamischen Raum voll zur Geltung brachte. Ein sehr gute Idee war die Platzierung der Herdenglocken direkt auf dem Podium. Statt sie hinter dem Orchester zu verstecken, entfalteten sie ein betont räumliches, überirdisches Klangbild – wie die letzte, allmählich verklingende Verbindung zur Welt beim Aufstieg in eisige Höhen. Ein Moment zerbrechlicher Schönheit inmitten drohenden Unheils, in dem die Zeit stillzustehen schien.
Im Scherzo, das Prick folgerichtig an zweiter Stelle setzte, zeigten die Holzbläser beider Orchester eine beißende Schärfe und rhythmische Präzision, die man eher bei Schostakowitsch vermuten würde: ein hinkender, sarkastischer Tanz auf dem Vulkan voller grotesker Wendungen. Die nahtlose Verschmelzung der beiden Klangkörper war atemberaubend – sie atmeten mit einer Lunge, sie dachten mit einem Willen.

Der Übergang zum Adagio geriet zum emotionalen Höhepunkt. Die Streicher entfalteten einen Liebesgesang an Alma Mahler von schmerzhafter Intensität und warmer Kantabilität: kein kitschiges Schmachten, sondern ein tief empfundenes Bekenntnis menschlicher Sehnsucht. Prick ließ das Orchester singen und schwelgen. Herrlich.
Die eigentliche Prüfung kam im gewaltigen Finale. Diese halbe Stunde Materialschlacht hat schon manchen Dirigenten in ohrenbetäubendem Lärm scheitern lassen. Prick hielt die Architektur mit klarer Hand zusammen, während die Musiker beider Orchester eine Ausdauer und Klanggewalt zeigten, die beeindruckend war. Das Blech brillierte mit eiserner Kraft, das Schlagzeug entfesselte einen mitreißenden Strom rhythmischer Gewalt. Als die Hammerschläge fielen, waren es keine Effekte, sondern akustische Hinrichtungen – das endgültige Scheitern des Helden gegen die Übermacht des Schicksals. Der letzte Aufschrei des gesamten Apparats traf wie ein physischer Schlag.
Als der finale, unerbittliche Pizzicato-Akkord verklungen war, herrschte eine Stille, die lauter schien als alles zuvor. Ein kollektives Innehalten, bevor der Applaus losbrach und das Publikum sich von den Plätzen erhob. In diesem Moment wurde klar: Man hatte eine Sternstunde erlebt. Christof Prick hat Mahler nicht nur dirigiert – er hat ihn für die Zuhörer durchlebt. Doch erst die außergewöhnliche Leistung der Philharmonie Südwestfalen und des Philharmonischen Orchesters Gießen hat diese Interpretation zu etwas Einmaligem gemacht. Beide Ensembles haben sich an diesem Abend ein bleibendes Denkmal gesetzt.
Wer dabei war, wird diese neunzig Minuten, die wie im Flug vergingen, so schnell nicht vergessen. Es war ein Abend, der bewies: In ihrer reinsten Form kennt Musik keine Kompromisse. Mehr geht nicht.
Dirk Schauß, 18. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
CD/Blu-ray Besprechung: Gustav Mahler, Das Lied von der Erde klassik-begeistert.de, 7. April 2026