Buchbesprechung:
Franz Willnauer (Hrsg.), Gustav Mahler – Vom Elend eines Genies. Unbekannte Briefe, Dokumente, Erinnerungen
von Dr. Andreas Ströbl
Meist steht die Idee zu einem Buch vor dem Sammeln, aber es geht auch andersherum. In mehreren Jahrzehnten der Beschäftigung mit Gustav Mahler hat Franz Willnauer bislang kaum oder gar nicht bekannte Dokumente, Erinnerungen und Briefe von und über Mahler gesammelt, und sich nun entschlossen, dieses aufschlussreiche Konglomerat einer interessierten Leserschaft zugänglich zu machen. Willnauer ist vielen Mahler-Freunden durch seine beiden Brief-Editionen „Verehrter Herr College!“ (2010) und „In Eile – wie immer“ (2016) wohlbekannt.
Der Begriff des Elends mag auf den ersten Blick innere Fragezeichen aufsteigen lassen, geht es doch auch erklärtermaßen um die „Glorie“ dieses Genies. Aber wer Mahler kennt, weiß, dass sein Leben und Werk von schwierigen, düsteren und konfliktbehafteten Aspekten durchzogen sind. Die Lektüre des Buches klärt dann über den Titel auf.
Diese Publikation ist alles andere als eine bloß akademisch zusammengetragene Dokumentensammlung; vor allem ist sie klar strukturiert. Eine erste und dritte Abteilung lässt den Komponisten selbst zu Wort kommen. Dabei geht es zunächst um Mahlers verantwortliche Haltung seiner Familie gegenüber, dann um die Musiker, mit denen er zusammengearbeitet hat, und schließlich um seine Retuschen zu Beethovens „Neunter“. Mahler hatte ja durchaus eigene und nicht unangefochtene Vorstellungen über den authentischen Klang klassischer Werke.
Der dritte Teil beinhaltet Briefe Mahlers an die Sänger Willi Birrenkoven und Theodor Reichmann sowie an den Theater- und Konzertagenten Norbert Salter. Hier spricht ein kluger und diplomatisch denkender Organisator, der mit den oft harschen Realitäten des Musikbetriebs und bekanntlich auch mit seinem eigenen Temperament zu kämpfen hatte.
Zwischen diesen beiden Abteilungen eröffnen Würdigungen und Erinnerungen einen aufschlussreichen Blick in die Mahler-Renaissance der 50er und vor allem 60er Jahre. Maßgeblich sind hier die Darstellungen von Erwin Ratz, der die „Wiener Internationale Gustav Mahler Gesellschaft“ gründete, und des Musikhistorikers Max Busch. Letzterer nannte seine Beschreibung von Mahlers Zeit am Hamburger Stadt-Theater „Vom Elend eines Genies“, wobei dieses Elend vor allem in den Arbeitsbedingungen bestand.
Beigesteuert werden Erinnerungen des Pianisten Moriz Rosenthal und von Max Bachur, der mit Bernhard Pollini am Hamburger Theater arbeitete und es später leitete. Mahler-Kennern ist der Name Pollini unangenehm vertraut, denn er hatte Talent, dem von ihm eigentlich bewunderten Mahler das Dirigentenleben mehr als schwer zu machen.
Im vierten Abschnitt wird durch Zeitzeugen und Freunde das Wien der ganz späten KuK-Zeit greifbar: Tagebuch-Einträge der Mahler-Weggefährtin Berta Zuckerkandl sowie Erinnerungen der Dirigentenkollegen Fritz Stiedry und Franz Schalk bieten auch für denjenigen, die sich intensiv mit Mahler auseinandergesetzt haben, ein differenziertes Bild voller interessanter und manchmal überraschender Details.
Es folgen Darstellungen des Kritikers Hans Puchstein, eines erklärten Mahler-Gegners, und der Bewunderin Elsa Bienenfeld mit ganz unterschiedlichen Facetten. Ein Text von Willnauer selbst beleuchtet den Besuch Mahlers bei Sigmund Freud, von dem er sich psychologischen Aufschluss zu seiner Ehekrise mit Alma erhoffte.
Dem nüchternen Kurzeintrag von Hermann Bahr über Mahlers Tod steht der Vollständigkeit halber das unsägliche Pamphlet von Karl Kraus gegenüber.
Eine intelligent geführte Klammer bilden zwei Texte von Stefan Zweig, dessen Gedicht „Der Dirigent“ ein Jahr vor Mahlers Tod entstand, und das solche wunderbaren Zeilen, wie „Nacht stürzt herab, und alles wird Musik“ oder „Wir sind am Strand, daran die Träume scheitern“ enthält. Dieses lange, seelenvolle Gedicht steht am Anfang des Buches, das wiederum Zweigs Würdigung „Gustav Mahlers Wiederkehr“ beschließt.
Dankenswerterweise hat Willnauer die einzelnen Abschnitte mit wegweisenden Bemerkungen und Erläuterungen zu den Dokumenten und ihrem jeweiligen Kontext versehen.
Bereits beim ersten Durchblättern wird auch eingeschworenen Mahler-Bewunderern klar, dass sie hier einen wertvollen Fundus vor sich haben, der manche Aspekte des „Universums Mahler“ im Privaten und innerhalb des Musikbetriebs des fin-de-siècle anders und neu beleuchtet. Nicht nur für Mahlerianer sehr zu empfehlen!
Dr. Andreas Ströbl, 25. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Franz Willnauer (Hrsg.), Gustav Mahler – Vom Elend eines Genies, Unbekannte Briefe, Dokumente, Erinnerungen. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2026, 335 S., ISBN: 978-3-552-07592-4
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