100 Jahre nach der Uraufführung: Christian Thielemann dirigiert Wozzeck in Berlin

Alban Berg, Wozzeck (1925)  Staatsoper Berlin, 21. Dezember 2025

Christian Thielemann, Staatskapelle Berlin © Stephan Rabold

Alban Berg Wozzeck
Oper in drei Akten (1925)

Musik von Alban Berg
Text nach dem Dramenfragment „Woyzeck“ von Georg Büchner

Musikalische Leitung: Christian Thielemann
Inszenierung: Andrea Breth

Staatsopernchor, Kinderchor der Staatsoper,
Staatskapelle Berlin

Staatsoper Unter den Linden, Berlin, 21. Dezember 2025

von Julian Führer

Vor genau 100 Jahren, im Dezember 1925, wurde Alban Bergs Wozzeck in Berlin uraufgeführt. Die Berliner Staatsoper nahm dies zum Anlass, Andrea Breths Inszenierung von 2011 noch einmal zu zeigen.

Die Bühne (Bühnenbild: Martin Zehetgruber) zeigt im ersten Teil eigentlich nur einen schmalen trapezförmigen Ausschnitt, in dem kammerspielartig verdichtet die Figuren in Beziehung zueinander gesetzt werden. Der Soldat Wozzeck rasiert seinen Hauptmann, stellt sich einem Arzt für Experimente zur Verfügung, versucht irgendwie an Geld zu kommen, denn zu Hause ist Marie, mit der er einen unehelichen Sohn hat. Sympathien für Wozzeck hat auf der Bühne niemand, alle nutzen ihn aus. Wozzeck selbst ist sich der eigenen Kläglichkeit bewusst, kann seine Gedanken aber auch nicht sinnvoll ordnen. Seine Äußerungen mäandern umher und sind für den Doktor Ausdruck einer „aberratio mentalis partialis, die zweite species, sehr schön ausgeprägt“. Marie interessiert sich derweil für den Tambourmajor.

Anja Kampe, Solist des Kinderchors der Staatsoper
© Stephan Rabold

Die Enge der Szenerie schafft schöne Bilder, ist allerdings akustisch tückisch, da der Gesang es oft kaum über die Rampe schafft und das Fernorchester im ersten Akt nur sehr weit entfernt und mehr zu ahnen als zu hören ist. Obendrein deckt ein Gazevorhang die Bühne zu, was für ein milchiges und leicht diffuses Licht sorgt (Licht: Olaf Freese), gleichzeitig aber das Bühnengeschehen noch einmal dämpft. Die sparsame Bühneneinrichtung lässt manchmal auch an Gefängniszellen denken, durch deren Gitterstäbe immer wieder Figuren auf die Protagonisten starren.

Im zweiten Teil weitet sich die Bühne zu einem drehbaren großen Podest, im dritten Teil ist der Bühnenraum manchmal auch ganz frei. Marie hat eine Liaison mit dem Tambourmajor, und Wozzeck, bei dem man nicht weiß, ob er den Verstand verloren hat oder schlicht verzweifelt ist, ersticht die Mutter seines Kindes, das allein zurückbleibt. Andrea Breths Inszenierung bebildert das Libretto behutsam und schlüssig, dankenswerterweise ohne Video, Krankenhausbetten und Bühnenrollstühle. Bis zum Ende führen der Gazevorhang und die dadurch nach vorne stark begrenzte Spielfläche dazu, dass der Gesang nicht im Zentrum dieses Abends steht.

Simon Keenlyside gelingt dabei ein beklemmendes Porträt der Titelpartie, das auch schauspielerisch überzeugt. Bergs Phrasierung verlangt über weite Passagen eine Art Sprechgesang; Christian Gerhaher hat (vor ein paar Jahren in Zürich) gezeigt, wie man diese Rolle auch zurückhaltend und kantabel gestalten kann. Keenlyside unterstreicht stärker Wozzecks Zerrissenheit und verleiht ihr plausible Konturen.

Anja Kampe, Solist des Kinderchors der Staatsoper, Andreas Schager © Stephan Rabold

Anja Kampe als Marie betont die großen und die hohen Töne; in den Zwischenpassagen hätte man sich mehr Deutlichkeit und Textverständlichkeit gewünscht.

Das gilt auch für den Tambourmajor des Andreas Schager, der mit künstlich aufgemuskeltem Oberkörper vermeintlich ‚oben ohne‘ über die Bühne stolziert und im Grunde ähnlich wie der ebenfalls namenlose Hauptmann nur eine Fratze ohne Persönlichkeit ist.

Andreas Schager, Simon Keenlyside, Staatsopernchor
© Stephan Rabold

Wolfgang Ablinger-Sperrhacke gab diesen Hauptmann souverän, Stephen Milling mit massiger, hünenhafter Gestalt im grünlichen Kittel neben dem Versuchskaninchen Wozzeck im weißen Feinrippunterhemd einen manchmal bedrohlichen, manchmal auch nur verschrobenen Doktor. Die Kostüme (Silke Willrett und Marc Weeger) unterstrichen bei den Figuren stets plausibel das Typenhafte.

Wolfgang Ablinger-Sperrhacke, Simon Keenlyside
© Stephan Rabold

Die eigentliche Hauptrolle spielten an diesem Abend jedoch Dirigent und Orchester.

Das optisch und vor allem akustisch gedämpfte Bühnengeschehen ließ das Orchester umso stärker hervortreten. Die 15 Szenen sind in den drei Akten durch Überleitungen verbunden, in denen die Staatskapelle teilweise beeindruckte. Besonders hervorzuheben sind hier die Homogenität der mitunter gezielt aufgerauht spielenden tiefen Streicher und das Blech, das unter Christian Thielemann eine Spielkultur erreicht hat, die in früheren Jahren so nicht zu erleben war.

Thielemann erreichte beim Klang eine Transparenz, die jede Phrase der Partitur hörbar machte, und ließ in den Zwischenspielen gerade am Ende auch größere Lautstärken zu, ohne den bezüglich der Dynamik limitierten Saal zu überfordern.

Entsprechend war auch die Reaktion des Publikums im fast ausverkauften Haus. Der Schluss des Stückes, wo dem Sohn Wozzecks und Marie „Deine Mutter ist tot!“ zugerufen wird und der Knabe dies nicht registriert (registrieren will, registrieren kann?) und weiter mit seinem Steckenpferd spielt („hopp-hopp“ sind die letzten Worte des Stücks), verbietet allzu euphorische Beifallsstürme zunächst.

Die Soli bekamen allesamt freundlichen, Simon Keenlyside sehr herzlichen Applaus. Bravorufe in großer Zahl gab es hingegen für Christian Thielemann.

Am 4. Januar 2026 ist ‚Wozzeck‘ in dieser Besetzung ein letztes Mal zu erleben.

Julian Führer, 22. Dezember 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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