Andris Nelsons beschwört den Schatten Stalins in der Berliner Philharmonie

Andris Nelsons, Dirigent, Berliner Philharmoniker, Benjamin Beilman  Philharmonie Berlin, 11. Dezember 2025

Andris Nelsons © Marco Borggreve

Andris Nelsons, der sich in den letzten Jahren als Schostakowitsch-Dirigent profiliert hat, wird zurecht für seine Interpretation bejubelt. In diesem Jahr hatte er eine umfangreiche CD-Edition veröffentlicht, die sämtliche Symphonien, die Klavier- und Cellokonzerte und die Oper Lady Macbeth von Mzensk enthält, alle mit dem Boston Symphony Orchestra eingespielt.

Marcel Dupré:  Cortège et Litanie
Antonín Dvořák:  Konzert für Violine und Orchester
Dmitri Schostakowitsch:  Symphonie Nr. 10

Jan Liebermann   Orgel
Benjamin Beilman   Violine

Andris Nelsons   Dirigent
Berliner Philharmoniker

Philharmonie Berlin, 11. Dezember 2025

von Peter Sommeregger

Vor exakt 60 Jahren wurde die Orgel in der Berliner Philharmonie eingeweiht, aus diesem Anlass wurde das aktuelle Konzert von einem kurzen Werk für Orgel und Orchester eröffnet. Der junge, virtuose Organist Jan Liebermann konnte trotz der Kürze von Duprés Komposition das Instrument in seiner Klangfülle präsentieren, und gleichzeitig seine Meisterschaft beweisen.

Dvořáks virtuoses Violinkonzert, ursprünglich Joseph Joachim gewidmet, der es unbegreiflicherweise verschmähte, wurde von dem Solisten Benjamin Beilman zum rauschenden Erfolg geführt. Beilman verfügt über fast atemberaubende Virtuosität und brillierte mit den Kantilenen des Werkes, dem der Komponist auch folkloristische Elemente beigefügt hatte. Das Charisma des Solisten eroberte das Publikum im Sturm, das eine Zugabe erklatschte.

Hauptwerk des Abends war Schostakowitsch’ monumentale 10. Symphonie, in der er 1953, unmittelbar nach Stalins Tod, die düstere Ära von dessen Regentschaft beschwor. Der Komponist hatte persönlich unter der Ablehnung Stalins zu leiden, dessen Tod war für Schostakowitsch eine Befreiung.

Als die Berliner 1969 mit Herbert von Karajan in Moskau und Leningrad gastierten, führte Karajan demonstrativ diese Symphonie auf, die dem anwesenden Komponisten einen der größten Triumphe seines Lebens bescherte.

Im ersten, düsteren Satz zeichnet die Musik das Bild der Angst und Unterdrückung der Menschen zu Stalins Zeit. Das furiose Scherzo des zweiten Satzes schildert die extreme Persönlichkeit des Tyrannen, wobei Schostakowitsch ein grotesk überdrehtes Lieblingslied Stalins in die Partitur einbaut.

Der bestehenden Unsicherheit die Zukunft betreffend gibt der dritte Satz Ausdruck, dessen markantestes Element ein zwölfmaliger Hornruf ist. Der turbulente Schlusssatz lässt noch einmal warnend Passagen aus dem Stalin-Scherzo erklingen, aber nach und nach setzt sich die Volksfeststimmung durch , die Symphonie endet turbulent und reißt das Publikum fast von den Stühlen.

Andris Nelsons, der sich in den letzten Jahren als Schostakowitsch-Dirigent profiliert hat, wird zurecht für seine Interpretation bejubelt. In diesem Jahr hatte er eine umfangreiche CD-Edition veröffentlicht, die sämtliche Symphonien, die Klavier- und Cellokonzerte und die Oper Lady Macbeth von Mzensk enthält, alle mit dem Boston Symphony Orchestra eingespielt. Auch das Berliner Publikum konnte er überzeugen, und zu jubelndem Applaus bewegen.

Peter Sommeregger, 12. Dezember 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

CD-Besprechung: Schostakowitsch, Sämtliche Symphonien und Konzerte klassik-begeistert.de, 30. April 2025

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