Anne-Sophie Mutter © Jürgen Carle
Es gibt Abende in der Alten Oper, da spürt man schon beim Betreten des Saals eine besondere Erwartung. Vielleicht liegt es daran, dass man zwei Musikerinnen erwartete, die zwar unterschiedlichen Generationen angehören, aber denselben unbedingten Willen zur künstlerischen Wahrheit teilen. Wenn Anne-Sophie Mutter, die seit nunmehr fünf Jahrzehnten die Geigenwelt anführt, und die US-amerikanische Dirigentin Karina Canellakis erstmals gemeinsam auf Tournee gehen, dann ist das kein bloßes Schaulaufen des Veranstalters. Es ist eine Begegnung auf Augenhöhe, die den Staub von den Partituren klopft, ohne deren Würde zu verletzen.
Jean Sibelius Tapiolas Tochter op. 49
Pjotr Iljitsch Tschaikowskys Violinkonzert D-Dur op. 35
Ludwig van Beethoven Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92
Anne-Sophie Mutter, Violine
London Philharmonic Orchestra
Karina Canellakis, musikalische Leitung
Alte Oper Frankfurt, 27. Februar 2026
von Dirk Schauß
Dass das London Philharmonic Orchestra (LPO) unter Canellakis den Abend mit Jean Sibelius’ „Pohjolas Tochter“ eröffnete, war ein kluger, programmatischer Schachzug. Das Stück ist in unseren Breitengraden immer noch ein Geheimtipp, dabei steckt es voller erzählerischer Urgewalt. Um die Musik zu verstehen, hilft ein Blick in das finnische Nationalepos Kalevala: Der alte, mächtige Zauberer Väinämöinen sieht auf seiner Heimreise die Tochter des Nordens auf einem Regenbogen sitzen. Sie ist wunderschön, aber von einer kühlen Arroganz. Sie fordert Unmögliches von ihm – etwa, ein Boot aus den winzigen Splittern ihrer Spindel zu zimmern. Der stolze Zauberer scheitert an dieser Aufgabe, verletzt sich und zieht beschämt in die Einsamkeit von dannen.
Sibelius übersetzt diesen Mythos nicht als süßliches Märchen mit Glitzerharfen, sondern als raue, physisch spürbare Klanglandschaft. Canellakis, die bei aller Präzision eine enorme gestalterische Energie ausstrahlt, ließ das LPO in jener Klangverdichtung erstrahlen, die so typisch für den Finnen ist. Es begann mit einem tiefen Cello-Solo, das wie das Knarren von altem, gefrorenem Holz wirkte. Hier zeigte sich bereits die Qualität des Orchesters: Ein homogener, dunkler Grundstrom, der sich nicht aufdrängt, aber den Raum füllt.
Canellakis bewies Mut zur Lücke und zur Stille. Sie ließ die Instrumentengruppen wie tektonische Platten gegeneinander verschieben. Besonders faszinierend war ihre Arbeit mit den Blechbläsern: Anstatt den Saal mit Lautstärke zu fluten, wählte sie eine feine Lautstärkekontrolle, die das Unwirtliche, das Mystische dieser Musik betonte. Die „Tochter des Nordens“ war hier nicht nur eine Figur, sie war die klangliche Atmosphäre selbst – unnahbar und faszinierend zugleich. Canellakis dirigiert dabei weniger wie eine Taktgeberin, sondern eher wie eine Bildhauerin, die den Klang aus der Stille herausmeißelt.

Nach diesem herben nordischen Auftakt folgte der Moment, für den viele im Publikum gekommen waren. Anne-Sophie Mutter trat auf – gewohnt souverän, ja majestätisch, aber mit einer spürbaren Vorfreude auf das musikalische Risiko. Auf dem Programm stand Pjotr Iljitsch Tschaikowskys Violinkonzert D-Dur op. 35. Ein Werk, das Tschaikowsky in einer Phase tiefster Depression rettete, nachdem seine Ehe gescheitert war und sein Leben in Trümmern lag. Vielleicht ist das der Grund, warum dieses Konzert zwischen absolutem Triumph und tiefer Melancholie schwankt.
Mutter und Canellakis wählten einen Ansatz, der weit über die übliche Virtuosenshow hinausging. Schon im ersten Satz, dem Allegro moderato, wurde deutlich: Hier wird nicht auf Sicherheit gespielt. Wo andere Solisten das Stück als sportliche Übung begreifen, suchte Mutter die Reibung. Ihr Ton im ersten Thema war von jener blühenden Fülle, für die sie berühmt ist, doch sie kontrastierte dies sofort mit einer geradezu aggressiven Attacke in der Passagenarbeit.

Besonders interessant: Die berühmte Polonaisen-Rhythmik taucht bei Tschaikowsky im ersten Satz in den orchestralen Zwischenspielen auf. Das LPO spielte diese bei angezogenem Tempo mit einem schneidigen Profil, rhythmisch präzise, trocken und ohne falsches Pathos. Canellakis hielt das Orchester straff an der Leine, was Mutter den Raum gab, in der großen Kadenz ganz zu sich selbst zu kommen. Diese Kadenz war kein technisches Feuerwerk, sondern ein intimes, auch zuweilen schmerzhaftes Selbstgespräch. Dass dabei im Eifer der Emotion auch einmal ein Ton leicht ausscherte oder ein Doppelgriff rau klang, war kein Makel, sondern ein Zeichen von absoluter Aufrichtigkeit. Es war die Antithese zur sterilen Perfektion einer Studioaufnahme; es war „gelebte“ Musik.
Den absoluten Höhepunkt des Abends bildete die Canzonetta, der zweite Satz. Mutter wählte hier einen radikalen, geradezu schockierenden Ansatz. Die einleitenden Takte spielte sie extrem fahl, vollkommen ohne Vibrato. Es war ein Klang wie aus einer anderen Welt, zerbrechlich, einsam und körperlos. Es schmerzte. In der Alten Oper war es in diesem Moment so still, dass man das Atmen der Nachbarn hörte. Erst in der Wiederholung des Themas ließ sie das Vibrato ganz behutsam, fast schüchtern zurückkehren, was eine emotionale Wucht entfaltete, die viele im Saal sichtlich rührte. Die Holzbläser des LPO, inspiriert von diesem Mut zur Zerbrechlichkeit, antworteten mit einer Sensibilität, die Gänsehaut auslöste.
Im Finale dann der Umschwung: Hier wurde gefeiert. Canellakis und Mutter peitschten sich gegenseitig durch die rasanten Läufe. Dabei war bewundernswert, wie wenig Kraftaufwand Mutter selbst bei höchstem Tempo zu benötigen schien. Es war eine Lektion in Ökonomie und Eleganz. Als Belohnung für den frenetischen Applaus gab es eine Zugabe, die den Bogen zurück zur persönlichen Geschichte schlug: „Song“ aus dem Zyklus „Tango, Song and Dance“, komponiert von ihrem verstorbenen Ex-Mann André Previn. Ein Stück filmischer Melancholie, das wie ein sanfter Abschiedsgruß in den Saal schwebte.

Nach der Pause gehörte die Bühne Karina Canellakis und dem LPO allein. Ludwig van Beethovens 7. Sinfonie stand an – jenes Werk, das Richard Wagner als „Apotheose des Tanzes“ bezeichnete. Canellakis’ Ansatz war modern, entschlackt und hörbar von der historischen Aufführungspraxis beeinflusst, ohne jedoch dogmatisch zu wirken.
Das LPO spielte nun mit Naturtrompeten und historischen Pauken, was dem Gesamtklang eine klare Transparenz verlieh. In der Einleitung zum ersten Satz war jeder Akzent exakt austariert. Canellakis verzichtete auf das dicke, spätromantische Klangfett. Stattdessen gab es scharfe Konturen. Besonders beeindruckend war die Bogendisziplin der Streicher: Das Vibrato wurde gezielt als Farbe eingesetzt, oft spielten sie gänzlich ohne, was den Bläsern (vor allem den hervorragenden Hörnern) viel mehr Raum zur Entfaltung gab.
Der zweite Satz wurde unter Canellakis’ Händen zu einem fließenden, geisterhaften Trauermarsch. Sie vermied jegliches Schleppen, hielt den Puls stabil und ließ die Schichten der Musik sich organisch übereinanderlegen. Hier zeigte sich ihr Talent als „Regisseurin der Energie“: Sie baute die Spannung über das Scherzo hinweg so konsequent auf, dass das Finale zwangsläufig in einer klanglichen Explosion enden musste.
Im vierten Satz entfesselte sie dann einen regelrechten Rausch. Canellakis steigerte die gestalterische Intensität bis zum Äußersten. Das LPO agierte wie eine einzige, hochpräzise Maschine, die jedoch eine Seele besaß. Das Frankfurter Publikum reagierte auf den letzten Akkord mit einem kollektiven Aufschrei – eine Mischung aus Erleichterung und purer Begeisterung.
Was bleibt von diesem Abend? Die Gewissheit, dass klassische Musik keineswegs im Museum verstaubt, wenn sie mit einer solchen Mischung aus Ehrfurcht vor dem Text und Mut zur individuellen Aussage präsentiert wird. Die Begegnung zwischen der erfahrenen Anne-Sophie Mutter und der impulsiven Karina Canellakis war kein Kompromiss, sondern eine gegenseitige Befruchtung.
Das London Philharmonic Orchestra hat bewiesen, dass es zu Recht zur Weltspitze zählt – nicht durch bloße Brillanz, sondern durch eine Wandlungsfähigkeit, die an diesem Abend drei völlig unterschiedliche musikalische Welten glaubhaft machte. Es war ein Plädoyer für die Leidenschaft. Und wie Mutter schon sagte: Man muss sie auf der Bühne erleben, um sie zu verstehen. Wer an diesem Abend in der Alten Oper war, hat ein großes Stück dieser Wahrheit erfahren.
Dirk Schauß, 28. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at