CD Rezension: Mascagnis „Iris“ – zu Unrecht vergessen

Pietro Mascagni,  Iris

Iris  Karine Babajanyan

Osaka  Samuele Simoncini

Kyoto  Ernesto Petti

Der Blinde  David Oštrek

Eine Geisha  Nina Clausen

Ein Lumpensammler  Andrés Moreno García

Chor und Orchester der Berliner Operngruppe e.V.

Dirigent  Felix Krieger

OEHMS Classics OC 991

Mitschnitt der Aufführung im Konzerthaus Berlin, 18. Februar 2020

von Peter Sommeregger

Seit bereits zehn Jahren macht sich die Berliner Operngruppe um die Ausgrabung vergessener Opern verdient. Unter der künstlerischen Gesamtleitung von Felix Krieger wurden seit 2010 Werke von Verdi, Donizetti, Bellini und Puccini halbszenisch aufgeführt, die aus unterschiedlichen Gründen keinen Platz im Repertoire gefunden haben.

Ein solcher Fall ist das Geisha-Drama Iris, das trotz großen Erfolges bei der Uraufführung 1890 schon seit Jahrzehnten von den Internationalen Spielplänen praktisch verschwunden ist. Von Mascagnis insgesamt 16 Opern konnte sich dauerhaft nur der Erstling Cavalleria Rusticana im Repertoire halten. Das ist schwer verständlich, weil die musikalische Substanz der Iris alle Zutaten für einen veristischen Reißer hat. Mit einer Ausnahme vielleicht: In dieser Oper gibt es keine Liebenden, trotz heftigster Emotionen, Liebe ist keine dabei. Was naturgemäß dazu führt, dass emotional eine Dimension fehlt, und es natürlich auch kein Liebesduett gibt.

Die übersichtliche Handlung wird auf dem Podium des Konzerthauses Berlin stilisiert szenisch dargestellt. Chor und Orchester der Operngruppe Berlin spielen sich unter der Leitung von Felix Krieger schnell warm, bereits der einleitende Chor gelingt ausgezeichnet, und dann nimmt schon das Drama um die naive junge Japanerin Iris seinen Lauf. Diese Rolle wird von der armenischen Sopranistin Karine Babajanyan verkörpert, die über einen großen dramatischen Sopran verfügt. Sie scheint mit der Partie bestens vertraut, in der Mittellage und den tieferen Registern trägt die Stimme problemlos. Schwierigkeiten bereiten nur die höheren Passagen, da klingt die Stimme merkwürdig trocken und schartig, das mag aber auch an einer ungünstigen Tagesverfassung liegen, Berlin präsentiert sich an diesem Abend windig und regenverhangen.

Mit fast stählernem Tenorstrahl agiert der Italiener Samuele Simoncini, der als lyrischer Tenor begann, sich aber inzwischen das Spinto-Fach erobert hat. Ihm fällt die Rolle des Bösewichtes Osaka zu, der Iris, die seine Begierde geweckt hat, ins Verderben stürzt. Die Stimme ist groß, hat Durchschlagskraft und hat auch ein ansprechendes Timbre. Ihm gelingt es besser als allen anderen an diesem Abend, die Dramatik der Handlung zu transportieren, wenn er singt, scheint die Raumtemperatur gefühlt anzusteigen. Der Heldenbariton Ernesto Petti ist als der Schurke Kyoto mit balsamischem Timbre ein ebenbürtiger Gegenspieler Simoncinis, mit dem gemeinsam er einige Szenen bestreitet.

Auch in den kleineren Rollen trifft man auf vokal Erfreuliches. David Oštrek als Irisʼ blinder Vater, Andrés Moreno García in der kleinen, aber wichtigen Rolle des Lumpensammlers, sowie Nina Clausen als Geisha.

Eindrucksvoll und höchst professionell Orchester und Chor, die es in dieser Qualität leicht mit den drei festen Berliner Opernhäusern aufnehmen könnten. Zum Nachdenken sollten solche „Ausgrabungen“ ohnehin anregen, das Repertoire der großen Häuser verengt sich immer mehr und wird mehr und mehr austauschbar.

Das Erscheinen dieser Aufführung auf CD muss man ausdrücklich begrüßen!

Peter Sommeregger, 8. April 2021, für
klassik-begeistert.de,klassik-begeistert.at und klassik-begeistert.ch

„Ariadne auf Naxos“ unter Thielemann in Wien: So wunderbar verwandelst Du!

Richard Strauss, Ariadne auf Naxos
Live-Mitschnitt vom Oktober 2014

Orchester der Wiener Staatsoper
Christian Thielemann, Dirigent

ORFEO C996202

von Peter Sommeregger

Richard Strauss’ Schmerzenskind unter seinen Opern, die „Ariadne auf Naxos“, konnte sich erst im zweiten Anlauf durchsetzen, nachdem Hofmannsthal und Strauss der Oper ein szenisches Vorspiel voranstellten. In dieser Version wurde die Oper in Wien uraufgeführt und ist zu einem Lieblingsstück der Wiener geworden. „Richard Strauss, Ariadne auf Naxos, Orchester der Wiener Staatsoper, Christian Thielemann,
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CD-Tipp: Bach an authentischem Ort

Johann Sebastian Bach, Sonaten und Partiten

Attila Aldemir
Cybele Records

2 SACD 231903

Foto: Attila Aldemir ©

von Peter Sommeregger

Der türkisch-deutsche Geiger Attila Aldemir, der seine Ausbildung sowohl in Istanbul als auch in Deutschland erhielt, spielt gleichermaßen Bratsche wie Geige und verlagerte seine Tätigkeit aktuell auf die Viola.

Das hier auf zwei CDs vorgelegte Projekt ist eine Einspielung von J.S. Bachs legendären Sonaten und Partiten BWV 1001-1006. Besonders daran ist, dass Aldemir die Stücke persönlich für die Viola arrangiert hat. Auch der Ort der Aufnahme, die St. Agnus-Kirche in Köthen, ist eine Besonderheit. Köthen, wo Bach als Kapellmeister wirkte, dürfte der Ort sein, an dem diese Stücke, zumindest ein Teil von ihnen, entstanden. „CD-Tipp, Johann Sebastian Bach, Sonaten und Partiten
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CD –Tipp: Manrico Padovani – Leuchtkraft und bezwingende Süße

Manrico Padovani: Beethoven Works for Violin
Prague Philharmonic
Boris Perrenoud

ARS 38 585

von Peter Sommeregger

Der in der Schweiz geborene Sohn italienischer Eltern Manrico Padovani legt mit dieser CD seine persönliche Hommage an den Jubilar Ludwig van Beethoven vor.

Die Aufnahmen dafür fanden an verschiedenen Orten statt. Die Romanze für Violine und Orchester F-Dur wurde mit dem Russischen Philharmonischen Orchester unter Boris Perrenoud in einem Moskauer Tonstudio aufgenommen, die Sonate für Violine und Klavier D-Dur op.12 entstand unter Mitwirkung des Pianisten Igor Longato bei einem Live-Konzert in Mailand. „CD-Besprechung, Manrico Padovani, Beethoven Works for Violin
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Musikalische Liebesboten par excellence

CD-Tipp: Wagner Mahler, Boten der Liebe
SM 358

Voyager Quartet

von Peter Sommeregger

Kammermusik von Wagner und Mahler? Haben davon nicht Generationen von Liebhabern dieser Komponisten geträumt? Diesen scheinbar unerfüllbaren Wunsch lässt das Voyager Quartet Wirklichkeit werden. Andreas Höricht, der an der Viola zu erleben ist, hat das Vorspiel zu „Tristan und Isolde“, die fünf Wesendonck-Lieder und einzelne Symphonie-Sätze Gustav Mahlers für vier Streichinstrumente neu instrumentiert. „CD-Tipp: Wagner Mahler, Boten der Liebe, Voyager Quartet“ weiterlesen

CD-Rezension ROOTS von SALAPUTIA BRASS: Sehr rein und klar

CD Rezension ROOTS von SALAPUTIA BRASS

von Frank Heublein

Felix Eckert ist Solo-Posaunist des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, und er hat daneben ein Blechbläserensemble namens SALAPUTIA BRASS gegründet. Die dritte CD des Ensembles trägt den Titel ROOTS.

Eingespielt ist Musik von der britischen Insel. Großbritannien kann man als Wurzel (Englisch root) der Blechbläsermusik bezeichnen. Im 19. Jahrhundert entstanden aus zwei Bereichen viele solcher Ensembles. Zum einen setzte die Heilsarmee Blechbläser ein. Zum anderen entstanden Werkskapellen im Bergbau, insbesondere in den Kohlezechen. So entstand seit den 1830er-Jahren eine weit gefächerte Bläser-Szene.

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Amusement à la Louis XIV.: Diese Barockoper macht Spaß

„Der damals geschlossenen Ehe des Königs war allerdings weniger Fröhlichkeit beschieden, sie galt als unglücklich.“

Francesco Cavalli, ERCOLE AMANTE
Naxos 2.110679/80

von Peter Sommeregger

Zur Hochzeit Ludwig des XIV. von Frankreich, des „Sonnenkönigs“, mit einer spanischen Prinzessin, die 1660 in Paris stattfand, komponierte der damals höchst erfolgreiche Komponist Francesco Cavalli eine Festoper, „Ercole amante“. Aufgeführt wurde sie allerdings erst zwei Jahre nach der Eheschließung, verschiedene widrige Umstände waren dafür verantwortlich. „Francesco Cavalli, ERCOLE AMANTE,
DVD-Rezension“
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Lise Davidsen schöpft aus dem Vollen

„Was Lise Davidsens Stimme so besonders macht, ist die Leuchtkraft ihrer Höhe bei gleichzeitiger Wärme und Fülle der tieferen Register. Stellenweise ist man an ihre berühmten skandinavischen Vorgängerinnen erinnert.“

Lise Davidsen: Beethoven Wagner Verdi
DECCA 485 1607

von Peter Sommeregger

Mit Spannung wurde das zweite Solo-Album des norwegischen Shootingstars Lise Davidsen erwartet. Ihre erste CD, die ausschließlich den Komponisten Richard Wagner und Richard Strauss gewidmet war, zeigte die Sängerin bereits auf einem hohen stimmlichen und stilistischen Niveau. In der Zwischenzeit hat Davidsens Karriere mächtig an Fahrt aufgenommen, Debüts in Bayreuth und der New Yorker Metropolitan Opera wurden erfolgreich absolviert. Hätten wir keine Pandemie, wäre auch in der laufenden Saison viel Interessantes von der Sängerin zu hören gewesen. So muss sich ihre wachsende Fan-Geimeinde „nur“ mit einer neuen CD zufrieden geben. „CD-Rezension: Lise Davidsen: Beethoven Wagner Verdi“ weiterlesen

CD Rezension: Bruckners Achte – in himmlischen Gefilden

Wiener Philharmoniker
Christian Thielemann

von Kirsten Liese

Einen Bruckner-Zyklus mit der Achten zu beginnen, ist eine weise Entscheidung. Nicht zufällig bezeichnete der geniale Bruckner-Dirigent Sergiu Celibidache sie als „Krone der Symphonik“,  weil sich in diesem Werk am besten der Anfang im Ende erleben lässt. Denn die Frage, die am Ende des desolaten ersten Satzes offen bleibt, erfährt erst unmittelbar vor der Coda des Finalsatzes mit der Wiederkehr des „Todesthemas“ vom Anfang Antwort. Der Komponist selbst erklärte dazu, die Posaunen kämen im vierten Satz „zum Zeichen des Letzten Gerichtes an das Ende.“

Anders als Celi, der stets die Symphonie in ihrer bekannten zweiten Fassung von 1890 dirigierte, hat Christian Thielemann für seine Einspielung mit den Wiener Philharmonikern eine hörenswerte Mischfassung aus der ersten und zweiten Fassung von Robert Haas gewählt, die aber – so wie ich beim Mitlesen der Partitur feststellen konnte – nur an wenigen Stellen von der bekannten zweiten  abweicht. „Christian Thielemann, Wiener Philharmoniker, Anton Bruckner, 8. Symphonie
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Andrè Schuen interpretiert eine robuste „Schöne Müllerin“

Foto: © Christoph Köstlin / DG

„Stimmlich ist Andrè Schuen der hier gestellten Aufgabe souverän gewachsen. Sein weicher, schlanker Bariton hat alles an Geschmeidigkeit und persönlichen Farben, was man sich nur wünschen kann, aber irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass er es noch besser könnte.“

CD-Rezension: Franz Schubert, Die schöne Müllerin
DG 483 9558

Andrè Schuen, Bariton
Daniel Heide, Klavier

von Peter Sommeregger

Der aus Südtirol stammende Bariton Andrè Schuen klettert trotz der durch Corona bedingten Ausdünnung der Kulturszene beständig höher auf seiner Karriereleiter. Sein Guglielmo bei den Salzburger Festspielen in einer reduzierten „Così fan tutte“, zuletzt sein Figaro-Graf in Wien in der Wiederaufnahme der klassischen Ponnelle-Inszenierung waren wichtige Stationen auf dem Weg an die Spitze. Die ehrwürdige Deutsche Grammophon-Gesellschaft tat gut daran, sich den Bariton mit einem Exklusiv-Vertrag zu sichern, eine Ehre, welche in Zeiten eines stetig sinkenden vokalen Niveaus nur wenigen Sängern zuteil wird. „CD-Rezension: Franz Schubert, Die schöne Müllerin,
Andrè Schuen, Daniel Heide“
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