CD-Besprechung:
Rebekka Hartmann bewährt sich mit dieser CD nicht nur als kompetente Interpretin von Werken aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sondern auch als Wegbereiterin von Innovation auf der Höhe unserer Zeit. Hinzu kommt, dass Kent Nagano mit dem Rachmaninoff International Orchestra faszinierende Klangwelten gestaltet und damit der musikalischen Kultur der Gegenwart gesunde Lebenskraft verleiht. So möchte ich mich dafür bedanken, dass ich mit diesem Tonträger meinen Horizont erweitern durfte!
Werke von Karl Amadeus Hartmann, Maurice Ravel und Aziza Sadikova, eingespielt mit dem Rachmaninov International Orchestra unter der Leitung von Kent Nagano
Erschienen bei FARAO, Juni 2025
von Dr. Lorenz Kerscher
Die Geigerin Rebekka Hartmann ist mir ein Begriff, seitdem ich sie vor etwa 10 Jahren sehr überzeugend bei einem Sonatenabend erlebte. Des Öfteren erreichte mich auch die Kunde von ihrem vielseitigen Wirken und von ihrem Engagement, wenn es galt, zeitgenössische Werke aus der Taufe zu heben. So unterstützte sie im Juni 2024 den von mir schon als Rising Star vorgestellten Komponisten Andreas Begert auf dem Weg hin zu seiner ganz eigenen, von bayerischen Volksklängen inspirierten Tonsprache, indem sie sich als Solistin bei der Uraufführung des Violinkonzerts „Burzeltag“ zur Verfügung stellte.
Diesen Dienst erwies sie nun auch der usbekischen Komponistin Aziza Sadikova (* 1978 in Taschkent), indem sie deren 2020 geschaffenes Violinkonzert „Stradivari“ zusammen mit Werken von Karl Amadeus Hartmann und Maurice Ravel auf ihrer neuen, in Juni 2025 veröffentlichten CD einspielte. Begleitet vom Rachmaninoff International Orchestra unter der Leitung von Kent Nagano legt sie mit herausforderndem Repertoire die Messlatte für sich selbst wie für die Hörer auf eine stattliche Höhe. Man sehe mir also nach, dass ich im Folgenden mehr einen persönlichen Eindruck als eine fachkundige Würdigung wiedergeben kann.
Dem von Rita Argauer verfassten Begleittext entnehme ich, dass der 1905 in München geborene Karl Amadeus Hartmann sein Concerto funebre für Violine und Streichorchester 1939, also im Jahr des Ausbruchs des 2. Weltkriegs schuf. Der Gedanke liegt nahe, dass es den verlorenen Frieden betrauert, und so eröffnet es mit einem Seufzermotiv und einer unbegleitet und nahezu emotionslos vorgetragenen Geigenmelodie, in der ich den Choral der Hussitenkrieger wiedererkenne, der in Smetanas Mein Vaterland Frieden und Freiheit symbolisiert.
Nach dieser kurzen Einleitung kann Rebekka Hartmann dann im Adagio ein ausdrucksstarkes Wechselspiel von Angst und Trauer gestalten. Überzeugend schraubt sie die Verzweiflung in die höchsten Töne hoch, um dann doch von warmem, wohlklingend in freier Tonalität gesetztem Streicherklang aufgefangen zu werden und Trost zu finden. Einen starken Gegensatz bilden dann im Allegro di molto die kriegerischen Klänge des Orchesters, die die Solovioline wie ein vom Kriegsgeschehen gehetztes Individuum vor sich hertreiben.
Technisch makellos bewältigt die Solistin die immensen virtuosen Anforderungen und beglaubigt einen verzweifelten Überlebenskampf, der auch nach zweimaligem entkräfteten Niedersinken unerbittlich weitergeht. Der Ausklang des Satzes in ruhigen, dunklen Akkorden lässt eher den Tod als das Überleben vermuten. Entsprechend ist der vierminütige Finalsatz ein Choral, der laut Begleitheft auf einen russischen Revolutionstrauermarsch zurückgreift. Weite, ausdrucksvolle Melodiebögen, die die Solovioline dazu anstimmt, wecken den Eindruck, dass sich die Seele in einer besseren Welt freifliegt, ehe ein scharfer, dissonanter Schlussakkord den Hörer daran hindert, sich entspannt zurückzulehnen.
Nachdem ich es als echten Gewinn verbuchen kann, Karl Amadeus Hartmanns Konzert kennengelernt zu haben, treffe ich nun mit Maurice Ravels Tsigane auf ein bekanntes Werk, das gerne als Bravourstück dargeboten wird. Energiegeladen gestaltet Rebekka Hartmann den alleine der Solovioline vorbehaltenen ersten Teil, der wie die Improvisation eines Volksmusikers wirkt und sich klanglich immer mehr steigert und verdichtet. Virtuose Harfenklänge kommen hinzu und leiten zu der orchesterbegleiteten zweiten Hälfte des Werks über. Impressionistischer Klangzauber mischt sich nun mit allen erdenklichen Ausdrucksmitteln der Geige von dunklem G-Saitenklang bis zu höchstem Flageolett, von Pizzicatokaskaden bis zu kühnsten Doppelgriffen. All diese Mittel beherrscht die Solistin ohne Makel und setzt sie ein, um eine sich immer mehr steigernde Lebensfreude auszudrücken.
Zum Abschluss betritt der Hörer dann mit Aziza Sadikovas einsätzigem Violinkonzert Stradivari, das im Auftrag von Rebekka Hartmann komponiert wurde, völliges Neuland. Dieses Werk lebt von der Gegenüberstellung kühner und überwiegend mächtiger Orchesterklanggebilde mit filigraner Geigenmusik, die, wie ich der Beilage entnehme, von Giuseppe Tartini übernommen oder inspiriert ist. Orchesterpart und Solopassagen stehen dadurch untereinander in einem starken, nahezu verstörenden stilistischen Kontrast.
Der Schlüssel zum Verständnis findet sich im Begleitheft in der Angabe, dass das Werk von einem Film inspiriert ist, der das Leben des Geigenbauers mit einer Kriminalgeschichte verknüpft. So sind die Stilbrüche vergleichbar mit Kameraschwenks zwischen ganz unterschiedlichen Handlungssträngen. Ein emotionales Multitasking, wie es uns die heutige Zeit mehr denn je abverlangt, wird somit auch von diesem Werk gefordert.
So bewährt sich Rebekka Hartmann mit dieser CD nicht nur als kompetente Interpretin von Werken aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sondern auch als Wegbereiterin von Innovation auf der Höhe unserer Zeit.
Gerade, weil ich mir selbst schwer tue, mich moderner Musik zu öffnen, bin ich dieser mutigen Interpretin sehr dankbar, dass ich mich ihrer Führung in neue Sphären anvertrauen kann.
Hinzu kommt, dass Kent Nagano mit dem Rachmaninoff International Orchestra faszinierende Klangwelten gestaltet und damit der musikalischen Kultur der Gegenwart gesunde Lebenskraft verleiht. So möchte ich mich dafür bedanken, dass ich mit diesem Tonträger meinen Horizont erweitern durfte!
Dr. Lorenz Kerscher, 14. Dezember 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Weiterführende Info:
Bestellmöglichkeit der CD bei jpc
CD-Besprechung: Eva Zalenga „varia · bel“ klassik-begeistert.de, 29. März 2025
CD-Besprechung: „Echoes of Eternity“ klassik-begeistert.de, 8. Februar 2025