Alles, was Odem hat, lobe den Andris!

CD/Blu-ray Besprechung: Felix Mendelssohn – Symphonies and Oratorios Andris Nelsons, Dirigent  klassik-begeistert.de. 9. Aptil 2026

CD/Blu-ray Besprechung:

Res severa verum gaudium: Andris Nelsons und das Gewandhausorchester Leipzig pflegen die Mendelssohn-Tradition und legen bei der Deutschen Grammophon einen beeindruckenden Schuber mit sämtlichen Oratorien und Sinfonien vor. Große Freude! Wachet auf!

Deutsche Grammophon, DG 486 8178

Felix Mendelssohn (1809-1847) – Symphonies and Oratorios (Paulus op. 36; Elias op. 70; Sinfonien Nr. 1-5)

Gewandhausorchester Leipzig
Andris Nelsons, Dirigent

von Brian Cooper, Bonn

Die Dirigierkunst des Andris Nelsons ist gereift wie ein guter Wein. Der lettische Dirigent ist seit 2017 Gewandhauskapellmeister in Leipzig und – noch – Chef des Boston Symphony Orchestra, dessen Management ihn jedoch kürzlich unter sehr unrühmlichen Umständen gefeuert bzw. seinen Vertrag nicht verlängert hat. Große Namen sind mit großem Bedauern an die Öffentlichkeit gegangen und erklärten sich mit Orchester und Chefdirigent solidarisch, so etwa Sir Simon Rattle und das BRSO sowie Jewgeni Kissin. Ein starkes Zeichen.

Nun hat Nelsons mit dem Gewandhausorchester einen Mendelssohn-Schuber mit sieben CDs vorgelegt, der durchweg beeindruckt. Zunächst könnte man denken, die Deutsche Grammophon bereite sich Konkurrenz im eigenen Haus, hat doch Yannick Nézet-Séguin vor inzwischen auch schon zehn Jahren mit dem Chamber Orchestra of Europe einen sensationellen Schuber mit den fünf Sinfonien vorgelegt (gemeint sind die Sinfonien 1-5, nicht die genialen Streichersinfonien des Teenagers Felix), die im Februar 2016 in der Philharmonie de Paris aufgenommen wurden.

Der Nelsons-Schuber hat jedoch den vorzüglichen Vorzug, zusätzlich zu den fünf Sinfonien noch die beiden Oratorien Paulus und Elias zu enthalten, in denen der von Philipp Ahmann perfekt vorbereitete MDR-Rundfunkchor, man kann es nicht anders sagen, schlichtweg brilliert. Hören Sie zum Beispiel in Track 2, CD 4, hinein: Das „Fürchte Dich nicht“ aus dem Elias ist eine Wonne. Im Paulus gerät „Willst Du uns denn gar vertilgen?“ (CD 3, Track 2) ähnlich atemberaubend.

Doch schon die Paulus-Ouvertüre fesselt mit weichem, hellem Klang in den „Wachet auf!“-Zitaten des berühmtesten Sohnes der Stadt Leipzig, Johann Sebastian Bach. Man spürt förmlich, wie eines der ältesten „bürgerlichen Konzertorchester“ der Welt, dem auch Mendelssohn als Kapellmeister vorstand, dessen Musik förmlich in der DNA hat. Es müssen besondere Konzerte im Gewandhaus gewesen sein, in denen ohne Abstriche Julia Kleiter (Sopran), Wiebke Lehmkuhl (Alt), Werner Güra (Tenor) und Georg Zeppenfeld (Bass) ihre Partien im Paulus meistern. (Es finden sich im Booklet keinerlei Hinweise auf Liveaufnahmen, aber normalerweise werden die aufgenommenen Werke entweder live mitgeschnitten, oder man geht zeitnah ins Studio – bzw. hier ins Gewandhaus.) Lehmkuhl und Güra singen auch im Elias; dort wird die Sopranpartie von Golda Schultz, der Elias von Andrè Schuen (Bariton) gesungen.

Eine perfektere Darbietung der beiden Oratorien ist schwer vorstellbar. Orchester, Chor und Solistenensemble harmonieren prächtig. Das Solistenquartett ist bei „Wirf dein Anliegen auf den Herrn“ (CD 3, Track 15) einfach nur göttlich. Nelsons muss da nicht viel machen.

Bei den Sinfonien gibt es natürlich eine unüberschaubare Auswahl toller Aufnahmen. Die Schottische mit Abbado und dem LSO (Decca) bleibt Referenzaufnahme. Doch auch Andris Nelsons hat bei Mendelssohn viel zu sagen, in der Dritten wie in allen anderen Sinfonien, die insgesamt bei ihm hell, frisch und dennoch gediegen klingen.

Schon der Kopfsatz der noch immer etwas unterschätzten Ersten bietet alles an Frische und Lebensfreude, was sich der Mendelssohn-Liebhaber nur wünschen kann. Selbiges gilt für die Italienische, insbesondere für den Kopfsatz und das Saltarello-Finale. Die Reformationssinfonie ertönt mit der gebotenen Gravitas. Das Gewandhausorchester leistet hier einen wichtigen Beitrag zu seiner eigenen Tradition, wie auch zur Pflege der Musik eines der bedeutendsten Söhne der Stadt. Die langsamen Sätze mit Wärme, die Scherzi mit Schwung – es gibt einfach nichts zu monieren!

Im Booklet sind die Texte bedauerlicherweise nicht abgedruckt. In diesem Fall entschädigt dafür jedoch eine Textverständlichkeit des Chors und des Solistenensembles, die ihresgleichen sucht. Das gilt auch für die zweite Sinfonie, Lobgesang op. 52, in der neben dem oben erwähnten Werner Güra auch die Sopranstimmen von Christiane Karg und Elsa Benoit die Aufnahme veredeln.

Fünf von fünf Sternen für eine überaus gelungene und toll aufgenommene Mendelssohn-Box, die für Einsteiger wie Fortgeschrittene gleichermaßen bereichernd sein dürfte.

Brian Cooper, 9. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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