CD/Blu-ray Besprechung:
Wer dachte, er wisse schon alles über den Messiah, sollte dringend seine Ohren auf die grüne Insel ausrichten. Diese Aufnahme räumt gründlich mit dem viktorianischen Ballast auf und zeigt Händel so, wie er wahrscheinlich selbst gern gehört werden wollte: lebendig, nahbar und mit einem verschmitzten Augenzwinkern.
George Frideric Handel
Messiah , HWV56
Irish Baroque Choir and Orchestra
Peter Whelan, musikalische Leitung
Linn, CDK761
von Dirk Schauß
Warum noch ein Messiah? Weil es bislang keine Aufnahme auf historischen Instrumenten von einem irischen Ensemble gab – obwohl genau dieses Werk 1742 in Dublin seine triumphale Uraufführung erlebte. Fast drei Jahrhunderte später schließt das Irish Baroque Orchestra unter Peter Whelan diese Lücke und liefert pünktlich zu seinem 30-jährigen Jubiläum die erste authentische irische Deutung auf CD. Ein spätes, aber umso verdientes Heimspiel.
Peter Whelan und sein Irish Baroque Orchestra gehen bei ihrer Version einen ganz eigenen Weg. Statt der üblichen Blechlawinen und Chormassen, die den Hörer unter moralischer Last begraben, kommt hier ein schlankes, drahtiges Ensemble daher. Keine Oboen, keine Fagotte, dafür Streicher mit einer silbrigen, schon frechen Transparenz. Die einleitende Sinfonia ist kein schwerfälliger Trauermarsch, sondern ein sanftes, einladendes Tor zu einer Geschichte, die mehr nach menschlicher Nähe als nach göttlichem Donnerwetter klingt. Guy Cutting legt mit seinem geschmeidigen Tenor gleich den richtigen Ton: Hier wird nicht deklamiert, hier wird tatsächlich empfunden.
Die Besonderheit dieser Aufnahme ist der Chor: Nur dreizehn Stimmen, Solisten inklusive. Die singen brav mit, treten dann für ihre Arien kurz vor und verschwinden wieder im Kollektiv. Das ergibt eine klangliche Einheit, die man bei den üblichen All-Star-Galas oft schmerzlich vermisst. Hilary Cronin macht aus „Rejoice greatly“ kein sportliches Koloratur-Gewitter, sondern ein echtes, ansteckendes Hüpfen der Seele. Helen Charlston veredelt die Alt-Partien mit einem Timbre, das dunkel und cremig ist – genau wie ein richtig gut gezapftes Guinness. Die Countertenöre Alexander Chance und Nathan Mercieca blasen in ihrem Duett „How beautiful are the feet“ den Staub von Jahrzehnten aus der Partitur, und die beiden Bässe Frederick Long und Edward Grint sorgen für ordentlich Verve, ohne je ins Dödeln abzurutschen.
Whelan kostet die dramatischen Kontraste aus, ohne in billige Effekthascherei zu verfallen. Besonders schön: das Sopran-Rezitativ „Thy rebuke“ mit seinem kühnen Tritonus-Sprung von f-Moll nach H-Dur – hier so glasklar herausgearbeitet, dass man kurz die Luft anhält. Und die Rezitativ-Kadenzen? Whelan bricht bewusst mit der alten Sitte der verzögerten Schlusskadenz und lässt die Harmonien direkt aufeinanderprallen. Das gibt herrlich schräge Reibungen und eine leicht kantige, moderne Note. Die Pifa, sonst oft als traniger Hirtenmarsch verschlafen, wird hier zum echten Tanz – man riecht den Dreck der Dubliner Straßen und die frische Luft der grünen Hügel.
Das Irish Baroque Orchestra spielt mit einer federnden Leichtigkeit, die nur aus jahrzehntelanger Routine mit dem Stück entstehen kann. Es ist eben ihr Messiah. Der Klang, im Dubliner Konservatorium eingefangen, ist rund, natürlich und lässt jedes Zupfen der Darmsaiten plastisch im Raum stehen.
Wer dachte, er wisse schon alles über den Messiah, sollte dringend seine Ohren auf die grüne Insel ausrichten. Diese Aufnahme räumt gründlich mit dem viktorianischen Ballast auf und zeigt Händel so, wie er wahrscheinlich selbst gern gehört werden wollte: lebendig, nahbar und mit einem verschmitzten Augenzwinkern.
Dirk Schauß, 31. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
CD-Rezension: Georg Friedrich Händel, Messiah klassik-begeistert.de, 5. Dezember 2023
Daniels Anti-Klassiker 2: Das „Hallelujah“ aus Georg Friedrich Händels „Messiah“ (1742)