Ludovic Tézier zeigt als Simon Boccanegra seine große Gesangskunst

CD/Blu-ray Besprechung: Giuseppe Verdi (1813-1901) SIMON BOCCANEGRA  klassik-begeistert.de,

CD/Blu-ray Besprechung:

Giuseppe Verdi (1813-1901)
SIMON BOCCANEGRA
Melodramma in einem Prolog und drei Akten

(Prima Classic PRIMA069)

 von Jean-Nico Schambourg

Die Oper “Simon Boccanegra” wurde 1857 in Venedig uraufgeführt und fiel durch. Erst nach einer tiefgreifenden Revision unter Mithilfe von Arrigo Boito, dem späteren Librettisten der Opern “Otello” und “Falstaff”, wurde die Oper nach ihrer Aufführung an der Mailänder Scala 1881 zum Erfolg.

Diese zweite Fassung liegt der Aufnahme der Firma Prima Classic zu Grunde. Es handelt sich um einen Live-Mitschnitt zweier konzertanten Aufführungen von Oktober 2024 am Teatro San Carlo in Neapel. Bühnen- und Publikumsgeräusche sind keine zu hören. Manchmal irritiert der atmosphärisch akustische Übergang zwischen einzelnen Szenen.

Die Titelrolle ist mit dem führenden Verdi-Bariton seiner Generation besetzt: Ludovic Tézier. Der französische Sänger lässt seine dem Bel Canto verschriebene Stimme mit wunderbarem Legato fließen, vergisst dabei aber nie ihr den dramatischen Impuls der Handlung zu verleihen.

Als Korsar im Prolog klingt seine Stimme dunkel und kernig, als Vater zärtlich, als Doge im Konzil autoritär. Besonders diese Szene zeigt die ganze Gesangskunst von Tézier: kraftvolles Singen mit perfektem Legato und brillanten Höhen paart sich zum Schluss der Szene mit grandioser Textinterpretation, die an Jago erinnern lässt. Für den sterbenden Boccanegra hellt Tézier seine Stimme in den Piano-Passagen auf, behält sie dabei aber stets perfekt fokussiert.

Sein Gegenspieler Jacopo Fiesco wird von einem weiteren Bel Canto-Spezialisten interpretiert: Michele Pertusi. Seine große Arie im Prolog “A te l’estremo addio … Il lacerato spirito” ist ein Meisterwerk an Phrasierung. Vielleicht fehlt es seiner Stimme hier ein wenig an vokalem Glanz. Dies kommt aber der Szene mit Boccanegra am Schluss der Oper (“Come un fantasima)” zugute, da dies seiner Interpretation etwas an dem erwünschten Geisterhaftem verleiht.

Marina Rebeka, die Co-Produzentin des Labels Prima Classic, singt die als Kleinkind verschwundene Tochter Boccanegras, Maria, die er später als junge Frau unter dem Namen Amelia Grimaldi wiederfindet. Ihr leuchtender Sopran begeistert schon in ihrer Auftrittsarie “Come in quest’ora bruna”. Man hört hier kein angsterfülltes Mädchen, sondern eine selbstbewusste junge Frau. Mit warmem Timbre und am Schluss perfekter Höhe weiß sie den Zuhörer gleich von Anfang an zu begeistern.

In den Massenszenen überstrahlt ihr Sopran mühelos das ganze Ensemble. Manchmal erscheint sie von der Technik allerdings ein wenig bevorteilt worden zu sein.

Das Wiedererkennungs-Duett zwischen Vater und Tochter ist hier die Begegnung zweier Sänger auf dem Höhepunkt ihrer Kunst und sicherlich einer der Höhepunkte der Aufnahme.

Francesco Meli singt Gabriele Adorno, den Geliebten Amelias mit draufgängerischem Tenor. In manchen Momenten erscheint sein Singen ein wenig mit zu offener Kehle, aber er behält stets die Kontrolle. Im Laufe seiner Partie singt er immer wieder fein modellierte Passagen zwischen Piano und Forte, so zum Beispiel im Duett mit Amelia oder in seiner Arie “Sento avvampar nell’anima”, wo er nach aufgeregtem Rezitativ zu ruhigem Singen auf langem Atem findet.

Der Schurke Paolo Albiani wird vom aufstrebenden Bariton Mattia Olivieri gesungen. Die Stimme ist gut ausgebildet. Seinem Paolo fehlt es allerdings an Dämonie und Schurkenhaftem. Davon besitzt Andrea Pellegrini mehr, der mit gutem Bass den Pietro singt.

Michele Spotti unterstützt die Sänger mit klarem Dirigat, ohne allerdings, außergewöhnliche, persönliche Akzente zu setzen. Bei seiner Interpretation steht der Respekt der Partitur im Mittelpunkt: Verdi hat in diese schon alle Höhepunkte hinein komponiert. Spotti zeigt sich somit als perfekter Konzertmeister.

 Orchester und Chor des Teatro San Carlo (Leitung: Fabrizio Cassi) tragen zum Gelingen dieser Aufnahme bei, die sicherlich Dank des hochrangigen Sängerquartettes, zu den besten Interpretationen letzter Zeit dieser wunderbaren Verdi-Oper zählt.

Jean-Nico Schambourg, 25. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Giuseppe Verdi, Simon Boccanegra Wiener Staatsoper, 11. April 2024

Giuseppe Verdi, Luisa Miller Wiener Staatsoper, 20. Februar 2026

Giuseppe Verdi, Rigoletto Opernhaus Zürich, 4. Januar 2026

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