Josquin atmet wieder: Wie Cut Circle den frühen Meister entstaubt

CD/Blu-ray Besprechung: Josquin Desprez: Vol. 2 – Early Works  klassik-begeistert.de, 5. März 2026

CD/Blu-ray Besprechung:

Es gibt in der Musikgeschichte Momente, in denen das starre Handwerk des Mittelalters plötzlich aufbricht und Platz macht für echte, menschliche Gefühle. Josquin Desprez war der Architekt dieses Umbruchs. Mit dem zweiten Band ihrer ambitionierten Josquin-Reihe beim Label Musique En Wallonie führen uns Jesse Rodin und sein Ensemble Cut Circle nun direkt zu den Anfängen dieses Genies zurück.

Josquin Desprez: Vol. 2 – Early Works
Missa „L’ami Baudichon“

Anonymus: L’ami Baudichon, Madame
Que vous ma dame / In pace
Motettenzyklen: Vultum tuum deprecabuntur & Qui velatus facie fuisti

Ensemble: Cut Circle
Leitung: Jesse Rodin

Mitwirkende: Corrine Byrne, Sonja DuToit Tengblad, Lawrence Jones, Bradford Gleim, Rupert Peacock

Label: Musique En Wallonie, MEW 2514

von Dirk Schauß

Das Wort, das diese Veröffentlichung am besten zusammenfasst, ist Lebendigkeit. Wer bei Renaissance-Musik an verstaubte Notenblätter oder den kühlen Hall leerer Kathedralen denkt, wird hier eines Besseren belehrt.

Josquin entwickelte schon in seinen frühen Dreißigern ein Gespür für Klang, das körperlich greifbar scheint. Er verstand es, Rhythmen so zum Schwingen zu bringen, dass sie den Hörer mal schützend einhüllen, mal mit befreiender Energie nach vorne peitschen. Seine Melodien wirken nicht wie am Reißbrett konstruiert; sie sind voller Saft und Kraft – mal sanft fließend, mal verschlungen wie ein vertrauliches Gespräch. In den Duetten hat man das Gefühl, die Sänger würden sich beim Musizieren tief in die Augen schauen. Es ist eine Musik, die zwar für die Kirche geschrieben wurde, aber vor allem eines bewahrt: eine zutiefst menschliche Schönheit.

Ein freches Lied im Kirchengewand

Herzstück des Albums ist die Missa „L’ami Baudichon“. Das Kuriose: Josquin nahm als Grundgerüst für diese Messe ein damals bekanntes, ziemlich freches Volkslied. Die Melodie bleibt, auch ohne den ursprünglichen Text, voller Energie und Poetik. Doch hier zeigt sich auch das Wagnis dieser Aufnahme: Jesse Rodin lässt extrem nah am Mikrofon singen. Es gibt keinen weichspülenden Kirchenhall; alles klingt direkt und ungeschminkt. Das ist radikal und erinnert an die Experimentierfreude der 1970er Jahre.

Manchmal geht das Ensemble dabei fast zu weit. Wenn es um Leid und Schmerz geht, nutzen die Sänger einen beißenden, ja quäkenden Ton. Das ist mutig, wirkt aber gelegentlich arg aufgesetzt, weil dieser Effekt nicht durchgehend konsequent verwendet wird.

Momente voller Brillanz

Ganz anders verhält es sich bei den Motetten. Der Zyklus „Vultum tuum deprecabuntur“ bietet das wohl beste Singen in diesem Bereich. Hier passt alles zusammen: Die glasklare Leitung von Rodin und Josquins genialer Aufbau der Musik. Man fühlt sich beim Hören förmlich wacher und lebendiger, weil jeder Ton genau da sitzt, wo er hingehört. Auch das Chanson „Que vous ma dame“ erstrahlt in einer Lieblichkeit, die man kaum schöner auf CD bannen könnte.

Ein pulsierendes Erlebnis

Man merkt, dass hier leidenschaftlich um einen neuen Klang gerungen wird. Ob dieser extrem direkte, analytische Charakter auch bei Josquins späteren, noch komplizierteren Meisterwerken funktioniert, bleibt abzuwarten. Aktuell wirkt es wie ein hochspannendes Experiment mit kleinen Ecken und Kanten.

Wer Josquin nicht als fernen „Heiligen“ aus dem Geschichtsbuch, sondern als pulsierenden, echten Menschen erleben will, kommt an dieser Aufnahme nicht vorbei. Es ist ein mutiges Plädoyer für eine Musik voller Kontraste.

Dirk Schauß, 5. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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