Erwin Schrott © Roland Wimmer
Back to the Roots! Erwin Schrott hat sich etwas ganz Besonderes ausgedacht, wie es vermutlich nur er selber kann. Der Bassbariton tanzt Tango mit dem Teufel, der Liederabend heißt TANGO DIABLO und schlägt einen Bogen von Mephisto-Arien von Gounod bis Boito hin zur lateinamerikanischen Tangomusik. Wir haben angelegentlich über Scheinwelten, Melancholie, Depressionen, ein großes Gewässer und den Teufel gesprochen. Und warum das alles mit dem Tango zusammenhängt.
Jörn Schmidt im Gespräch mit Erwin Schrott, Teil I
klassik-begeistert: Wiener Walzer wird im 3/4-Takt getanzt, Tango im 2/4 oder 4/4-Takt. Aber was ist charakterlich der größte Unterschied?
Erwin Schrott: Der Wiener Walzer ist Leichtigkeit pur. Man bewegt sich schwerelos zwischen Kronleuchtern und Seide – und verdrängt den Alltag. Wenn man es kann, sieht Walzer aus, als würden Sie fliegen – eine romantische Flucht in ihrer raffiniertesten Form. Eine Illusion, die körperlich wird.
klassik-begeistert: Wem diese Schwerelosigkeit nicht liegt, der muss zum Tango wechseln?
Erwin Schrott: So gesehen, ja … Der Walzer lädt dazu ein, Dich in eleganter Hingabe selbst zu vergessen. Der Tango fordert Dich auf, an alles zu erinnern – jede Wunde, jedes Verlangen, jeden Verrat. Walzer ist ein Traum, Tango ein Gespräch, dem du nicht entkommen kannst. Selbst die Pausen sind beim Tango ein Drama.
klassik-begeistert: Was steht beim Tango im Mittelpunkt – der Tanz oder die Musik?
Erwin Schrott: Die Musik, ohne Wenn und Aber. Das Bandoneón stößt asthmatische Schreie aus. Die Gitarre entblößt den Schmerz verlorener Sommer in Montevideo oder Buenos Aires. Und das Klavier ist der Herzschlag des gesamten Dramas.
klassik-begeistert: Desgleichen die Texte …
Erwin Schrott: … die sind harte, poetische Geständnisse von Armut, Untreue und Nostalgie. Eingehüllt in Harmonien, die zugleich uralt und zeitgemäß sind.
klassik-begeistert: Wozu dann noch tanzen?
Erwin Schrott: Der Tanz interpretiert die Geschichte, die die Musik erzählt. Mal übereinstimmend, dann plötzlich widersprechend. Dabei gibt die Partitur dem Tanz seine Seele und lässt sich zugleich von den Tanzenden umarmen. Wenn man so will ist der Tanz der Motor des Tango.
klassik-begeistert: Also steht die Musik im Widerspruch zum Tanz?
Erwin Schrott: Ich würde es besser sublime, fast dialektische Spannung nennen.
klassik-begeistert: Der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges hat das etwas anders formuliert: „Der Tango ist ein trauriger Gedanke, der getanzt werden kann.“
Erwin Schrott: Anders würde ich nicht sagen, beachten Sie nur seine Kausalkette: Der Gedanke, die Melancholie, die Idee – das geht der Bewegung voraus. Die Musik denkt, was der Tanz spürt.
klassik-begeistert: Woher rühren die europäischen Wurzeln der Musik?
Erwin Schrott: Der Tango ist das Kind einer großen Migration, stellen Sie sich die Docks am Río de la Plata um 1900 vor, und wer dort ankam: Italienische Sänger, die einst Puccini-Arien sangen, brachten Belcanto-Lyrik mit. Spanische Einwanderer steuerten die Melancholie von Flamenco-Gitarre und Seguidilla bei. Deutsche und Mitteleuropäer führten die knappen Rhythmen von Polka und Mazurka ein. Und natürlich das Bandoneón. Damit gab Europa dem Tango seine Nostalgie – seine architektonische Eleganz, seine Fähigkeit zum Herzschmerz .
klassik-begeistert: Gibt es Einflüsse von außerhalb Europas?
Erwin Schrott: Jede Menge – den kubanischen Habanera-Rhythmus, die criollische Milonga der Pampas und den tiefen, polyrhythmischen Puls des afrikanischen Candombe aus den afro-uruguayischen Gemeinschaften. Unser Strom, der Río de la Plata, steuerte Gefahr, Hitze und Straßenweisheit bei.
klassik-begeistert: Nochmal zum Spannungsfeld Musik und Tanz, wer gewinnt die Zwiesprache?
Erwin Schrott: Niemand oder Beide … Die Musik trauert um das Verlorene, während der Tanz zurückholt, was bleibt. Dies nenne ich gerne den großen Tango-Schwindel.

klassik-begeistert: Sind Sie melancholisch – muss man gar melancholisch sein, um Tango zu verstehen?
Erwin Schrott: [lacht] Melancholie und ich sind alte Bekannte. In Montevideo in den 1970er und frühen 80er Jahren aufzuwachsen, bedeutete stundenlange Stromausfälle, Militärsperrstunden und Abende bei Kerzenlicht. Mein Vater legte dann Gardel-Platten auf oder stellte das Radio auf Sender, die sich noch trauten, „Por una cabeza“ zu spielen. Während meine Mutter Verdi, Puccini oder Wagner hörte. Diese Atmosphäre prägt sich ein – so lernt man früh, dass Schönheit und Schmerz oftmals Hand in Hand gehen.
klassik-begeistert: Melancholie ist aber nicht zu verwechseln mit klinischer Depression …
Erwin Schrott: Gut, dass Sie dies betonen. Im Gegenteil, Tango bewahrt vor Depressionen, indem er fordert, die Realität anzuerkennen – unsere Verletzlichkeit, unsere Vergänglichkeit. Lebensfreude und Verlangen brennen am hellsten, wenn man weiß, dass all dies vergehen wird. Ohne diese innere Spannung verkäme der Tango zum exotischen Spektakel. Stilvoll, verführerisch, aber letztlich weltfremd…

klassik-begeistert: Kommt der Tango aus Argentinien oder Uruguay?
Erwin Schrott: [lacht] Er gehört beiden – und dem Fluss, der sie verbindet. Der Río de la Plata ist keine Grenze, er ist eine Wiege. Die Arbeiterbarrios Montevideos und der Hafen von La Boca in Buenos Aires lagen nur Stunden per Fähre auseinander. Musiker, Tänzer und Träumer pendelten ständig hin und her. Die ersten aufgenommenen Tangos, die ersten Orquestas Típicas, frühe Legenden von Compadres und Milongueros fanden sich an beiden Ufern. Buenos Aires hatte die Bevölkerung und das internationale Rampenlicht, um ihn weltweit zu exportieren. Montevideo steuerte grundlegende Rhythmen bei – vor allem den Einfluss des Candombe und den poetischen Geist.
klassik-begeistert: Das ist seit 2009 offiziell …
Erwin Schrott: Als die UNESCO 2009 den Tango zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit erklärte, tat sie es gemeinsam für Argentinien und Uruguay. Das war eine schöne diplomatische Geste. Eines über das andere zu stellen hieße, zu verkennen, dass unser Tango geboren wurde, als sich zwei Länder übers Wasser hinweg geküsst haben.
klassik-begeistert: Tango deutet sexuelles Verlangen an, heißt es. Tango Argentino dagegen sei weniger frivol, fast schon zärtlich. Wie würden Sie, als Sohn spanisch-uruguayischer Eltern mit deutschen Wurzeln, Ihren Zugang zum Tango beschreiben?
Erwin Schrott: Für mich ist der Tango die lebendige Synthese von alledem. Von meiner spanisch-uruguayischen Seite kommen Sinnlichkeit, Theatralik und Leidenschaft. Meine deutschen Wurzeln steuern Disziplin, Präzision und Tiefgang bei. So wie auch der (argentinische) Tango in seiner reinsten Form in seiner Wildheit zärtlich und in seiner Stärke verletzlich ist. Anders, poetischer ausgedrückt: Die Umarmung ist im Tango keine Eroberung, sondern Geständnis.

klassik-begeistert: Es gibt sogar eine Tango-Oper, Astor Piazzollas 1968 uraufgeführte María de Buenos Aires. Hat Piazzolla den Tango weiterentwickelt, auf ein anderes Niveau gehoben?
Erwin Schrott: Piazzolla hat den Tango nicht nur weiterentwickelt, er hat ihn am offenen Herzen operiert und ihm ein neues, universelles Leben gegeben. Bis in die 50er Jahre war Tango weitgehend auf Tanzfläche und Kabarett reduziert. Piazzolla, klassisch in Paris ausgebildet, holte ihn in Konzertsäle. Mit Streichern, Schlagwerk, Jazz-Harmonien und erweiterte Formen. María de Buenos Aires ist ein Meisterwerk.
klassik-begeistert: Kann Horacio Ferrers bzw. sein Libretto da mithalten?
Erwin Schrott: Definitiv, seine Texte sind nachgerade halluzinatorisch: eine Tango-Operita in zwei Akten, surreal und mythisch. Ferrers Poesie – nehmen Sie nur den Satz „María wurde geboren an dem Tag, an dem Gott betrunken war“ – ist so wild wie ein expressionistischer Text. Piazzolla tat für den Tango, was Bartók für ungarische Bauernlieder tat. Er bewahrte seine DNA und führte den Tango in die Welt der hohen Kunst ein. Das Ergebnis ist keine Unterhaltungsmusik mehr. Sondern ein neues Genre, das gleichermaßen Milongueros und Sinfonieabonnenten anspricht.
klassik-begeistert: Im nächsten Teil geht es um Oper. Hier schon mal ein Teaser … unterscheiden Sie als Sänger, wenn es leidenschaftlich wird, zwischen Tango und Oper?
Erwin Schrott: Nein, nehmen Sie nur Charles Gounods Mephistopheles, den Verführer. Er steht für Erotik und hat doch ein Gewissen – intim, gefährlich und schmerzlich menschlich.
klassik-begeistert: Herzlichen Dank für das Gespräch!
Jörn Schmidt, 4. März 2026, für klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Den zweiten und letzten Teil unseres Interviews mit Erwin Schrott lesen Sie Donnerstag, 5. März 2026, hier auf klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at.
+++ Morgen verlosen wir 2 × 2 TANGO DIABLO Freikarten für den 9. April 2026 +++
Giacomo Puccini, Tosca, Melodramma in drei Akten (1900) Hamburgische Staatsoper, 29. November 2025
Auf den Punkt 82: Il signor Wellber parla italiano… Hamburgische Staatsoper, 20. Dezember 2025
Wolfgang Amadeus Mozart, Don Giovanni, Erwin Schrott, Royal Opera House London, 16. September 2019