Foto: Mandla Mndebele und Chor © Björn Hickmann
Seit einigen Jahren bemüht sich das Theater Dortmund erfolgreich unbekannte französische Opern wiederzuentdecken. Nach “Frédegonde“ von Ernest Guiraud, “Fernand Cortez” von Gaspare Spontini und “La Montagne Noire” von Augusta Holmès steht dieses Jahr die Oper “Mazeppa” der Komponistin Clémence De Grandval auf dem Programm. Den Verantwortlichen gelingt ein großer Wurf, da es sich hier um eine wirklich lohnende Wiederentdeckung handelt.
Clémence De Grandval (1828-1907)
MAZEPPA
Oper in fünf Akten (Text von Charles Grandmougin und Georges Hartmann)
Musikalische Leitung: Jordan de Souza
Inszenierung: Martin G. Berger
Bühne: Sarah-Katharina Karl
Kostüme: Alexander Djurkov Hotter
Dortmunder Philharmoniker
Opernchor Theater Dortmund (Leitung: Fabio Mancini)
Oper Dortmund, 10. April 2026
von Jean-Nico Schambourg
Clémence De Grandval entstammt einer aristokratischen Familie, die ihre musikalischen Interessen stets unterstützte. Mit 12/13 Jahren nahm sie Musikunterricht bei Friedrich von Flotow. Später lernte sie Komposition bei Camille Saint-Saëns sowie Klavier bei Frédéric Chopin.
Nachdem sie 1851 den Vicomte De Grandval geheiratet und Mutter von zwei Töchtern geworden war, begann sie ab 1859 diverse Werke unter verschiedenen Pseudonymen zu präsentieren. Nur ihr Status als Frau verhinderte, dass sie schnell berühmt wurde, wie dies auch von Saint-Saëns vermerkt wurde. Sie schrieb symphonische und kammermusikalische Instrumentalmusik für Oboe, Melodien, Kantaten und geistliche Werke sowie einige Opern.
Ihr letztes Bühnenwerk “Mazeppa” wurde am 23. April 1892 am Grand-Théâtre in Bordeaux uraufgeführt. Eigentlich hatte sie es für die Opéra in Paris komponiert, jedoch ließ das abklingende Interesse an der Komponistin und ihren Werken sie nach Bordeaux ausweichen. Hier feierte die Aufführung zwar einen großen Erfolg, konnte sich aber dann auf Zeit nicht durchsetzen.
Das Ende der sogenannten “Belle Epoque” mit der unweigerlichen Veränderung des musikalischen Geschmacks, sowie der Tod der Komponistin im Jahre 1907 ließen das Werk zu schnell in der Vergessenheit verschwinden, aus der es der Palazetto Bru Zane vor einigen Monaten mit einer brillanten CD-Herausgabe aus München wieder hervorholte. Die Rezension von Kollege Peter Sommeregger zu dieser Aufnahme kann man hier bei klassik-begeister.de nachlesen (https://klassik-begeistert.de/cd-clemence-de-grandval-mazeppa-mihhail-gerts-dirigent-klassik-begeistert-de-17-maerz-2026/).
Die Geschichte der Oper inspiriert sich von den Erzählungen um den aus Polen stammenden Kosakenführer Mazeppa, der in der Geschichte der Ukraine eine bedeutende, allerdings nicht immer eindeutige Rolle spielte.
Die Oper beginnt mit einem Prélude in dem De Grandval beschreibt, wie Mazeppa, von einem polnischen Rivalen auf den Rücken eines Pferdes gebunden und fort getrieben, durch die Steppen der Ukraine galoppiert, bis das Tier vor Erschöpfung tot zusammen bricht. Hier wird Mazeppa von Matréna und deren Vater Kotchoubey aufgenommen.
Die Ukrainer ernennen Mazeppa zu ihrem Führer im Kampf gegen die verhassten Polen, dies gegen den Willen von Iskra, einem Einheimischen. Dessen Argwohn und Hass gegen Mazeppa wird umso größer, da er in Matréna verliebt ist, diese ihn aber wegen Mazeppa verschmäht. Iskra schwört Rache und erzählt, dass Mazeppa sich mit Schweden verbunden hat, um dem russischen Anspruch auf die Ukraine entgegenzutreten. Mazeppa weist die Anschuldigungen zurück und will Iskra bestrafen, wovon ihn Matréna jedoch abhält.
Im dritten Akt gestehen sich Matréna und Mazeppa ihre gegenseitige Liebe und wollen zusammen fortziehen. Da erscheint Kotchoubey und Iskra und erheben erneut Vorwürfe des Verrats gegen Mazeppa. Matréna schwört diesem trotzdem ewige Treue, sogar wenn sie ihren Vater und ihr Heimatland verraten müsste.
In seinem Palast feiert Mazeppa mit seinen Getreuen und seinen schwedischen Verbündeten. Die Feier wird von einem Trauerzug unterbrochen. Matréna erkennt an dessen Spitze ihren Vater, der von Mazeppa verurteilt zu seiner Hinrichtung geführt wird. Vergeblich bittet sie Mazeppa um Gnade. Da stürmt Iskra mithilfe russischer Kämpfer herein und erklärt, dass der russische Zar die Ukraine von Mazeppa und den Schweden befreit. Alle verdammen Mazeppa und auch Matréna.
Im letzten Akt irrt Mazeppa geschlagen und allein durch die Steppe, als er die Stimme von Matréna hört. Diese hat den Verstand verloren. Als Mazeppa zu ihr spricht, kommt sie einen Augenblick wieder zu sich und schmeißt ihm all ihren Hass an den Kopf. Im Sterben verdammt sie ihn und lässt ihn im totalen Nichts allein zurück.
Die Musik von De Grandval ist effektvoll. Die vielen Ensemble- und Massenszenen erklingen kämpferisch und triumphierend, teils pathetisch. Die Rückkehr des gegen die Polen siegreichen Mazeppa am Ende des 2. Akts erinnert mich an den Triumphmarsch aus Verdi Aida. Mit den vielen Leitmotiven ist sie zwar eher in der Linie von Wagner anzusiedeln. Diese werden allerdings nicht so offensichtlich wie vom deutschen Komponisten verwendet.
Auch sonst beschreibt die Komposition große Gefühle von Liebe, Leidenschaft, Hass. Dass sie großartige Melodien schreiben konnte, beweist De Grandval u. a. im dritten Akt in der musikalischen Beschreibung der Liebesbeziehung zwischen Matréna und Mazeppa. An manchen Stellen hört man auch an Volksmusik angelehnte Passagen, besonders in den Frauenchören. Dabei benutzt De Grandval allerdings, wahrscheinlich unbeabsichtigt, keine ukrainischen, sondern russische Melodien.

An die fantastische Besetzung der CD-Einspielung angeführt von Tassis Christoyannis und Nicole Car reicht das Sängerensemble in Dortmund nicht ganz heran. Aber vor allem die Leistungen von Mandla Mndebele in der Titelrolle ist bemerkenswert. Nicht nur durch seine imposante Statur, auch gesanglich macht er die Bühne sein Eigen und setzt sich auch gegen das öfters zu stark auftrumpfende Orchester durch.
Matréna wird von Anna Sohn mit lyrischem Sopran gesungen. Sungho Kim gibt mit heldenhaftem Spintotenor den Iskra, Artyom Wasnetsov mit tiefem Bass den Kotchoubey, der allerdings an Schwärze noch von Denis Velev in der kleineren Rolle des Archimandrit übertroffen wird.
Im Graben lässt Jordan de Souza die Dortmunder Philharmoniker mit voller Kraft aufspielen. Die Musik von De Grandval regt zwar schon zu solchem großen Klang an. Allerdings gab es hierbei öfters Ungenauigkeiten, besonders bei den Blechbläsern. Manchmal wäre weniger halt mehr. Eine bemerkenswerte Leistung bot auch der Chor des Theater Dortmund, dem in dieser Oper eine wichtige Rolle zukommt.
Über die Inszenierung von Martin G. Berger will ich nicht zu viele Worte verlieren. Mich konnte sie nicht begeistern. Der Ansatz die Oper weder geschichtlich, noch geopolitisch zu situieren oder zu aktualisieren ist lobenswert. Der Regisseur will eher die Frage aufwerfen, wieso ein einzelner Mensch immer wieder sein Volk voll ein- und dann ausnehmen kann. Wieso verfällt das Volk immer wieder so leicht einem Führer?

Leider fällt ihm dann dazu die stumpfsinnige Idee ein, Mazeppa als Superhelden à la Ironman oder Superman auftreten zu lassen. Andauernd sieht man den Helden in Videos (XX) durch die Luft fliegen. Im Hintergrund bemerkt man dann auch öfters noch das Logo des BVB. Ein Zeichen, dass Mazeppa zum Verlieren verdammt ist (Smiley)? Die funktionell auf diese Sicht gebaute Bühne stammt von Sarah-Katharina Karl, die Kostüme von Alexander Djurkov Hotter.
Im Allgemeinen lohnt es trotzdem sich dieses Werk in Dortmund anzusehen, da es sich um eine absolute Rarität handelt, die musikalische Ausführung mit einigen kleinen Abstrichen sehr gutes Niveau hat und die Inszenierung bestimmt auch ihre Fürsprecher findet.
Es ist zu wünschen, dass die Veröffentlichung von Bru Zane, sowie diese Aufführungsserie in Dortmund auch bei anderen Opernhäusern das Interesse an der Komponistin Clémence De Grandval und ihrem Werk Mazeppa wieder befeuert.
Jean-Nico Schambourg, 11. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at