Riccardo Chailly kehrt nach Amsterdam zurück

Concertgebouworkest, Riccardo Chailly, Dirigent, Prokofjew  Concertgebouw, Amsterdam,  8. März 2025

Concertgebouworkest, Riccardo Chailly © Eduardus Lee

Endlich hat es geklappt! Und der Italiener beweist, dass sowohl er als auch das niederländische Orchester ein Händchen für russisches Repertoire haben. Die triumphale Aufführung zweier äußerst selten gespielter Werke Sergei Prokofjews gerät zur veritablen Sternstunde.

Sergei Prokofjew (1891-1953) – Sinfonie Nr. 4 c-Moll op. 112 (überarbeitete und erweiterte Fassung);

Alexander Newski. Kantate in sieben Episoden für Mezzosopran, Chöre und Orchester op. 78

Marie-Nicole Lemieux, Mezzosopran (für Jekaterina Sementschuk)
Groot Omroepkoor
Koor van de Nationale Opera

Concertgebouworkest
Riccardo Chailly, Dirigent

Concertgebouw, Amsterdam,  8. März 2025

von Brian Cooper

Wenn man verliebt ist, ist man nicht neutral. Man hält die Person, die man liebt, also wirklich aufrichtig liebt, für den besten Menschen der Welt. Man sagt einander Dinge, die niemand Anderes hören soll, und die mitunter ganz objektiv Unsinn sind. Zum Beispiel gibt es weit mehr als nur eine „beste Mama der Welt“.

Ist man in ein Orchester verliebt, kann man trotzdem über dessen Konzerte berichten und sollte auch kritisch sein, sofern dies angezeigt ist. Das Amsterdamer Concertgebouworkest, in das ich seit ziemlich genau 20 Jahren verliebt bin, halte ich für das beste der Welt. Aber wie bei den Mamas und Papas dieser Welt gibt es noch einige andere beste Orchester der Welt. (Grüße an dieser Stelle nach Wien und London, nach München und Sachsen, nach Budapest und in die USA.) Alles ist subjektiv.

Ich habe nicht ein einziges Konzert mit diesem Rolls-Royce unter den Orchestern erlebt, das nur annähernd durchschnittlich gewesen wäre. Es gab ausschließlich sehr gute Konzerte – und Sternstunden.

Concertgebouworkest, Riccardo Chailly © Eduardus Lee

Letzteres Wort, das man nur sparsam verwenden sollte, trifft auch auf das letzte von vier Konzerten zu, das das Orchester zuhause in Amsterdam unter seinem ehemaligen Chef Riccardo Chailly gab. Ein reines Prokofjew-Programm war angekündigt, und nicht etwa die Fünfte oder Romeo und Julia, sondern die revidierte Fassung der vierten Sinfonie und die Kantate Alexander Newski. Beides Werke also, die so gut wie nie live zu hören sind. Und nach dieser sonntäglichen Matinee fragte man sich: Warum zum Teufel ist das so?

Concertgebouworkest, Riccardo Chailly © Eduardus Lee

Prokofjews Vierte existiert in zwei Fassungen und hat sogar zwei Opuszahlen, 47 (1930) und 112 (1947). In beiden Versionen verarbeitet der Komponist das Material eines eigenen Balletts, Der verlorene Sohn, das er für Sergei Djagilew geschrieben hatte. Op. 112 wird häufiger aufgeführt als op. 47, aber auch viel zu selten.

Riccardo Chaillys Rückkehr ans Concertgebouw war bereits für die letzte Saison geplant gewesen und hatte krankheitsbedingt verschoben werden müssen. Inzwischen ist der Maestro 73, schafft aber noch mühelos die berüchtigte Treppe des Hauses, die zur Bühne führt. Er schaut freundlich drein, lächelt, dreht sich zum Orchester und dirigiert, wie stets mit sehr eleganten Bewegungen, das außergewöhnliche Programm mit dem ihm eigenen Charme und Charisma.

Das Orchester scheint sehr gern unter seiner Leitung zu spielen. Und alle sind sie präsent, von Anbeginn: Holz, Blech, Streicher, Harfen. (Petra van der Heide, seit 2003 Soloharfenistin, wird ihm beim Applaus sogar eine Kusshand zuwerfen.) Der Klang ist mal dicht, mal luftig federnd, mal perkussiv stampfend, mal weich und zart. Es ist für mich das erste Konzert, das ich mit diesem Orchester unter Chaillys Leitung erlebe; sofort stellt sich Reue ein, nicht früher dafür gesorgt zu haben.

Concertgebouworkest, Riccardo Chailly © Eduardus Lee

Die Vierte ist von der Klangsprache her eindeutig Prokofjew, und sie ist ebenso gut wie die weit populärere Fünfte. Chailly lässt es rattern, bremst mitunter aber auch mit unwiderstehlichen Rallentandi ins Lyrische ab. Herrliche Soli von Klarinette und Oboe sind zu hören; im zweiten Satz spielen Bratschen und Celli wunderschön, ebenso die Soloflöte, Melodien werden aufs Schönste ausgekostet. Einsprengsel des Klaviers erinnern uns schmerzhaft daran, dass der langjährige Pianist des Orchester, Jeroen Bal, im Januar verstorben ist. (Die Kölner Philharmonie hat das noch nicht mitbekommen; er ist noch immer für ein Kammerkonzert angekündigt.) Der Charme des dritten Satzes ist in seiner vermeintlichen Schlichtheit so typisch Prokofjew, dass man meint, die Musik zu kennen. Und der vierte Satz ist einfach nur ein Triumph.

Im Vorfeld der vier Aufführungen von Alexander Newski hatten das Orchester und die beiden Chöre überlegt, ob es angemessen sei, in diesen Zeiten ein russisches Werk aufzuführen, dessen Text (Wladimir Lugowskoi) extrem nationalistisch ist. Das Werk ist im 13. Jahrhundert angesiedelt, als Russen unter Führung Newskis Invasoren aus Schweden und Deutschland in die Flucht schlugen. Tenor des Texts: Steht auf, ihr Russen, wir „zerschmettern“ die schrecklichen Feinde und so fort.

Bedauerlicherweise verzichtete man im Concertgebouw auf Übertitel, und auch im Programmheft – es gibt zwar noch das exzellente Monatsheft Preludium, das Tagesprogramm ist leider nur noch mittels QR-Code abrufbar – ist der fürchterliche Text nicht abgedruckt. Diese Entscheidung ist zu respektieren, vor allem angesichts der Tatsache, dass etliche Chormitglieder, heißt es in einem Beiblatt, es schwierig finden, die Texte zu singen: „(…) the Russian nationalist message is offensive, to the point that the singers find it difficult to perform these texts.“

Im Kölner Museum Ludwig, und nicht nur dort, findet man für derlei Dilemmata sinnvollere Lösungen: Ein Werk Emil Noldes mit dem Wort „Neger“ im Titel wurde nicht etwa umbenannt, sondern mit einer zusätzlichen Infotafel versehen, auf der steht, dass das Wort rassistisch sei.

Concertgebouworkest, Riccardo Chailly © Eduardus Lee

Riccardo Chailly hat Alexander Newski bereits 1983 in Cleveland aufgenommen. Es wurde 1939, kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkriegs, in Moskau uraufgeführt. Bereits ein Jahr zuvor hatte Prokofjew den Soundtrack zum gleichnamigen Eisenstein-Film geschrieben.

Der schroffe Beginn fesselt. Die Streicher sind der Wahnsinn. Ich denke an einen Satz, den ich in einem früheren Bericht aus Amsterdam schrieb: „Wir reisen weit, um Großes zu hören, und freuen uns immer wieder, im Concertgebouw zu sein.“ Miriam Pastor Burgos zaubert ein Solo aus ihrem Englischhorn.

Der große Rundfunkchor und der Chor der niederländischen Nationaloper singen fulminant. Ungewöhnlich: Die Damen stehen hinter den Herren, und das am Weltfrauentag!

Marie-Nicole Lemieux, für die erkrankte Jekaterina Sementschuk eingesprungen, hat eine herrlich voluminöse Tiefe und eine sehr angenehm klingende Mittellage. Das Publikum im Saal lauscht aufmerksam und konzentriert, nur ein einziges Mal ist ein Handy zu vernehmen, und zwar, als es jemandem runterfällt. Und die B-Dur-Hymne am Ende, mit vollem Schlagwerk und Glocken, wird von einigen auf dem Weg zur Straßenbahn nachgesummt. Eine prächtige, eine triumphale Darbietung.

Concertgebouworkest, Riccardo Chailly © Eduardus Lee

Und dann verschwinden sie, diese großartigen Musikerinnen und Musiker, werden zu ganz normalen Amsterdamern, wenn sie nach dem Konzert auf dem Fahrrad davonfietsen. Dabei sind sie alle Teil eines herausragenden Orchesters von Weltrang. Des für mich besten Orchesters des Planeten.

Brian Cooper, 10. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Rudolf Buchbinder, Filarmonica della Scala, Riccardo Chailly Konzert am 1. September 2024 im Wolkenturm, Grafenegg

Klaus Mäkelä, Dirigent, Koninglijk Concertgebouworkest Elbphilharmonie, Hamburg, 11. Februar 2026

Yunchan Lim und das Concertgebouworkest  Konzerthaus Dortmund, 16. Januar 2026

Concertgebouw Orchestra Amsterdam, Klaus Mäkelä Wiener Konzerthaus, 4. September 2025         

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