Das Divertissementchen „E Levve för Kölle“ ist ein Riesenspaß

„Das große kölsche Chor-Musical der Cäcilia Wolkenburg“  Oper Köln im Staatenhaus,  Köln, 23. Januar 2026

Divertissementchen 2026 © Stefanie Althoff – Ein Ständchen für Konrad Adenauer im Himmel: Queen Elisabeth II. (Peter Wallraff) an der Fanfare
Prinz Philip (Ralf Kaiser) und die Engel (v.l.: Simon Wendring, Manuel Anastasi) sind begeistert.


„Das große kölsche Chor-Musical der Cäcilia Wolkenburg“ ist in der Ausgabe von 2026 eine sehr gelungene Hommage an einen prominenten ehemaligen Kölner Oberbürgermeister zu dessen 150. Geburtstag. Maßgeblich beteiligt am Spektakel, als Autor und Schauspieler, ist ein ehemaliger Bonner Oberbürgermeister.

Darsteller: Bühnenspielgemeinschaft Cäcilia Wolkenburg im Kölner Männer-Gesang-Verein (KMGV)

Regie:  Lajos WENZEL
Buch:  Jürgen NIMPTSCH
Musik & Arrangements:  Thomas GUTHOFF
Liedtexte: Johannes FROMM, Manfred SCHREIER

Einstudierung: Philip VAN BUREN, Thomas GUTHOFF, Benedict NAGEL, Bernhard STEINER

Dirigat: Philip VAN BUREN, Benedict NAGEL, Bernhard STEINER

Bühnenbild: Tom GRASSHOF
Kostüme: Judith PETER
Choreografie: Katrin BACHMANN, Jens HERMES
Ton-Design: Thomas WEGNER
Licht-Design: Andreas GRÜTER

ORCHESTER & BAND: BERGISCHE SYMPHONIKER

WESTWOOD SLICKERS
Gesamtleitung: Simon WENDRING

Oper Köln im Staatenhaus,  Köln, 23. Januar 2026

von Brian Cooper

Seit über 150 Jahren ist es eine feste kölsche Institution: das Divertissementchen, auch „Zillche“ genannt. Etwa dreißig Vorstellungen gibt es jedes Jahr, sie sind Kult, und sie sind stets binnen weniger Stunden im Herbst des Vorjahres ausverkauft.

Was genau ist eigentlich ein Divertissementchen? Nun, vielleicht kann man es als so etwas wie eine schräge, wilde Mischung aus Karneval, Chorfest, Männerballett, Musical, Politsatire, Revue und Oper(ette) beschreiben. Et Zillche findet normalerweise auch tatsächlich im Opernhaus am Offenbachplatz statt, doch da dessen Sanierung noch immer nicht abgeschlossen ist, wie auch im jüngsten Kölner Tatort thematisiert, gastiert man nun zum letzten Mal im Staatenhaus auf der schäl Sick, der „falschen Seite“ des Rheins, die in der aktuellen Ausgabe ausgiebig besungen wird.

Wir rasen auf Karneval zu und sind seit November in der fünften Jahreszeit, zu der das Divertissementchen gehört wie Prunksitzung, Stunksitzung, Kölsch und Kostüme. Weit über die Hälfte des Publikums erscheint verkleidet, Mitwirkende mischen sich vorher und in der Pause unters Publikum, die Atmosphäre ist locker, herzlich, man ist voller Vorfreude.

Divertissementchen 2026 © Stefanie Althoff – In seinem Rosengarten im Himmel zeigt Konrad Adenauer (Jürgen Nimptsch) seiner zweiten Ehefrau Auguste „Gussie“ (Rainer Wittig) seine Liebe und schenkt ihr eine Rose

Doch noch immer haben wir keine wasserdichte Zillche-Definition. Lassen wir einfach die Bühnenspielgemeinschaft Cäcilia Wolkenburg im Kölner Männer-Gesang-Verein (KMGV) sprechen, dessen großartiger Gesang das fulminante Fundament der Show bildet:

„Seit über 150 Jahren bringt ‚et Zillche‘, wie die Kölnerinnen und Kölner das Musikspektakel liebevoll nennen, Spielfreude und Spaß an der Parodie auf die Bühne: Über 100 Sänger und Tänzer zaubern mit einem großen Orchester und Band ein einzigartiges Musical auf die Bühne – mit viel Situationskomik, Wortwitz und einem rasanten Musik-Mix aus allen Genres. Das gibt es nur in Köln!“

Musikspektakel also. Ein kölsches Mundart-Musical, ein Spektakel. Da haben wir’s! Es ist eine einzigartige Tradition, die es wirklich nur so nur in Köln gibt und geben kann. „Du Glücklicher“, seufzt mein Opernfreund „Wotan”, als ich ihm von bevorstehendem Besuch und Kartenglück berichte.

Dieses Jahr hat Jürgen Nimptsch sein 25. Zillche geschrieben. Herr Nimptsch war nicht nur von 2000 bis 2024 Baas der Bühnenspielgemeinschaft, sondern ist ehemaliger Oberbürgermeister (OB) von Bonn, und er spielt – wie könnte es anders sein – einen ehemaligen Oberbürgermeister von Köln, der in diesem Jahr 150 geworden wäre: Konrad Adenauer.

Divertissementchen 2026 © Stefanie Althoff – Köln 1904: Der junge Konrad Adenauer (Dirk Pütz) heiratet Emma Weyer im Hotel Großer Kurfürst, nachdem sie sich im „Tennisclub Pudelnass“ kennengelernt hatten.

Der von Lajos Wenzel inszenierte Abend ist ein Abriss von Adenauers Zeit als Kölner OB – ein Leben für Köln bzw. E Levve för Kölle. Dieser gesungene und gesprochene Abriss pendelt geistreich und witzig zwischen dem politisch aktiven OB-Schlitzohr Adenauer, toll gespielt von Dirk Pütz, und dem 150jährigen Greis im Himmel, gespielt von Jürgen Nimptsch. Insbesondere Letzterer trifft so grandios die Gestik, Bewegungen und Sprechweise des alten Adenauer, dass man sich an Mathias Richlings große Parodiekunst erinnert fühlt: Es ist zum Kringeln!

Adenauer soll nach 50 Jahren sein Kanzler-Himmelszimmer für Ludwig Erhard (Stefan Bröcher) räumen. Damit er bleiben kann, werden zahlreiche Gratulanten und teils auch Fürsprecher aufgeboten, die ihn besuchen, darunter Aristoteles Onassis (Mario Jacobs) und Jackie Kennedy (Sina Demir), Marilyn Monroe (Sven Patschkowski), Rudolf Augstein (Joachim Sommerfeld), Nikita Chruschtschow (Knut-Ivar Østlyngen), Willy Brandt (Harald Butscheid), Prinz Philip (Ralf Kaiser) und die Queen, deren wortkarger Kurzauftritt aufgrund des Spiels von Peter Wallraff und der fabelhaften Verkleidung (Kostüme: Judith Peter, Maske: Beatrix Abt, Bianca Kurth und Johanna Nagel) mindestens so viel Gelächter erntet wie weiland Hape Kerkeling als Königin Beatrix.

Divertissementchen 2026 © Stefanie Althoff – Köln 1930: Eröffnung der Ford-Werke in Köln

Mit Charles de Gaulle (Stefan F. Robert) hat Adenauer den Élysée-Vertrag ausgehandelt. Nicht nur zwischen den Zeilen wird das Divertissementchen mitunter politisch, hier etwa mit einem fulminanten Plädoyer für ein geeintes Europa, an vielen anderen Stellen für die Freiheit: Beides steht dieser Tage unter Dauerbeschuss. Auch Kirchenkritik – Adenauer bekennt, er sei „lieber auf der Wolke als beim Woelki“ – und die trägen Fortschritte Kölner Bauvorhaben kommen nicht zu kurz: Wenn der Kölner eines könne, sei es Bauen (großes Gelächter), und der OB a.D. arbeitet an seiner WibOf-Software: Wie baue ich ein Opernhaus fertig…

Ganz großartig sind vor allem die den greisen Mann umringenden Gestalten im Himmel, allen voran die beiden Ehefrauen Emma (Markus Becher) und Gussie (Rainer Wittig), seine Büroleiterin Anneliese Poppinga (Wolfgang Semrau) und die drei Engel Urbania (Volker Bader), Luca (Manuel Anastasi) und Jona (der sehr sympathische Baas der Cäcilia Wolkenburg, Simon Wendring, der mir in der Pause vorgestellt wurde und die Gesamtleitung hat). Vor allem die beiden Letztgenannten Engel für „allgemeine und besondere Aufgaben“ spielen auch gestisch so gut, dass meine Lebensgefährtin zur Pause „Die beiden sind der Wahnsinn!“ ausrief.

Divertissementchen 2026 – Szenenfoto 6 © Stefanie Althoff – Auch im Himmel achtet Konrad Adenauer (Jürgen Nimptsch, Mitte) auf seine Gesundheit und wird regelmäßig von einer fröhlichen Ärzteschar untersucht.

Musikalisch ist der Abend ein Hochgenuss. Thomas Guthoff zeichnet verantwortlich für die Musik wie für raffinierte Arrangements, die Liedtexte stammen von Johannes Fromm und Manfred Schreier. Gefühlt über 100 Werke und Songs aus mehreren Jahrhunderten klingen an. Hier nur einige Beispiele: Mendelssohns Vierte, Vivaldis Jahreszeiten, der Sacre und die Krönungsmesse, Verdis Autodafé-Chor aus Don Carlos, Max Gregers Titelmusik zum aktuellen Sportstudio, Die Schwarzwaldklinik, Karnevalslieder von Ostermann über Millowitsch bis Brings, Gaudeamus igitur, Rondò Veneziano klingt an, und das Halleluja von Leonard Cohen wird raffiniert mit jenem aus Händels Messias kombiniert. Das Ganze ist fürs Publikum ein munteres Ratespiel und ein ganz großes Vergnügen. Chefdirigent und musikalischer Leiter des Divertissementchens ist Philip van Buren. Die Bergischen Symphoniker und die Westwood Slickers ziehen alle Register.

 

Divertissementchen 2026 – Szenenfoto 11 © Stefanie Althoff – Stairway to Heaven: Im Himmel rockt Konrad Adenauer (Jürgen Nimptsch) mit einem Gitarrensolo.

Es ist eine insgesamt liebevolle Hommage an Adenauer, der viel für Köln erreichte, den Bau von Rheinbrücken und Sportanlagen vorantrieb, die Ansiedlung der Kölner Messe, des WDR-Vorläufers WERAG sowie des Autoherstellers Ford ermöglichte – ein originales Model A zierte die wunderbare Bühne von Tom Grasshof – und den Grüngürtel schuf. Zugleich werden die kunstfeindlichen Elemente Adenauerschen Wirkens ausgespart, die in einen solchen Abend freilich auch nicht passen würden. (Adenauer ließ ein expressionistisches Gemälde von Otto Dix aus dem Wallraf-Richartz-Museum entfernen und verbot den in Köln uraufgeführten Wunderbaren Mandarin von Béla Bartók.) Der kölsche Klüngel, den es immer schon gegeben hat, wird hingegen ausgiebig beleuchtet.

Das Divertissementchen ist, wie der Name nur halb verrät, große Unterhaltung, ein Riesenspaß, und zwar auch für Karnevalsmuffel, wie Adenauer einer war und der Schreiber dieser Zeilen einer ist. Nächstes Jahr findet das Spektakel wieder am Offenbachplatz statt.

Also sprach der Lebensmensch: „Ich bin total verzückt von diesem Abend.“ Und wir versicherten einander, dass dieses erste Mal nicht das letzte sein würde.

Brian Cooper, 25. Januar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Johann Strauss, Die Fledermaus Wiener Staatsoper, 6. Januar 2026

In Frisco ist der Teufel los, Operette von Guido Masanetz (Musik) Komische Oper Berlin im Schillertheater, 30. Dezember 2025

Der Schokoladensoldat, Operette von Oscar Straus Livestream vom 26. Oktober 2025 (über YouTube abrufbar)

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