An diesem Abend entfaltet sich in Düsseldorf zwischen Klassik und romantischer Klanggewalt pure Ekstase

Düsseldorfer Symphoniker, Tabita Berglund, Roman Borisov, Klavier  Tonhalle Düsseldorf, 19. Dezember 2025

Sternzeichen  Berglund, Borisov © Susanne Diesner

Wie lässt sich ein Jahr gut zu Ende führen? Eine Idee: Man krönt es mit genialer Musik. Kurz vor Weihnachten möchten die Düsseldorfer Symphoniker diesen Anspruch erfüllen und locken mit einem aufsehenerregenden Programm ins Konzert. Unter dem Taktstab der jungen norwegischen Dirigentin Tabita Berglund (36) findet sich zwischen Klassikern und waghalsigen Experimenten etwas für jeden Geschmack. Heraus kommt ein Abend, der sowohl Musiker als auch Publikum alles abverlangt.

Düsseldorfer Symphoniker
Tabita Berglund, Dirigentin

Roman Borisov, Klavier

Sergej Prokofjew – Sinfonie Nr. 1 D-Dur op. 25 „Symphonie Classique“                      Pjotr Tschaikowsky – Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 B-Moll op. 23
Pjotr Tschaikowsky – Romeo und Julia – Fantasie-Ouvertüre in vier Akten
Alexander Skrjabin – Poème de l’extase op. 54 für großes Orchester

Zugabe:
Mendelssohn Bartholdy – Allegro con fuoco in b-moll aus „Lieder ohne Worte“, op. 67/2

Tonhalle Düsseldorf, 19. Dezember 2025

von Daniel Janz

Es beginnt recht artig. Prokofjews erste Sinfonie – ein Paradebeispiel für den „Neoklassizismus“ – bedient sich vor allem altbekannter Formen. Aufbau, Dauer, Gestaltung und Instrumentation erinnern an Klassiker, wie Haydn und Mozart. Diese Sinfonie klingt dementsprechend unaufgeregt. Es ist ein Stück, wie es auch vor 300 Jahren hätte klingen können. Zugute kommt ihm die deutliche Pointierung unter Berglund. Diese Musik benötigt Klarheit der Form und das arbeitet sie gut heraus. Das ergibt ein nettes Häppchen zum Einstieg, das den musikalischen Appetit anregt.

Die erste Hälfte des Abends ist Klassik pur

Nachdem der Einstieg mit Prokofjew gelungen ist, wird das Orchester ordentlich aufgestockt. Auch Tschaikowskys Klavierkonzert ist ein Klassiker. Dieses Stück ist durch sein imperiales Einstiegsthema sogar jenseits der Orchestertradition bekannt. Anders, als bei Prokofjews Rückbesinnung auf die Vergangenheit, überwiegen hier vor allem volle Orchesterklänge und filigrane bis prächtige Melodien am Klavier.

Diese bringt heute der Russe Roman Borisov (23) zum Erklingen. Schon zu Beginn demonstriert er Temperament. Den gesamten ersten Satz spielt er sich ins Zentrum, obwohl das Orchester hier auch laute Passagen hat, die ein Klavier leicht übertönen können. Heute Abend stimmt aber die Balance. Solist und Ensemble erscheinen als Einheit, in der die Themen und Rhythmen einander zufliegen und einen organischen Fluss ergeben. In puncto Selbstbehauptung kann Borisov mit den Großen mitspielen.

Sternzeichen  Berglund, Borisov © Susanne Diesner

Dennoch fällt auf, dass ihm neben seinem Temperament noch ein wenig das Fingerspitzengefühl zu fehlen scheint. So hört sich im zweiten Satz der Ansatz von Borisov für den Geschmack des Rezensenten etwas hart an. Die Folge ist, dass diese Stellen, wo die Melodien eigentlich von der Klaviatur perlen sollen, nicht so recht zünden. Anstatt sich gerührt zu fühlen, drängt sich dem Rezensenten hier Langeweile auf. Vielleicht ist das aber eine Sache, die mit mehr Erfahrung noch gelingen kann?

Im dritten Satz kann Borisov jedenfalls die Aufmerksamkeit wieder an sich reißen und zusammen mit dem Orchester in ein starkes Finale führen. Hier fließt es wieder zwischen allen Beteiligten bis in einen leuchtenden Schluss, für den sie ausdauernden Applaus und mehrere Bravo-Rufe ernten. Insgesamt eine gute Leistung, die Borisov mit Mendelssohn Bartholdy als Zugabe zu einem verzückenden Ausklang abrundet.

Sternzeichen Berglund, Borisov © Susanne Diesner
Auf tragische Liebe folgt Erlösung durch pure Ekstase

Drama entfaltet sich dann nach der Pause. Tschaikowskys Romeo und Julia löst die bis hierher klassischen Formen durch eine Orchesterfantasie ab, die ihrerseits große Bekanntheit erlangte und es sogar in die Popkultur (z.B. durch die Videospielreihe „Sims“) geschafft hat. Erst kürzlich spielte man sie auch hier in Düsseldorf.

Heute aber ist die Qualität auf einem anderen Level. Toll, wie nuanciert Tabita Berglund die Szenen herausarbeitet und dadurch Kontraste verstärkt. Mit ihrem fast schon übermotiviert gestenreichen Dirigat treibt sie das Zerreißspiel zwischen dem Liebespaar und der Familienfehde bis aufs Äußerste. Die Streicher glänzen zum Liebesspiel der Holzbläser und des Horns – besonders das Englischhorn fällt positiv auf. Gleichzeitig stampfen sie furios los, wo donnerndes Schlagwerk mit Hörnern und Trompeten seine ganze Zerstörungsgewalt entfaltet und das Liebespaar in sein unausweichliches Schicksal stürzt. Klasse, so darf dieses Stück gerne öfter klingen!

Auf Tschaikowskys Meisterwerk setzen Dirigentin und Orchester aber noch einen drauf. Mit Skrjabins „Poème de l’extase“ folgt ein enormer Kontrast. Inhaltlich skizziert es einem selbstverfassten Gedicht folgend die Suche nach Erkenntnis und Selbsterfahrung, an deren Ende nichts Geringeres als die Offenbarung Gottes steht.

Sternzeichen Berglund, Borisov © Susanne Diesner

Ähnlich abstrakt erscheint auch die Musik voller Farben und Abwechslung bis zur Reizüberflutung. Dabei setzt sie musikalisch wie emotional extreme Ansprüche an Publikum und Orchester. Das sind 20 Minuten voller atemberaubender Klangwelten und Anspannung. Schade, dass die Tonhalle die Chance nicht nutzt, dieses Spektakel auch mit einer Lichtshow zu begleiten, wie eigentlich vom Komponisten gedacht.

Weiterhin zeigen sich heute die Herausforderungen dieser Reichhaltigkeit. Denn Tabita Berglund und die Düsseldorfer Symphoniker stoßen hier an Grenzen. So droht ihnen manchmal der innere rote Faden zu entgleiten, da die Stimmführer, vor allem Trompeten und Hörner, nicht immer klar in Erscheinung treten, um die Leitthemen aus dem ständigen musikalischen Aufbäumen herauszuhören. Es bleibt unsicher, ob das am Orchester, an der Akustik oder am Sitzplatz des Rezensenten liegt. Auch am Höhepunkt stimmt die Balance nicht richtig, so sind z.B. die Glocken nicht zu hören.

Sternzeichen Berglund, Borisov © Susanne Diesner

Trotz dieser Details ist die Aufführung aber größtenteils ein beeindruckendes Erlebnis. Der Einstieg gelingt sehr zart und sehnsuchtsvoll in den Holzbläsern, so wie es der Komponist vorschreibt. Die Solovioline kann ihren Part mit Grazie bis zur Vollendung ausführen. Generell besticht der Streicherkörper auch hier durch einen fabelhaften Klang bis in sphärische Höhen. Sonderinstrumente, wie Harfen, Celesta, Glockenspiel und Orgel mischen sich mal subtil, mal voller Kraft in das Ensemble und das Schlagzeug zeigt hier vollen Einsatz. Insgesamt alles sehr gute Leistungen.

So münden sie mit dieser sphärischen Musik am Ende in einem umjubelten Erfolg. Als endlich der erlösende C-Dur-Dreiklang unter vollem Einsatz des Orchesters mit Schlagwerk und Orgel durchdonnert, gibt es im Anschluss kein Halten mehr. Begeistert feiert das Publikum die Künstler, viele Zuhörer reißt es aus den Stühlen. Diese wahrhaft ekstatische Sinneserfahrung lässt keinen Zweifel daran, dass für einen gelungenen Jahresabschluss die Weichen gestellt sind. Wir dürfen gespannt sein, was uns 2026 alles erwartet. Hoffentlich mehr Aufführungen diesen Kalibers.

Ich wünsche allen Leserinnen und Leser ein fröhliches  Weihnachtsfest und ein friedvolles neues Jahr!

Daniel Janz, 22. Dezember 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Tokyo Philharmonic Orchester, Myung-Whun Chung, Dirigent Tonhalle Düsseldorf, 11. November 2025

#IGNITION, Gordon Hamilton, Dirigent Tonhalle Düsseldorf, 30. September 2025

Düsseldorfer Symphoniker, Gordon Hamilton, Dirigent Tonhalle Düsseldorf, 8. Juli 2025

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