Daniels Anti-Klassiker 40: Richard Strauss – Sinfonia domestica (1904)

Daniels Anti-Klassiker 40: Richard Strauss – Sinfonia domestica (1904)  klassik-begeistert.de

Author: Bain News Service, publisher – Library of Congress Catalog

Höchste Zeit sich als Musikliebhaber einmal neu mit der eigenen CD-Sammlung oder der Streaming-Playlist auseinanderzusetzen.

Dabei begegnen einem nicht nur neue oder alte Lieblinge. Einige der so genannten „Klassiker“ kriegt man so oft zu hören, dass sie zu nerven beginnen. Andere haben völlig zu Unrecht den Ruf eines „Meisterwerks“. Es sind natürlich nicht minderwertige Werke, von denen man so übersättigt wird. Diese teilweise sarkastische, teilweise brutal ehrliche Anti-Serie ist jenen Werken gewidmet, die aus Sicht unseres Autors zu viel Beachtung erhalten. 

von Daniel Janz

Richard Strauss, weltbekannt für Kompositionen, wie „Also sprach Zarathustra“, „Ein Heldenleben“, „Don Juan“, „Tod und Verklärung“, für eine ganze Reihe von hochromantischen Liedern oder seine Opern „Rosenkavalier“, „Elektra“, „Salome“, „Ariadne auf Naxos“ und vieles mehr. Bei so einer Vita sollte man meinen, er gehörte zu denjenigen Komponisten, denen alles gelang. Und doch gibt es da eine Komposition, die irgendwie aus dem Groß der herausragenden Hinterlassenschaften herausfällt. Ein Werk, das von Strauss-Liebhabern gerne vergessen oder nicht erwähnt wird. Die Rede ist von der „Sinfonia domestica“. Oder wie ein mir bekannter Musikwissenschaftler einmal despektierlich feststellte: „Ach das Ding, das gibt’s ja auch noch!“ Was ist los, dass diese Komposition so geringgeschätzt wird? Zeit, sie sich einmal genauer anzuschauen!

Zur Wende ins 20. Jahrhundert war Strauss als einer der Großen etabliert. Seine Musik eroberte bereits die Konzertsäle, „Ein Heldenleben“ hatte sich erst kürzlich zu einem weiteren Meilenstein in seiner erfolgsverwöhnten Serie von Programmmusiken entwickelt. Dazu feierte er Erfolge als erster königlich-preußischer Hofkapellmeister in Berlin und der vollendete Absprung in den Olymp der Opernkompositionen stand dem in München geborenen Kompositionstalent kurz bevor. Und doch ließ er es sich nicht nehmen, diesem Genrewechsel noch einmal eine sinfonische Dichtung vorausgehen zu lassen.

Ähnlich, wie auch schon das Heldenleben, ist diese Tondichtung gespickt mit musikalischen Selbstbezügen. Während im Heldenleben jedoch das Heroische eines für Strauss idealisierten Heldens (nach Thomas Carlyle und Friedrich Nietzsche) im Vordergrund stand, wurde es in der „Sinfonia domestica“ persönlich. Was man ihm bereits im Heldenleben in einem interpretatorischen Fehlschluss vorgeworfen hatte – die schamlose Selbstverklärung und Überhöhung seines Egos – machte er hier zum Programm. Folglich hinterließ er eine der Musiken, deren Inhalt kaum peinlicher hätte sein können.

Denn in der Sinfonia domestica begegnen uns weder eine fantastische Gestalt, noch ein glorreicher Held oder eine außergewöhnliche Geschichte. Sondern stattdessen schildert Strauss uns seinen eigenen Familienalltag. Er selbst präsentiert sich als „Papa“ als zusammengesetztes Stückwerk aus den Themenelementen gemächlich (Violoncello), träumerisch (Oboe), mürrisch (Klarinette), feurig (Geigen) und lustig (Trompete). Dem gegenüber steht seine Frau Pauline, der er die Elemente grazioso (Flöten und Violinen), gefühlvoll (Solovioline und Klarinette) und zornig zugestand. Und als drittes im Bunde gibt es dann noch „Bubi“, dargestellt durch die Oboe d’amore. Dass auf dieser Basis eine thematisch hoffnungslos überladende Musik entsteht, versteht sich von selbst – bei fast neun Themen fehlt auch einem Strauss die ansonsten von ihm bekannte Plastizität.

Das wäre noch zu verschmerzen, wenn wenigstens der Inhalt diese Fülle rechtfertigen würde. Doch das tut er nicht. Stattdessen begegnen uns dieser häuslichen Grundlage entsprechend Szenen, wie sie einer platten Reality-TV-Serie stammen könnten. Ein Besuch von Verwandten, das Plärren des Kindes, Streit zwischen Strauss und Ehefrau und Versöhnung inklusive Liebesszene, die nur allzu leicht erotisch gedeutet werden kann. Dann schlafen alle ein und sobald der Wecker sieben Uhr morgens klingelt, setzt alles zum heiteren Familienfinale ins endlose plakative Glücks-Klischee ein.

Auch wenn man Strauss lassen muss, dass er hier einige kreative Ideen verarbeitet hat, so ist dieser schamlose Inhalt mit exhibitionistischen Zügen doch so ziemlich das Uninteressanteste an der gesamten Komposition. Dem Fazit des Komponisten „Ich finde mich ebenso interessant wie Napoleon und Alexander“ mag man in der Hinsicht dann auch nicht so recht folgen.

Nun ist das Programm einer Komposition eine Sache, an der sich Geister scheiden und von einem vermeintlich schlechten Programm selbst wird Musik noch nicht schlecht, wenn sie ansonsten gut komponiert ist. Doch hier setzt noch ein weiterer Mangel an der Sinfonia domestica an. Denn diese ist eines jener wenigen von Strauss komponierten Werke, das neben der thematischen Überfüllung auch kompositorische Mängel aufweist. Vor allem finden sich diese in der von ihm geforderten opulenten Besetzung des Orchesters. Schon wieder verlangt er nach acht Hörnern, vier Trompeten, drei Posaunen, vierfachem Holz und erneut Sonderinstrumenten, wie die Oboe d’amore und – für Strauss ungewöhnlich – auch vier Saxophone.

Doch diese Besetzung zeichnet sich nicht im Höreindruck ab. Warum es beispielsweise die acht Hörner anstatt von vier braucht, wird durch die ganze Komposition hindurch nicht deutlich. Strauss dürfte wohl in Anspielung an das Heldenleben auch hier den „heroischen Klang der Hörner“, den er in einem Brief an seinen Vater 1898 herausstellt, gewünscht haben. An seinem häuslichen Familienleben finden sich jedoch weder Anklänge an die Heldengestalten seiner früheren Werke, noch schwingt sich Strauss selbst in Musik gekleidet zu Heldentaten auf. Viel eher erscheint er als biederer Pantoffelheld, wodurch ein Eindruck von Materialverschwendung entsteht, als von gekonntem Einsatz.

Auch andere Instrumente erleben hier eine für Strauss ungewöhnlich unkreative Verwendung. Die Einsätze des Glockenspiels als Wecker hätte er beispielsweise auch genauso gut für die Triangel oder ein kleines Glöckchen setzten können, da er sowieso nur einen einzigen Klang für diesen musikalischen Symbolismus braucht. Es verwundert auch, wofür er so viele Holzbläser vorschreibt und von den eher matten Einsätzen des tiefen Blechs wollen wir lieber auch nicht sprechen.

Ganz eklatant fällt für diese Kritik dann sein Umgang mit den Saxophonen auf. Strauss verwendet diese zwar als Ausdruck profaner Lebensumstände und des Alltags und damit auf eine Art, wie ich es auch tun würde. Doch sind an Straussens Einsatz in der Sinfonia domestica gleich zwei Dinge zu bemängeln: Erstens gibt er ihnen so wenig zu spielen, dass das Warten auf diese Partien einer Qual für die entsprechenden Musiker gleichkommt. Und zweitens überlagert er sie bei ihren spärlichen Einsätzen auch noch mit so vielen anderen Instrumenten, dass ihr Klang völlig unter geht.

Bei Instrumenten aber, die in einer gesamten Komposition weder solistisch, noch im Tutti auffallen und somit auch nichts zur Atmosphäre des Werks beitragen, kann man nur von mangelhafter Komposition sprechen. Ein Fehler, dem auch heutzutage viel zu viele moderne Komponisten erliegen. Strauss war dieser Umstand möglicherweise auch bewusst, da er ausgerechnet diese vier Saxophone mit „ad libitum“ – also dem Einsatz nach Belieben – in der Partitur kennzeichnete. Etwas, was so überflüssig ist, dass sogar der Komponist diese Stimmen der Willkür anderer überlässt, kann aber getrost eingespart werden.

Es ist in Summe also nicht verwunderlich, dass die Sinfonia domestica – obwohl bei ihrer Uraufführung gefeiert – schon bald von Kritikern regelrecht zerrissen wurde. Selbst mir als bekennendem Strauss-Liebhaber sticht diese Komposition negativ heraus. Insofern verwundert auch nicht, dass sie heute ein selten aufgeführtes Kuriosum darstellt – andere Werke von Strauss überzeugen einfach mehr. Und doch ist es spannend, sich auch einmal ein solches Negativbeispiel anzusehen. Denn es zeigt, dass selbst die vermeintlich größten Meister nicht vor Schwächen sicher sind. Und daraus zu lernen und es in Zukunft besser zu machen ist für uns alle eine Chance.

Daniel Janz, 3. Dezember 2021, für
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Daniel Janz, Jahrgang 1987, Autor, Musikkritiker und Komponist, studiert Musikwissenschaft im Master. Klassische Musik war schon früh wichtig für den Sohn eines Berliner Organisten und einer niederländischen Pianistin. Trotz Klavierunterricht inklusive Eigenkompositionen entschied er sich gegen eine Musikerkarriere und begann ein Studium der Nanotechnologie, später Chemie, bis es ihn schließlich zur Musikwissenschaft zog. Begleitet von privatem Kompositionsunterricht schrieb er 2020 seinen Bachelor über Heldenfiguren bei Richard Strauss. Seitdem forscht er zum Thema Musik und Emotionen und setzt sich als Studienganggutachter aktiv für Lehrangebot und -qualität ein. Seine erste Musikkritik verfasste er 2017 für Klassik-begeistert. Mit Fokus auf Köln kann er inzwischen auch auf musikjournalistische Arbeit in Österreich, Russland und den Niederlanden sowie Studienarbeiten und Orchesteraufenthalte in Belgien zurückblicken. Seinen Vorbildern Strauss und Mahler folgend fragt er am liebsten, wann Musik ihre angestrebte Wirkung und einen klaren Ausdruck erzielt.

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