Konzert Eröffnung Beethovenhalle © Sascha Engst Bundesstadt Bonn
Nach über neun Jahren Bauzeit ist die Beethovenhalle endlich saniert. In einem langen Festakt wurde sie am Dienstagabend wiedereröffnet.
Ludwig van Beethoven (1770-1827) – Ouvertüre zum Ballett Die Geschöpfe des Prometheus C-Dur op. 43; Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur op. 58
Sara Glojnarić (*1991) – EVERYTHING, ALWAYS für Streichorchester und Audio-Zuspiel (2022)
Gustav Mahler (1860-1911) – Sinfonie Nr. 2 c-Moll „Auferstehung“
Fabian Müller, Klavier
Katerina von Bennigsen, Sopran
Gerhild Romberger, Alt
Bundesjugendchor (Einstudierung: Anne Kohler)
Beethoven Orchester Bonn
Dirk Kaftan, Dirigent
Beethovenhalle, Bonn, 16. Dezember 2025
von Brian Cooper
Neulich hatte ich einen Traum. Zusammen mit 2000 anderen Menschen saß ich im Dezember 2020 im neuen Festspielhaus Beethoven in Bonn. Es hieß „Diamant“ und war von der irakisch-britischen Stararchitektin Zaha Hadid entworfen worden, die 2016 verstorben ist. Man beging den 250. Geburtstag des größten Sohns der Stadt, Ludwig van Beethoven. Es gab keine Pandemie. Die Baukosten von 75 Millionen Euro wurden nur marginal überschritten, das Geschenk dreier Bonner Großkonzerne wurde pünktlich fertig, das Ganze war ein voller Erfolg. All dies wurde in sämtlichen Reden gefeiert; der Weltklassesaal werde mehr Menschen nach Bonn locken, hieß es; von Strahlkraft war mehrfach die Rede, die ehemalige Bundeshauptstadt werde – natürlich – zur kulturellen Weltspitze gehören.
Dass es nicht so gekommen ist, wissen wir schon lange. Aber Träumen ist erlaubt. Ich war damals, vor allem aus akustischen Gründen, für ein neues Festspielhaus, wenn auch nicht für den Abriss der vom 29jährigen Scharoun-Schüler Siegfried Wolske erbauten Beethovenhalle, die seit 1990 unter Denkmalschutz steht.
Heute sehe ich den ersten Teil des letzten Satzes anders. Es kann zwar für mich nicht genug Konzertsäle und kulturelle Spielstätten geben. Wir leben in einer Zeit, da glücklicherweise viele architektonisch wie akustisch aufregende Säle entstehen: die Philharmonie de Paris, trotz der Vertretertagungstristesse ihrer Foyers; das wunderbare Bochumer Kirchenprojekt mit dem sperrigen Namen; und natürlich die Elbphilharmonie. Doch das Bonner Festspielhaus-Projekt hätte, wie ich heute denke, einfach nicht zur Stadt gepasst, so spektakulär gerade die letzten vier Entwürfe auch waren. „Spektakulär“ passt nicht zur eher beschaulichen Bundesstadt.

Ein geschichtsträchtiger Ort der Begegnung
Nun ist die Beethovenhalle also wiedereröffnet, die Krawattendichte hoch, und die Bedeutung dieses langen und würdevollen Festakts am
16. Dezember, dem vermeintlichen 255. Geburtstag des Komponisten, denn gesichert ist nur der Tauftag, 17.12., lässt sich allein daran ablesen, dass der Bundespräsident und seine Gattin zugegen waren.

Starke Sicherheitsvorkehrungen also am Haupteingang wie im Pressebereich, wo Kameras und Laptops von Spürhunden beschnüffelt wurden und wir alle ein gelbes Bändchen bekamen, auf dem BKA stand. Die Veranstaltung war, soweit ich es bewerten kann, hervorragend organisiert. Selbst fürs leibliche Wohl wurde gesorgt – ein angesichts einer über vierstündigen Veranstaltung willkommener Umstand. Pressevertreter waren zudem gebeten worden, anderthalb bis zwei Stunden vor Beginn da zu sein.
Frank-Walter Steinmeier betonte in seiner Rede die Bedeutung der Halle auch als Ort der Begegnung und als geschichtsträchtiger Ort in politischer Hinsicht. Allein vier Bundesversammlungen fanden hier statt. Die Halle gehöre, so Steinmeier, „zum kulturellen Erbe unseres Landes“.

Natürlich waren auch die anderen Reden Festakt-kompatibel, und man versäumte nicht, die ins Unermessliche gestiegenen Baukosten der Sanierung – von ursprünglich veranschlagten rund 60 Millionen Euro auf etwa 220 Millionen – zu erwähnen. Der frisch ins Amt gewählte Oberbürgermeister Guido Déus, ein guter Redner, dankte seiner Vorgängerin Katja Dörner für den „Turnaround“. Großer Applaus im Saal: Frau Dörner hatte nämlich den BER-erprobten Projektleiter und Bauingenieur Steffen Göbel ins Boot geholt, der die Misere und die Jahre des Stillstands mit professioneller Effizienz binnen drei Jahren beendete.

Ina Brandes, Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, sprach von einem „Meilenstein für die nordrhein-westfälische Kulturlandschaft und weit darüber hinaus“. Und der charismatische GMD Dirk Kaftan brachte es auf den Punkt: „Danke. Endlich.“

Das Beethoven Orchester ist wieder in seinem Wohnzimmer
Denn das hiesige Beethoven Orchester hatte es in den letzten Jahren nicht leicht: Fast ein Jahrzehnt lang musste es in Ausweichspielstätten spielen. Und nun ist es wieder in seinem „Wohnzimmer“ und begann den musikalischen Teil natürlich mit Beethoven. Die Prometheus-Ouvertüre – man hatte sich also nicht für Die Weihe des Hauses entschieden! – wurde mit Verve und Feuer gespielt, und auch im vierten Klavierkonzert zeigte sich das Orchester in bestechender Form. Im Zusammenspiel mit dem Solisten Fabian Müller, einem Sohn der Stadt, spielte das Orchester luftig und leicht, mit wunderbar weichen Pizzicati im ersten Satz und ohne je des Solisten feine Läufe und perlende Triller zuzudecken. In einem solch tollen Zusammenspiel, hörbar gut geprobt, konnte die Musik in jeder Modulation atmen, sie wirkte frisch, wie gestern komponiert, ohne weihevolles Pathos und mit ganz viel Liebe zum Detail. Kaftan dirigierte höchst aufmerksam. Der zweite Satz endete in purem Zauber, und im tänzerischen dritten überragten vor allem die Holzbläser.
Fabian Müller hätte natürlich als Zugabe Die Wut über den verlorenen Groschen spielen können, angesichts der erwähnten Baukosten, aber er entschied sich für ein schönes (eigenes?) Arrangement der bekanntesten Beethovenschen Melodie, die viele Menschen so glücklich macht. Die Schlichtheit des Themas aus dem letzten Satz der Neunten, der Europahymne mit der raffinierten Akzentverschiebung, geriet toll.
Witzige Moderne
Nach der ersten Pause folgte ein Werk der kroatischen Komponistin Sara Glojnarić aus dem Jahre 2022. Das Auftragswerk war nicht fertig geworden, und so kam das Publikum in den Genuss – tatsächlich wurde viel geschmunzelt und gelacht – des Werks EVERYTHING, ALWAYS für Streichorchester und Audio-Zuspiel: Die Stimme der Komponistin ist zu hören, und sie scheint dem Dirigenten spontan Anweisungen zu geben. Wir erleben also gewissermaßen die Entstehung der Musik im Augenblick, aus dem Augenblick heraus. Und das ist eine fabelhaft kreative Idee. So ist die oft allzu bierernste Moderne witzig und spannend. Und sie wirkt hier wie die Antwort auf die Frage „Wozu das alles?“, die Kaftan vorweg in seiner Ansprache gestellt hatte: eine Rechtfertigung der „Hochkultur“, die er lieber als „Tiefenkultur“ bezeichnen würde. Besonders viele amüsierte Reaktionen gab es im Publikum, als die Karaoke-Hits durchgegangen wurden, Wonderwall, Killing Me Softly und Dancing Queen inklusive.

Wie ist denn nun die Akustik? Wie klingt der Saal?
In der zweiten Pause unterhalte ich mich mit Christoph Schmitz, der am Morgen im Deutschlandfunk die Beethovenhalle als „Architekturjuwel des Bürgersinns“ bezeichnet hat. Wir haben die Zweite Mahler noch vor uns und sprechen angeregt über die Akustik, die er als „wattig“ bezeichnet.
Auch ich bin nicht begeistert, aber es wäre unredlich von mir, zum jetzigen Zeitpunkt eine Meinung zu äußern, denn aufgrund eines Missverständnisses bei der Akkreditierung – man hatte mich zu den Fotografen gezählt, die allesamt keinen Sitzplatz hatten – machte der stellvertretende Sprecher des Presseamts der Stadt Bonn, Marc Hoffmann, noch eine Karte möglich, vermutlich durch Zauberei. Der Platz in Reihe 28, unter der Empore, war allerdings bereits vor der Beethovenhallen-Sanierung der Katzentisch des Saals, die billigsten Plätze auf der Empore für mich die besten – solange die Klimaanlage aus war. Daher kann ich noch nicht sagen, ob die Nachhallanlage eine Besserung bewirkt hat. Ich habe jedoch noch immer meine Zweifel, dass der Saal nun zu den besten der Republik gehört.
Durchschnittlicher Mahler
Natürlich drang die Musik Gustav Mahlers gut durch bis in die letzte Reihe, wie könnte es anders sein, aber einige leise Stellen waren schlecht bis gar nicht zu hören. Insgesamt war dies eine eher durchschnittliche Auferstehungssinfonie, die noch vor gut zwei Wochen so grandios in Köln erklungen war. Es fehlte an Präzision, manchmal auch an sauberer Intonation, doch gab es auch viele wunderbare Momente: Soli im Englischhorn im ersten Satz etwa, warme Celli im zweiten (die tiefen Streicher überzeugten an diesem Abend insgesamt mehr als die Violinen), viel Charme im dritten Satz.
Gerhild Romberger ist für dieses Werk stets eine sichere Bank. Ihr „O Röschen rot“ hatte sämige Tiefe, und sie phrasierte außerordentlich schön. Auch Katerina von Bennigsen und der Bundesjugendchor überzeugten. Nur schade, dass manch Fernorchester-Wackler den Finalsatz trübte, dessen wundervolle C-Dur-Stelle allerdings, die ich als perfekte Darstellung eines „Durch Nacht zum Licht“ betrachte, an diesem Abend ganz vorzüglich klang. Ein Gänsehautmoment.
Dennoch war es eine gute Aufführung, und insbesondere die beiden Beethoven-Werke wurden hinreißend gespielt. Wie sollte es auch anders sein, wenn sie vom Beethoven Orchester in der würdevoll eröffneten Beethovenhalle gespielt wurden?
Endlich haben wir sie wieder.
Brian Cooper, 17. Dezember 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Beethovenfest: Jerusalem Quartet/Elisabeth Leonskaja Kölner Philharmonie, 23. September 2025
Beethovenfest, Fazıl Say, Klavier Forum der Bundeskunsthalle, Bonn, 3. Oktober 2024