Bogdan Roščić © Lalo Jodlbauer
Kein großer Wurf. Die Maulpuppen von Regisseur Nikolaus Habjan erfüllen keinen Zweck, zumindest bei Beethovens „Fidelio“, einer Neuproduktion an der Wiener Staatsoper. Der Rest erweckt ebenfalls keine „namenlose Freude“.
Ludwig van Beethoven, Fidelio
Oper in zwei Aufzügen
Text Joseph Sonnleithner & Georg Friedrich Treitschke & Stephan von Breuning
nach J.N. Bouilly
Musikalische Leitung Franz Welser-Möst
Wiener Staatsoper, 19. Dezember 2025
von Jürgen Pathy
Lange habe er überlegt, ob er die Puppen nicht weglassen solle. Das hatte Nikolaus Habjan bei der Sonntagsmatinee im Vorfeld der „Fidelio“-Premiere erwähnt. Gestört hätte es nicht, wenn er sich daran gehalten hätte.
Nicht, dass die Puppen aus der Reihe tanzen, sie sind einfach überflüssig. Im Gegensatz zur „Salome“-Produktion 2020 am Theater an der Wien vermitteln sie keinen Mehrwert. Dort hatte die lebensgroße Puppe mit ihren starrenden Augen einen Sinn. Alle Blicke waren auf Salome gerichtet. Beängstigend war es, wie die Augen der Puppe aufgerissen waren. Beim „Fidelio“ funktionieren sie als Verstärker der Emotionen nicht.
Somit sind sie nur eines: ein enormer Mehraufwand für Sänger, die ohnehin genügend mit der Partitur zu kämpfen haben. David Butt Philip schafft nur mit Mühe seinen Einstieg. „Gott, welch Dunkel hier“, ein Mann zwischen Existenz und Abgrund, schwieriger hätte Beethoven seinem Florestan den Einstieg nicht machen können. Aus der Stille einen Ton fast wie im Messa di voce anschwellen lassen, in Moll – damit hatten schon viele zu kämpfen. Die Gestaltung danach findet jedoch nicht statt. Eindimensional, mit viel Kraft, ja, aber wenig emotionalem Ausdruck dahinter. Das hatte Butt Philip beim „Lohengrin“ noch besser auf die Reihe gekriegt.
Malin Byström: solide ist nicht genug
Malin Byström hinterlässt keinen viel besseren Eindruck. Die Leonore gestaltet sie wie eine Brünnhilde. Hochdramatisch teilweise, immer wieder mit Highlights im kräftigen Ausdruck, nur ohne emotional feinfühlig irgendwo in eine Pore zu kriechen. Das ist bekannt. Das ist ihre Schwäche. Das ist sauber und tapfer. Für das Aushängeschild eines Hauses wie der Wiener Staatsoper aber nicht genug. „Nur schön ausschauen reicht halt nicht“, bleibt mir im Ohr hängen.

Dass sie gemeinsam mit Butt Philip wichtige Neuproduktionen besetzt („Salome“, „Fidelio“), ist jedoch ein Zeichen der Direktion: Das sind unsere heißesten Pferde im Stall.
Auf dem Pult strotzt Dirigent Franz Welser-Möst vor Energie. Dort merkt man nichts von der Krebserkrankung, die ihn länger im Griff hatte. Nun, geheilt, nach zwei Premierenabsagen, ist er zurück an der Wiener Staatsoper. Bei der dritten Leonoren-Ouvertüre vor dem Schlussbild lässt er den Zügeln freien Lauf. Einen derart wilden, martialischen Ritt hatte man im Graben lange nicht gehört.

Das Publikum reißt es danach beinahe von den Sitzen. „Boa, das Orchester hätte viel mehr Aufmerksamkeit verdient“, strahlt die Pubertierende in der Straßenbahn. Mama oder Tante hatte sie zum ersten Mal in die Oper mitgenommen. Schön, dass man die Jugend noch für Oper begeistern kann. Das Staatsopernorchester erwischt sonst keinen guten Tag: die Hörner unsauber, die Flöten scharf.
Wenig erfeuliches, viel Frust
Franz Welser-Möst schafft somit auch keine Wunder. Gleichförmig, wenig Abwechslung, beinahe beiläufig klingt vieles. Beethoven hat es einem auch nicht leicht gemacht. Das Quartett „Mir ist so wunderbar“, die Florestan-Arie und die Ouvertüre. Danach sind ihm musikalisch keine großen Ideen in den Schoß gefallen.
Das einzig Positive an diesem Abend: Tareq Nazmi, der als Rocco schnurrt wie ein Löwe.
Ansonsten viel Frust: Ein Asiate macht meinen Platz streitig. Der Pausen-Espresso schmeckt ekelhaft. „Wir leiten es gerne weiter“, hatten die beiden Mädels im Marmorsaal-Buffet versprochen. Seit Saisonbeginn gebe es eine neue Kaffeesorte, die Maschine sei zudem problematisch. Und zu allem Überdruss stört die laute Lüftung im Opernsaal. Das Problem ist länger bekannt. Die hätte man tauschen sollen, statt Unsummen in den Glanz der Hausfassade zu stecken. Qualität kommt von innen, Schein von außen. In Zeiten von Sparkurs wird es unterm Gewölbe noch eine Weile rauschen.
Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 22. Dezember 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
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