L’Opera Seria © Werner Kmetitsch
1769 wurde Gassmanns Oper in drei Akten im Wiener Burgtheater uraufgeführt. Das Stück ist eine authentische (bis heute offensichtliche) Parodie auf das allgemein übliche „Theaterleben“. Dabei wird kein Klischee ausgelassen. Eine Renommeeleistung vom grandiosen Regieteam und den exzellenten Sängern
Florian Leopold Gassmann L’Opera Seria
Commedia per Musica in drei Akten
Libretto von Ranieri de’ Calzabigi
Mit: Pietro Spagnoli, Roberto de Candia, Petr Nekoranec, Josh Lovell, Julie Fuchs, Andrea Carroll, Serena Gamberoni u.a.
Statisterie des MusikTheaters an der Wien
Les Talens Lyriques
Dirigent: Christophe Rousset
Regieteam: Laurent Pelly, Elisabeth de Ereno, u.a.
MusikTheater an der Wien, 28. Februar 2026 PREMIERE
von Herbert Hiess
Florian Leopold Gassmann als Komponist ist selbst bei eingefleischten Musikfreunden ein unbeschriebenes Blatt; der Mozart-Zeitgenosse zeichnet sich durch eine hochprofessionelle Instrumentierung aus – wenn auch mit wenig bemerkenswerten (musikalischen) Einfällen. Aber immerhin schafft er es, vor allem in Akt zwei und drei, einem interessanten musikalischen Verlauf zu präsentieren.
Diese Verstrickungen in einem Opernhaus und Theater sind ein ewiges Thema, das Librettist Calzabigi zeitlos umgesetzt hat. Viele Themen haben bis heute nicht an Aktualität verloren. Angefangen vom Geldmangel, der übrigens auch die Häuser der Vereinigten Bühnen tangiert, bis hin zu den zickenhaften Eitelkeiten und Streitereien der involvierten Künstler.
Zentrale Figur bei dem Werk ist Fallito, der Impresario (Intendant) des Opernhauses; der hat mit den gleichen Gegebenheiten zu kämpfen wie die heutigen Intendanten.
Pietro Spagnoli gibt mehr als hervorragend die Figur des Impresarios; mit seiner sonoren Baritonstimme und seiner mitreißenden Schauspielerei bietet er Unterhaltung pur. Eingekesselt ist er durch den Librettisten Delirio und dem Komponisten Sospiro. Und natürlich muss er die lachhaften Eitelkeiten der Sängerinnen und des Tenors Ritornello ertragen. Und natürlich darf die in Theatern so übl(ich)e Intrigenwirtschaft nicht fehlen. Diese wird vom Regisseur Laurent Pelly weidlich ausgeschlachtet.
Ein riesengroßes Bravo übrigens an das gesamt Team; sie schaffen aus diesem Werk ein szenisches Spektakel. Obwohl die Kostüme und Ausstattung barock-konventionell erscheint, wird mit sehr effektvollen Einlagen ein Blick in die dramaturgische Zukunft gewagt.

Angefangen von den perfekten Auf- und Abtritten, wo beispielsweise beim Erscheinen der drei Sängerinnen die Türen auf der Bühne synchron aufgehen. Edelkomparsen (alle in schwarz gekleidet) präsentieren ihre Einlagen – hochprofessionell einstudiert. Und ebenso die Choreographie der Tänzer. Im dritten Akt als Background für eine Arie gedacht, beginnen sie ihren Tanz konventionell, der schon bald in einer Aerobiceinheit endet. Ein Tanz erinnerte an einen Can-Can in einem Pariser Etablissement.
Pelly und sein Team gehen bis ins letzte Detail der Schauspielerei; extrem humoresk auch die Physiognomien der Künstler und beispielsweise deren Handbewegungen.
Musikalisch ist diese Aufführung ein wahrer Triumph. Dirigent Christophe Rousset und seine Talents Lyriques machen aus dieser Aufführung ein musikalisches Feuerwerk. Rousset dirigierte bereits 2025 dieses Werk in der Mailänder Scala; die Aufführung ist eine Koproduktion mit dem italienischen Opernhaus.

Sängerisch ist die Aufführung aus einem Guss; Gassmann verstand es in barocker Manier für die Sänger hochvirtuose Kunststücke zu schaffen.
Natürlich ist Gassmanns Kompositionstechnik perfekt und enthält alles, was die musikalische barocke Tradition zu bieten hat.
Leider gibt es in diesem Werk keinen einzigen „Gassenhauer“; deswegen ein dreifach Hoch für die musikalischen und dramaturgischen Interpreten – sie schafften es sogar, den eher langweiligen ersten Akt wenigstens fürs Auge über die Runden zu bringen.
17 Jahre später, nämlich 1786 gab es die Uraufführung von Mozarts Singspiel „Der Schauspieldirektor“. Da beschäftigten man sich auch mit den Eigenheiten des Theaters; nur viel kürzer und weitaus genialer. Die einzelnen Arien und Ensembles aus diesem Opus kann man leicht nachsummen und -pfeifen; anders als bei Gassmanns musikalischer Umsetzung – vor allem der erste Akt lahmte etwas.
In die heutige Zeit transferiert erinnert diese Komposition an ein Musical; es gibt (wenn überhaupt) ein paar Highlights, während der Rest so gemütlich dahinplätschert. Es klingt alles wie die Musicals von Andrew Lloyd Webber. Während ein paar wenige Hits abgespult werden, muss man (vor allem im ersten Akt) einige kompositorische Leerläufe ertragen.

Die unvergleichliche szenische und ebenfalls musikalische Umsetzung könnten die Zweifel an der Opernwelt der Zukunft wieder wettmachen. Vielleicht wagt der Intendant der Wiener Staatsoper doch einen Blick, was nur ein paar Hundert Meter entfernt in einem Opernhaus möglich ist. Er könnte sehen, dass die Versuche, sich mit halbseidenen szenischen Produktionen zu profilieren, fehlschlägt. Vielleicht auch mehr Gewicht auf die musikalische Ausführung legen.
Wie heißt es so schön: „Prima la musica, poi le parole“ (Anm.: Zuerst die Musik, dann die musikalische Ausführung!)
Herbert Hiess, 1. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
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