Frauenklang 17: Raphaela Gromes revidiert die Musikgeschichte im Lichte des Feminismus

Frauenklang 17: Die Cellistin Raphaela Gromes  klassik-begeistert.de, 24. März 2026

Raphaela Gromes setzt sich mit großem Elan dafür ein, endlich das alte Vorurteil über Bord zu werfen, Frauen fehle die schöpferische Potenz, um ganz große Werke der Tonkunst hervorzubringen. Mit überzeugenden Interpretationen in live und auf CD beweist sie das Gegenteil und bringt zahlreiche verborgene Schätze zu Gehör. Möge ihr Wunsch in Erfüllung gehen, dass ihre Entdeckungen künftig die Musikgeschichte erweitern und die Konzertprogramme bereichern werden!

von Dr. Lorenz Kerscher

Vor wenigen Tagen erschien hier in Klassik begeistert die von Dr. Gerd Klingeberg verfasste Rezension eines Konzerts von Raphaela Gromes und ihrem Klavierpartner Julian Riem in Bremen, bei dem ausschließlich Werke von Komponistinnen zur Aufführung kamen. Es macht große Freude, darin zu lesen, wie der Funke der Begeisterung für dieses noch kaum bekannte Repertoire auf den Autor und offenbar auf das ganze Publikum übersprang. Auch ich habe dieses Programm schon live erlebt und kann den von
Dr. Klingeberg geschilderten positiven Eindruck nur ganz und gar bestätigen.

Die von mir besuchte Aufführung in München war ein Gesprächskonzert, an dem auch die bekannte Moderatorin und Sprecherin Judith Rakers mitwirkte. Es ging nicht nur um die vollendete Darbietung großartiger Musik, sondern um ein richtungweisendes Anliegen, das sich Raphaela Gromes mit der ihr eigenen Leidenschaft auf die Fahnen geschrieben hat.

Sie möchte Kompositionen von Frauen bekannt machen, von denen sie während ihres ganzen Studiums keine einzige gespielt hat. Bei der Zusammenstellung des Repertoires für ihre 2017 erschienene CD Serenata Italiana stieß sie dann auf ein ansprechendes Werk von Matilde Capuis, doch erst während der Corona-Pandemie nutzte sie die unfreiwillige Auszeit, um mehr über das Schaffen von Komponistinnen in Erfahrung zu bringen. Wie vorher auch schon bei anderen Themen nahm sie dabei Kontakt zu Musikwissenschaftlern auf und schickte sie auf die Suche in Archiven und Notensammlungen.

So erschien 2023 das Album Femmes mit bemerkenswerten Werken von Komponistinnen. Noch fehlte dem Plattenlabel Sony Classical die letzte Konsequenz und so wurden unter dem Vorwand der von ihnen gewürdigten Frauengestalten noch die Komponisten Purcell, Mozart und Bizet hineingeschmuggelt. Nach dem Erfolg dieser Produktion war dann die Zeit reif, um eine ausschließlich der weiblichen Schöpferkraft gewidmete Doppel-CD aufzunehmen und dazu noch ein Buch herauszugeben.

Zur Seite stand ihr dabei die Musikwissenschaftlerin Susanne Wosnitzka, die in ausführlicher Quellenarbeit ein beachtenswertes wissenschaftliches Fundament legte und nach meinem Empfinden auch größere Buchstaben für die Namensnennung auf der Titelseite verdient hätte.

Im Gesprächskonzert setzt sich Raphaela Gromes nun mit großem Elan dafür ein, endlich das alte Vorurteil über Bord zu werfen, Frauen fehle die schöpferische Potenz, um ganz große Werke der Tonkunst hervorzubringen. Die hervorragend wiedergegebenen Werke beweisen das Gegenteil und dazu erläutert die überzeugende Künstlerin, dass diese Komponistinnen zwar erhebliche Widerstände in ihrem familiären Umfeld spürten, aber trotzdem öffentliche Beachtung fanden.

Der Geschichtsschreibung wirft sie vor, dass dies nicht festgehalten wurde, weil es nicht der vom Patriarchat gewünschten Frauenrolle entsprach. Nun ist es an der Zeit, im Nachhinein Gerechtigkeit walten zu lassen und den Komponistinnen ihren wohlverdienten Rang in der Musikgeschichte einzuräumen!

So nahm ich von diesem Konzert nicht nur starke Eindrücke, sondern auch Buch und Album Fortissima mit nach Hause. Nun stelle ich fest, dass beides sehr gehaltvolle Kost ist, weit mehr als etwas, das man mal eben so durchliest und durchhört. Kurzporträts von um die 30 Komponistinnen sind vielmehr Anreiz, um innezuhalten und ihre Werke anzuhören. Zehn davon und dazu noch Arrangements aus dem Pop-Genre von Adele und Pink kann man auf der Doppel-CD finden und darüber hinaus erweist sich YouTube als eine Fundgrube, um noch weit mehr zu entdecken.

Den Blick auf neue Dimensionen, den Fortissima eröffnet, möchte ich nicht in den Rahmen einer einzigen Rezension pressen. Mein Gefühl ist, dass jede Komponistin mit ihren wichtigsten Werken eine eigene Würdigung verdient. Also sehe ich schon einigermaßen klar, worüber ich in nächster Zeit schreiben werde! Ich denke, es ist für jeden Musikfreund sehr bereichernd, sich Zeit zu nehmen für die Entdeckungsreise, zu der Raphaela Gromes einlädt.

Meine Frau war von der Sonate in D-Dur von Luise Adolphe Le Beau so angetan, dass sie die Noten kaufte und nun mit ihrem Cellolehrer am melodiösen langsamen Satz arbeitet. Und ich stehe schon in der Pflicht, den Klavierpart einzuüben. Ihr Lehrer ist von dieser Musik so angetan, dass er sie auch mit anderen Schülern einstudieren möchte. So möchte ich allen Hobbymusikern ans Herz legen, auch von weiblicher Hand geschriebene Werke in ihr Repertoire aufzunehmen und damit sich selbst und die Gäste ihrer Hausmusikabende zu erfreuen.

Weiterhin würde ich mir wünschen, dass dadurch die Nachfrage nach entsprechendem Notenmaterial wächst und infolgedessen die Notenverlage ihr Angebot in dieser Kategorie erweitern. Und auch die Konzertveranstalter werden bei der Programmgestaltung hoffentlich schnell darauf reagieren, dass die Namen von Komponistinnen immer bekannter und ihre Werke immer beliebter werden!

Dr. Lorenz Kerscher, 24. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Bestellmöglichkeiten:

Fortissima! (Buch), Goldmann Verlag

Fortissima (Doppel-CD),  Sony Classical

Frauenklang 15: Eleonora Zernitz klassik-begeistert.de, 22. November 2025

Frauenklang 14: Salome Parkresidenz Alstertal, Hamburg-Poppenbüttel ab 20. März 2025

Frauenklang 13: „Stabat Mater“ von Giovanni Battista Pergolesi St. Trinitatis in Altona, 16. März 2025

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