Faurés Pénélope ist mir ein langer zu ruhiger Fluss – musikalisch feine Details können meine Langweile nicht verhindern

Gabriel Fauré, Pénélope (1913)   Prinzregententheater, München, 21. Juli 2025

Foto: Penelope 2025 V.Karkacheva (c) Bernd Uhlig

Die zweite Premiere der Jubiläumsfestspielzeit „150 Jahre Münchner Opernfestspiele“ ist die selten gespielte einzige Oper Gabriel Faurés Pénélope. Die inszenatorisch gewollte Distanz der Protagonisten überträgt sich mir. Emotionales Potenzial wird aus meiner Sicht damit verschenkt. Ganz überwiegend sphärisch im Zeitlupentempo ist Faurés Poème lyrique musikalisch unterwegs. Schöne feine Details. Insgesamt jedoch langweilt mich der Abend.

Pénélope (1913)
Poème lyrique in drei Akten

Komposition Gabriel Fauré
Libretto René Fauchois nach Homers Odýsseia (Odyssee)

Bayerisches Staatsorchester
Vokalensemble „LauschWerk“, Einstudierung Sonja Lachenmayr
Musikalische Leitung Susanna Mälkki

Inszenierung Andrea Breth
Bühne Raimund Orfeo Voigt
Kostüme Ursula Renzenbrink
Licht Alexander Koppelmann
Dramaturgie Klaus Bertisch, Lukas Leipfinger

 Prinzregententheater, München, 21. Juli 2025

von Frank Heublein

An diesem Abend ist im Prinzregententheater in München die zweite Vorstellung der Oper Pénélope. Es ist die zweite Premiere der Jubiläumsfestspielzeit „150 Jahre Münchner Opernfestspiele“ der selten und in München zum ersten Mal aufgeführten einzigen Oper Gabriel Faurés.

Die Handlung beschränkt sich wie Monteverdis Oper Il ritorno d’Ulisse in patria auf das finale Stück der Odyssee. Pénélope leidet ausgiebig ob des abwesenden Gatten. Indes kehrt Odysseus / Ulysse verkleidet auf seine Insel zurück. Macht was er am besten kann, fädelt eine List ein. Aus dieser heraus schlachtet er die Freier ab. Hernach ist jede noch lebende Person auf Itaka glücklich. Jede? Nein. Pénélope muss sich erst von der Echtheit Ulysses überzeugen. Check! und Vorhang.

Penelope 2025. V.Karkacheva (c) Bernd Uhlig

Die Titelprotagonistin Pénélope singt Mezzosopranistin Victoria Karkacheva, bis vorherige Spielzeit fest bei der bayerischen Staatsoper verpflichtet. Sie meistert die Herausforderung dieser langen anstrengenden und fordernden Partie des ausgiebigen Leidens sehr gut. Ihr warmer Sopran steigert sich gekonnt ins dramatische Fach in den Höhepunkten, etwa der Auseinandersetzung mit den Freiern.

Tenor Brandon Jovanovich als Ulysse überzeugt mich nicht vollständig, ich höre im zweiten Akt einen Aussetzer in der Höhe, kurz vor Ulysses größter Szene am Ende des zweiten Aktes, in der er sich den Hirten offenbart und sie zum Kampf aufstachelt. Insgesamt zeigt er sich der Partie gut gewachsen, soviel Heldentenormomente gibt ihm die Komposition nicht, schließlich steht seine Frau im Mittelpunkt der Oper. Daneben überzeugt als Hirte Eumée Bariton Thomas Mole, der am Anfang des zweiten Aktes sehr schön timbriert und anmutig dem Helden und Inselchef Odysseus gedenkt.

Penelope 2025. B.Jovanovich (c) Bernd Uhlig

Dirigentin Susanna Mälkki arbeitet gemeinsam mit dem Bayerischen Staatsorchester subtile Nuancen der Komposition heraus. Im Blech höre ich Wagnerische Inspiration. Die Holzbläser und die tiefen Streicher höre ich dunkel mystisch, sie vermitteln mir das poetisch lyrische Moment hervorragend. Der musikalische Fluss ist im Detail interessant, wenngleich er die Handlung nur schleppend voranbringt. Faurés einzige Opernkomposition, so sehe ich es, interessiert sich mehr für die musikalisch entworfene Sphäre und weniger für die emotionalen
(Konflikt-) Situationen der beiden Hauptpersonen. Komposition und Libretto erschweren, diese Inszenierung schafft es nur im geringeren Maße, meine Aufmerksamkeit zu fesseln.

Das Orchester macht im ersten Akt keinerlei Pausen, im zweiten eine und dritten ebenfalls keine. Ein stetiger Fluss. Der zur Herausforderung der Inszenierung wird, denn die Szenen wechseln. So schnell ein Bühnenbild zu wechseln, dazu braucht es einen Trick. Andrea Breth lässt den Bühnenverantwortlichen Raimund Orfeo Voigt im ersten und dritten Akt eine Zimmerflucht bauen. Zimmer bewegen sich seitlich von rechts nach links, drei sind über der gesamten Bühnenbreite sichtbar, insgesamt zähle ich fünf. In den Räumen bricht die Inszenierung Zeit und Raum, lässt Odysseus gleich in vier Gestalten auftreten. Aus unterschiedlichen Zeiten, in unterschiedlichen Szenen gleichzeitig und damit verschränkt.

Der zweite Akt ist fast gänzlich durch das gesungene Zwiegespräch Pénélopes mit dem verkleideten Ulysse geprägt. Verinnerlicht und sphärisch ist die musikalische Atmosphäre, auf der mit Gips-Torsi unterschiedlicher Größen ausstaffierten Bühne herrscht auch in diesem Moment wenig Bewegung.

Penelope 2025 B.Jovanovich, V.Karkacheva (c) Bernd Uhlig

Singen tut bis auf eine kleine Ausnahme nur ein Odysseus Darsteller. Auch über die Zimmer und damit zeiträumlichen Verschränkungen hinweg werden die Rollen sonst ausschließlich von Titelrollensängerin und Heldendarsteller gesungen. Das funktioniert halbwegs, ergibt sich jedoch rein organisatorisch und bleibt damit für mich ohne tieferen Sinn. Die inszenatorische Idee wird nicht gestützt. Die Zimmer stellen für mich Erinnerungen oder kurz aufeinander folgende aktuelle Handlungen oder Schicksalsahnungen dar. Gute Idee mit dem Nachteil, dass im ersten und dritten Akt kaum Bewegung auf der Bühne ist. Die Bewegungs- und Berührungslosigkeit wird künstlich vergrößert, artifiziell stilisiert, indem sich die Figuren an gefühlt sehr vielen Stellen in Superzeitlupe bewegen. Das macht es für mich dröge.

Selbst im Finale, dem Erkennen einander, kommen Pénélope und Ulysse sich nur so nah wie Gott und Adam auf Michelangelos „Die Erschaffung Adams“ – an das Bild erinnert mich die Schlussszene. Dann fällt der Vorhang. Die Distanz der Protagonisten überträgt sich mir. Die Inszenierung verbaut dem Figuren Emotionen in physischer Berührung zu zeigen. Das Opernpotenzial, Gefühle dramatisch auszusingen und gleichzeitig auch so dramatisch zu handeln, verschenkt aus meiner Sicht diese Inszenierung.

Ich bedauere meinen Gedanken, dass Monteverdi dasselbe Szenario aus meiner Sicht viel interessanter gestaltet. Das liegt an einer meiner Opern-Sternstunden im Jahr 2023. Ich scheitere damit teilweise in meinem stetigen Versuch, alle vergleichenden Vorkenntnisse zu Beginn an der Garderobe abzugeben.

Frank Heublein, 22. Juli 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Besetzung:

Pénélope Victoria Karkacheva
Ulysse Brandon Jovanovich
Euryclée Rinat Shaham
Eumée Thomas Mole
Cléone Valerie Eickhoff
Mélantho Seonwoo Lee
Alkandre Martina Myskohlid
Phylo Ena Pongrac
Lydie Eirin Rognerud
Eurynome Elene Gvritishvili
Antinoüs Loïc Félix
Eurymaque Leigh Melrose
Léodès Joel Williams
Ctésippe Zachary Rioux
Pisandre Dafydd Jones
Ein Hirte Solist(en) des Tölzer Knabenchors

Gabriel Fauré, Pénélope Prinzregententheater, München, 18. Juli 2025 PREMIERE

Festspiel-Liederabend Gerald Finley Prinzregententheater, München, 15. Juli 2025

 

https://klassik-begeistert.de/?s=Penelope

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