Satire und zeitgemäße Frischfleischaktion à la Don Pasquale aus dem Staatstheater Stuttgart

Gaetano Donizetti, Don Pasquale,  Staatstheater Stuttgart

Foto: © wikipedia.de
Staatstheater Stuttgart, 
28. Oktober 2018
Gaetano Donizetti, Don Pasquale

von Maria Steinhilber

Mit Don Pasquale als heiratswütigen Alten vertonte Donizetti eines der ältesten Sujets der Komödienliteratur. Ein alter schrulliger Mann um die 70 sitzt schützend über seinem Geldsack, wobei Ordnung mehr als großgeschrieben ist.

Öffnung und Schließung seiner riesigen, gläsern-kalten Bürotüren gehen steif ineinander über. So verschließt er sich vor seiner Familie, enterbt seinen leidenschaftlichen Neffen aus Angst bei einer Heirat das doch wohlverdiente Vermögen an die mittellose, junge Witwe Norina zu verlieren. Dennoch versucht er sich zu öffnen, in dem er sich selbst „eine Frau nehmen will“. Daraus generiert sich folgende Gleichung: materieller Wohlstand + einsamer, alter Herr = jüngere Dame, stets gehorsam und ja nicht verschwenderisch.

Zur sprudelnden Melodiefülle der Ouvertüre betrachtet das Publikum einen sechsminütigen Trickfilm. Dieser zeigt den jungen Don Pasquale mit wallendem Haar, in Hippie-Kleidung, überall Regenbogen, Kuss-Emojis und rote Herzen à la Whatsapp-Push-Nachrichten: Pop-Up-Stil ganz im Sinne des Yellow Submarine der Beatles.

Gut, jetzt ist es möglich, sich den jungen, nach freier Liebe lebenden Don Pasquale vorzustellen, doch man fühlt sich eher wie ein Zuschauer des Stuttgarter Trickfilmfestivals. Wilde Screens, bei denen man doch lieber mal die Augen schließt und wallenden Klängen lauscht, anstatt wallendes Haar zu bewundern.

Platziert im Zentrum der angeblichen Komödie ist die junge, adrette Witwe Norina. Die mazedonische Sopranistin Ana Durlovski mag ihre Norina. Frisch wie eine Lilie gibt sie „la simplicetta“ (die Naive). Gehüllt in Leoparden-Leggins torkelt sie zwischen Burger-King-Tüten, entzündet gekonnt ihren Glimmstängel, schaut immer wieder neugierig auf ihr Smartphone und gibt sich ganz ihrer Rolle hin. Ihre Stimme dehnt sie bis in höchste Lagen, welche ihr besonders schmeicheln. Ihr gelingen galante Übergänge, feinste Akzentuierungen, butterweiche Töne: sehr gut umgesetzter Zier-Gesang. Durlovski mag ihre Rolle und die Sympathie überträgt sich auf das Publikum. Fazit: Klein, aber (sehr) fein!

„Jetzt besorg ich´s dir verrückter Alter.“ Enzo Capuanos Bass, passt! Capuano schlüpft in die Rolle wie in ein gutsitzendes Kostüm. Selbst während schwierig schnellem Parlando fallen seine Töne sanft wie Regentropfen. Doch seine Darbietung zeugt auch von Fülle. Was der Trickfilm „Friede-Freude-Eierkuchen“ im Hippie-Style zu vermitteln versuchte, gelingt Enzo Capuano. Selbst die „ich-nehme-mir-eine-junge-Frau“ Frischfleischaktion meistert er – ohne überschüssige Komik.

Ernesto, der Neffe Don Pasquales, ein junger Enthusiast und Geliebter Norinas, wird dargeboten von einem Preisträger zahlreicher Opernwettbewerbe: Mingjie Lei. Sein Tenor schmiegt sich wohlüberlegt Durlovskis Klängen an. Besonders überzeugend und am schönsten klingt dann gegen Ende das gemeinsame Duett.

Johannes Kammlers Bariton, ist wie seine Rollenbeschreibung „mit allen Wassern gewaschen“. Er kann launisch, spielerisch, natürlich präzise und exakt, geradlinig und voll singen – sprich: Er kann alles singen.

Im Zentrum der Inszenierung steht Norinas schallende Ohrfeige – warum auch hat ein alter Ehemann die Dreistigkeit, ihr den gewünschten Theaterbesuch zu verbieten. Die Stuttgarter Inszenierung interpretiert die Ohrfeige als Zeichen, dass Norina einer anderen sozialen Schicht entstammt, als der alte und betuchte Don Pasquale. Sie muss und darf sich als Frau mit physischer Gewalt behaupten.

Das Publikum damals war schockiert! Eine ungewöhnliche Geste, die therapeutische Wirkung nach sich zog. Dem Journalisten Gustave Héquet zufolge mangelte es Norina „völlg an Geschmack und Maß. Dass sie ihren Gatten einen Narren nennt, mag noch durchgehen; aber einen Sechzigjährigen zu ohrfeigen! Wahrlich, die Ohrfeigen sind zu viel, Madame!“ (Le National, 10. Januar 1843)

Donizettis Humor ist Doppelbitter. Keine glitzernde Sternstunde der Regie. Den Glitzer liefert nur der Kronleuchter auf der Bühne. Ein humorvolles Stück, nicht unbedingt komisch: Trickfilm statt Opera Buffa.

Maria Steinhilber, 29. Oktober 2018, für klassik-begeistert.de

Musikalische Leitung, Francesco Angelico
Regie und Dramaturgie, Jossi WielerSergio Morabito
Bühne, Jens Kilian
Kostüme, Teresa Vergho
Licht,, Mariella von Vequel-Westernach
Animationsfilm, Studio Seufz
Chor, Manuel Pujol

Don Pasquale, Enzo Capuano
Doktor Malatesta, Johannes Kammler
Ernesto, Mingjie Lei
Norina, Ana Durlovski
Carlotto, Elliott Carlton Hines
Staatsopernchor StuttgartStaatsorchester Stuttgart

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