„…ich werde dich zwingen, die Bestimmung zu ertragen“ – Die Lübecker „Carmen“ wird immer besser!

Georges Bizet, Carmen – Evmorfia Metaxaki, Sopran  Theater Lübeck, 27. Februar 2026

Evmorfia Metaxaki © Jochen Quast und Felix Broede

Auch in der zweiten Spielzeit füllt die „Carmen“-Inszenierung von Philipp Himmelmann das große Haus des Lübecker Theaters. Und wieder gab es begeisterte Bravo-Rufe, stehende Ovationen und mehrfachen Szenenapplaus. Die entschlackte, auf einen Femizid-Krimi reduzierte Produktion ist unglaublich mitreißend – am 27. Februar 2026 erschien dieses Beziehungsdrama in der 11. Vorstellung sogar noch packender als bei der Premiere.

Georges Bizet,     Carmen

Ieva Prudnikovaite, Mezzosopran
Konstantinos Klironomos, Tenor
Evmorfia Metaxaki, Sopran
Jacob Scharfman, Bariton
Changjun Lee, Bass
Andrea Stadel, Sopran
Noah Schaul, Tenor

Stefan Vladar, Dirigent

Philipp Himmelmann, Inszenierung

Chor und Extrachor des Theaters Lübeck
Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck

Theater Lübeck, 27. Februar 2026
(Premiere am 20. Juni 2025)

von Dr. Andreas Ströbl

Mit vermeintlich optimistischer Frische ins Drama

Schon bei den ersten Takten der Ouvertüre ist klar – GMD Stefan Vladar und das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck haben das Tempo nochmal angezogen. Diese Rasanz zieht das Publikum in den Strudel derjenigen Leidenschaft, die in einer Bluttat mündet, fernab jeglicher Klischees oder Entschuldigungsmodelle für, entsprechend der aktuellen Terminologie, männlich-toxisches Verhalten.

Diese „Carmen“ ist bereits mehrfach enthusiastisch besprochen worden (https://klassik-begeistert.de/georges-bizet-carmen-theater-luebeck-3-juli-2025/), weswegen an dieser Stelle erneut betont werden darf, dass alle Mitwirkenden sowohl solistisch, im Chor, als auch orchestral nicht nur ein weiteres Mal ihr Bestes gegeben haben – die Produktion ist gereift, gewachsen und noch sicherer im hochemotionalen Ausdruck geworden.

Mehrfach äußerten Stimmen aus dem Publikum, diese Inszenierung noch länger im Programm behalten zu wollen, dies auch mit Blick auf Himmelmanns ebenfalls großartigen „Don Carlo“, der seit 2004 an der Berliner Lindenoper läuft.

Leider ein ständiger Brennpunkt

In den vergangenen Jahren sind die Forderungen, Femizide in die öffentliche Beachtung zu ziehen, deutlich lauter geworden. Josés wütende Äußerung „ich halte dich fest, verfluchtes Weib, ich halte dich fest, und ich werde dich zwingen, die Bestimmung zu ertragen, die dein Los an meines schmiedet“, mag archaisch klingen, wird aber täglich Frauen gegenüber in modernerer Diktion geäußert.

Carmen Lübeck © Jochen Quast

Die Statistik macht klar, dass es nicht nur die klassisch patriarchalisch geprägten Gesellschaften sind, sondern dass es diese Fälle auch im bürgerlichen deutschen Milieu gibt, und zwar leider mehr, als man denken sollte. Weit mehr als ein Klischee ist die Mutterrolle in typischen Patriarchaten, die durch eine Reduktion auf den häuslichen Bereich und zuweilen fast religiöse Überhöhung charakterisiert ist. Dieser Sachverhalt ist soziologisch intensiv untersucht worden und tritt in der Lübecker Interpretation durch den mehrfachen Versuch Micaëlas, José einen Brief seiner Mutter zu überreichen, hier noch stärker in den Fokus, denn er gehört in die Problematik.

Carmen Lübeck Photo Andreas Ströbl 
Ein sensibler Blick auf die anderen Hauptrollen

Eine sehr intensive Personenregie erlaubt Einblick in die Psyche der Protagonisten und macht die Beweggründe ihrer Interaktionen nachvollziehbar. Nun heißt die Oper zwar allein „Carmen“, aber gerade die Lübecker Produktion könnte in einem kulturhistorischen Essay den Untertitel „Eine soziologische Betrachtung der inneren Beweggründe und der Einbettung in das Gesamtpersonal“ tragen. Um die Figur der Micaëla näher zu beleuchten, hat sich die Sopranistin Evmorfia Metaxaki zu einem Interview bereit erklärt.

klassik-begeistert: Liebe Evmorfia, der Micaëla, die Du in der Lübecker „Carmen“ verkörperst, hat der Regisseur Philipp Himmelmann durch die wiederholte Szene einer versuchten Briefübergabe mehr Präsenz gegeben. Wie fühlst Du Dich in dieser Rolle und empfindest Du die Micaëla als zur Carmen gegensätzlichen oder ergänzenden Charakter?

Evmorfia Metaxaki: Micaëla ist eine sehr berührende, oft unterschätzte Figur. Durch die wiederholte Briefszene wird ihre Präsenz noch intensiver – sie bringt Erinnerung, Herkunft und Verantwortung auf die Bühne. Ich sehe sie nicht nur als Gegenspielerin von Carmen, sondern als Ergänzung: Carmen steht für radikale Freiheit, Micaëla für Treue und moralische Klarheit. Beide sind auf ihre Weise mutig – nur auf ganz unterschiedliche Art.

Carmen Lübeck © Jochen Quast

klassik-begeistert: Diese „Carmen“-Inszenierung besticht ja vor allem durch die Reduktion auf den Femizid, ohne folkloristische Elemente. Die Frauen stehen hier also ganz anders im Fokus als in anderen Produktionen. Aber gerade jüngere Besucherinnen waren teilweise irritiert durch die Uniformität der Frauen in ihrer Kostümierung. Empfindest Du das ebenso? Hättest Du Dir mehr Individualität in der äußeren Gestalt gewünscht oder ist das für Dich stimmig zum Regiekonzept?

Evmorfia Metaxaki: Die Reduktion auf den Femizid in Carmen verschiebt den Fokus stark auf die strukturelle Dimension der Gewalt, weg vom Folkloristischen, hin zum Wesentlichen. Die Uniformität der Frauen empfinde ich deshalb als bewusstes Zeichen. Es geht um ein kollektives Schicksal. Für mich ist diese formale Gleichheit stimmig im Regiekonzept – sie macht sichtbar, dass es hier nicht nur um eine Frau geht, sondern um ein größeres gesellschaftliches Thema.

klassik-begeistert: Die Schauspielerin Natalia Wörner hat in einem vor wenigen Tagen geführten Interview über Gewalt gegen Frauen gesagt: „Männer, die Täter sind, müssen ins Blickfeld rücken“. Der Begriff „Femizid“ hat ihrer Meinung nach verharmlosende oder verschleiernde Bezeichnungen, wie „Beziehungstat“ oder „Ehedrama“ glücklicherweise ersetzt. Glaubst Du, dass eine solche Produktion, wie die Lübecker „Carmen“ ebendieses ins-Blickfeld-Rücken unterstützen kann?

Evmorfia Metaxaki: Oper kann gesellschaftliche Realität nicht lösen, aber sie kann Räume öffnen, in denen wir anders und intensiver hinschauen. Und allein das ist ein wichtiger Schritt.

klassik-begeistert: Die Farbe Rot zieht sich leitmotivisch durch die Aufführung. Ein riesiges rotes Tuch schwebt einmal von oben herab, mit einem roten Seil fesseln Carmen und José einander, rot sind die Schuhe der weiblichen Mitwirkenden, in rotem Licht erstrahlt mitunter die eiserne Welle im Bühnenhintergrund. Ist diese Farbe für Dich symbolisch für das Blut, die Liebe, das Leben? Oder hat das rot für Dich gerade in dieser Produktion eine ganz andere Bedeutung?

Evmorfia Metaxaki: Für mich steht das Rot weniger für eine eindeutige Symbolik als für eine Verdichtung von Emotion – Pathos! Es ist eine permanente Spannung im Raum: Zwischen Eros und Gewalt, zwischen Begehren und Zerstörung.

Carmen Lübeck Photo Andreas Ströbl Schlussapplaus

klassik-begeistert: Zu Beginn des zweiten Aktes in der Taverne erscheint in Lübeck die Micaëla im Gegensatz zum Original und ist sogar sehr präsent. Du läufst auf einer rotierenden Scheibe, während Carmen Dich ansingt. Verfolgt Dich Carmen da? Vor was fliehst Du?

Evmorfia Metaxaki: Ich habe nicht das Gefühl, dass Carmen mich verfolgt, sondern dass sie eine innere Bedrohung darstellt. Auf der rotierenden Scheibe fehlt Micaëla der feste Boden – sie gerät in eine Welt, die nicht die ihre ist. Ich fliehe weniger vor Carmen, als vor dem Sog dieser Leidenschaft, der Don José schon erfasst hat.

klassik-begeistert: Liebe Evmorfia, vielen herzlichem Dank für das Gespräch und weiterhin toitoitoi!

Dr. Andreas Ströbl, 28. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Die (hoffentlich nicht allerletzten) Vorstellungen sind am 6. und 27. März.

Georges Bizet, Carmen Theater Lübeck, 3. Juli 2025

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