Puccinis Tosca geht immer, wenn auch öfters mit Einschränkungen

Giacomo Puccini Tosca, Melodramma in drei Akten (1900)  Hamburgische Staatsoper, 29. November 2025

Ewa Plonka (Floria Tosca), Giampaolo Bisanti (musikalische Leitung), Gabriele Viviani (Scarpia), Joseph Calleja (Mario Cavaradossi) (Foto: RW)

Es gab auf der Bühne einen Sänger, der von der Haltung und vom Ausdruck her stärker überzeugte als der Sänger des Scarpia: Peter Galliard, der sich als Spoletta mit agiler Wendigkeit unterwürfig gab, mimisch sein sadistisches Vergnügen mit der notwendigen Zurückhaltung zum Ausdruck brachte und ohne plakativ zum masochistischen Erfüllungsgehilfen zu mutieren.

Tosca, Melodramma in drei Akten (1900)
Komposition von Giacomo Puccini

Inszenierung: Robert Carson
Bühnenbild und Kostüme: Anthony Ward

Hamburgische Staatsoper, 29. November 2025

142. Vorstellung seit der Premiere am 15. Oktober 2000

von Dr. Ralf Wegner

Puccinis Oper Tosca gehört zu den Rennern in den Opernhäusern. Es bedarf nur drei guter Sänger und eines auf diese Rücksicht nehmenden Orchesterleiters, um gegebenenfalls einer Sternstunde des Gesangs beizuwohnen. Die letzte Tosca-Sternstunde erlebten wir hier 2018 mit Angela Gheorghiu als Tosca, Riccardo Massi als Cavaradossi und Franco Vassallo als Scarpia, alles unter der Leitung von Pier Giorgio Morandi sowie 2024 mit Ailyn Perez, Adam Smith und wiederum Franco Vassallo, dirigiert hatte Yoel Gamzou. Warum erwies sich die gestrige Aufführung mit Ewa Plonka, Joseph Calleja und Gabriele Viviani unter der Leitung von Giampaolo Bisanti nicht als solche?

Dabei sang Ewa Plonka hervorragend, ihr Vissi d’arte ging unter die Haut und ihr gesanglich-dramatischer Impetus überzeugte. Leider hatte sie mit Gabriele Viviani trotz dessen kraftvollem, klangschönen Bariton aber keinen Partner, an dem sie sich ab- und hocharbeiten konnte. Viviani mangelte es an stimmlicher Modulation, mit der er, wie Franco Vassallo sowie früher Franz Grundheber oder Ingvar Wixell, eiskaltes Machtstreben, sexuelle Begierde und gleichzeitig Verführungskunst ausdrücken müsste. Das war 2020 (München) auch bei Erwin Schrott nicht der Fall, der so schön sang, dass man sich fragte, warum Tosca ihm standhielt. Am Ende des vom Chor großartig gesungenen Te deums war Viviani leider auch nicht mehr zu hören.

Es gab auf der Bühne einen Sänger, der von der Haltung und vom Ausdruck her stärker überzeugte als der Sänger des Scarpia: Peter Galliard, der sich als Spoletta mit agiler Wendigkeit unterwürfig gab, mimisch sein sadistisches Vergnügen mit der notwendigen Zurückhaltung zum Ausdruck brachte und ohne plakativ zum masochistischen Erfüllungsgehilfen zu mutieren. Die anderen Schergen des Scarpia agierten dagegen wie kopflose Marionetten.

Allein die kleine Szene im zweiten Akt, bei der Scarpia Spoletta zurückruft, um seinen angeblichen Sinneswandel kund zu tun, bleibt für immer haften. Galliard kehrt nicht einfach durch die Tür zurück, sondern hängt sich, den Türpfosten greifend und die Situation offenbar genießend, zunächst schräg in die Tür und wird dabei von hinten angestrahlt, so dass seine Umrisse wie bei einem Hitchcock-Film gefährlich schwarz erscheinen. Erst danach betritt er den Raum. Dass Peter Galliard den Zenit seiner Sangeskunst überschritten und als Tenor den Scarpia nie singen könnte, steht auf einem anderen Blatt.

 Joseph Callejas Stimme ist unverkennbar. Um einen virilen Stimmkern windet sich ein schnell schwingendes flaches Vibrato, mit dem er schöne gesangliche Effekte zu produzieren vermag. Beim Forte, so im Palazzo Farnese-Akt beim zweiten, hoch gelegenen Vittoria schwingt dieses Vibrato aber nicht mehr, sondern verläuft im Stimmkern, was der Tonemission einen leicht nörgeligen Beiklang gibt. Wunderbar gelang Calleja die erste Arie Recondita armonia (leider vom Orchester zum Teil zugedeckt, nach der Arie Zwischenbeifall) und das Liebesduett mit Tosca Ah, quegli occhi!… Quale occhio al mondo può star di paroim ersten Akt. Die Schlussarie E lucevan le stelle (dritter Akt) hinterließ bei mir einen zu routinierten Eindruck. Das Melancholische dieses Abschieds von der Welt hätte von ihm gesanglich stärker zum Ausdruck gebracht werden können.

Das ist sicherlich beckmesserische Kritik, aber an eine Tosca-Aufführung sollte man schon höchste Ansprüche stellen. Manchmal gelingen ja auch Sternstunden. Das Publikum war von allen Protagonisten begeistert, von der Sängerin und den beiden Sängern wurde aber relativ rasch abgewinkt.

Dr. Ralf Wegner, 30. November 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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