Tosca 2026: Nicholas Brownlee entfacht als Scarpia Puccinis Drama neu

Giacomo Puccini, Tosca  Oper Frankfurt, 2. Januar 2026

Oper Frankfurt, 2. Januar 2026
Giacomo Puccini,
Tosca

Inszenierung: Andreas Kriegenburg
Musikalische Leitung:  Takeshi Moriuchi

Fotos © Barbara Aumüller und Monika Ritterhaus

von Dirk Schauß

Ausverkauftes Haus am 2. Januar 2026 in der Oper Frankfurt. Die Inszenierung von Andreas Kriegenburg gehört längst zum festen Repertoire, ihre Bilder sind vertraut, ihre szenischen Mittel bekannt. Umso bemerkenswerter war dieser Abend, der sich deutlich vom routinierten Betrieb abhob. Nicht durch neue Regieakzente, sondern durch eine zentrale Besetzung, die der Produktion plötzlich neue Spannung und dramatische Schärfe verlieh.

Viele Jahre dauerte es, bis nun die Oper Frankfurt endlich einmal einen voll überzeugenden Sänger für den Scarpia wählte. Im Mittelpunkt stand unangefochten Nicholas Brownlee in dieser faszinierenden Rolle. Mit ihm verfügt diese „Tosca“ erstmals über eine Verkörperung, die das dramatische Zentrum vollständig ausfüllt. Schon sein erster Auftritt veränderte die Atmosphäre spürbar. Das Energielevel auf der Bühne stieg augenblicklich, die Handlung bekam Gewicht, der Konflikt wurde greifbar.

Brownlees Stimme ist von beeindruckendem Ausmaß: groß, kernig, von satter Substanz und vollkommen frei geführt. Nichts wirkt angestrengt oder erzwungen. Der Klang trägt mühelos durch den Raum, bleibt fokussiert und präsent, selbst in exponierten Momenten. Gerade in einer Partie, die leicht in bloße Lautstärke kippen kann, überzeugt Brownlee durch technische Souveränität und Kontrolle.

Entscheidend ist jedoch seine außergewöhnliche Differenzierungsfähigkeit. Brownlee verfügt über eine Fülle an Nuancen, die er gezielt und intelligent einsetzt. Seine leisen Töne sind nie harmlos, sondern hochgradig bedrohlich. Ein zurückgenommenes Piano entfaltet bei ihm oft größere Wirkung als ein offener Ausbruch. Wenn er laut wird, dann kalkuliert, aus innerer Notwendigkeit heraus, nie aus stimmlicher Unsicherheit. Diese Balance aus Macht und Kontrolle macht seinen Scarpia so gefährlich.

Stimmlich wie darstellerisch arbeitet Brownlee mit starken Kontrasten. Der kultivierte Zyniker, der mit falscher Höflichkeit und ironischem Tonfall schmeichelt, kippt im nächsten Moment in offene Brutalität. Diese Wechsel setzt er präzise um: scharf akzentuierte Aussagen, elastisch geführte Phrasen in den Dialogen mit Tosca, massive, aber stets gestaltete Klangballungen in den großen Machtszenen. Selbst im Te Deum bleibt er differenziert, formt Linien, wahrt Textverständlichkeit und geht nicht im bloßen Volumen auf.

Darstellerisch ist Brownlee ein Ereignis. Er füllt den Raum nicht durch große Gesten, sondern durch Präsenz. Jede Bewegung wirkt gesetzt, jeder Blick kalkuliert. Er spielt Scarpia nicht als eindimensionalen Bösewicht, sondern als Machtmenschen, der genießt, plant und manipuliert. Der zweite Akt geriet durch ihn zum eigentlichen Kern des Abends: ein dichtes psychologisches Machtspiel, in dem Ironie, Sarkasmus, Verführung und Gewalt untrennbar ineinandergreifen. Selbst sein Tod war konsequent drastisch gestaltet. Das Husten, das Röcheln, der körperliche Verfall wirkten nicht effektgierig, sondern folgerichtig – als letztes Aufbäumen eines Mannes, der den Kontrollverlust nicht akzeptieren kann. Das Publikum reagierte mit stürmischem Jubel.

Chiara Isotton zeigte eine stimmlich sehr souveräne Tosca. Vor allem in den dramatischen Passagen überzeugte sie mit sicheren, mühelosen Höhen. Ihrer Stimme fehlt vielleicht die letzte große dramatische Wucht, dafür besitzt sie schöne Farben, besonders in den leisen Momenten. Darstellerisch bleibt sie eher einfache Frau als exaltierte Diva, was der Figur eine glaubwürdige Erdung verleiht.

Matteo Lippi sang einen Cavaradossi mit schöner Stimme und technischer Sicherheit, doch damit erschöpfte sich seine Leistung weitgehend. Was dieser Partie an Leidenschaft, innerer Spannung und gestalterischer Vielfalt eingeschrieben ist, blieb bei ihm weitgehend ungenutzt. Dynamisch bewegte er sich fast ausschließlich im Forte, ohne echte Abstufungen, ohne klangliche Farben, ohne Risiko. Der Vortrag wirkte dadurch monoton und spannungsarm. Auch darstellerisch blieb seine Figur erstaunlich blass. Wenige konventionelle Gesten ersetzten keine glaubwürdige innere Beteiligung. Politische Überzeugung, künstlerisches Feuer und persönliche Leidenschaft – all das, was Cavaradossi tragen müsste, blieb hier weitgehend unsichtbar.

In den Nebenrollen überzeugte Pete Thanapat als neuer Angelotti mit großer, kraftvoller Stimme. Franz Mayer gab einen routinierten Mesner, Peter Marsh (Spoletta) und Iain MacNeil (Sciarrone) erfüllten ihre Aufgaben präsent und zuverlässig.

Im Graben sorgte Takeshi Moriuchi für einen runden, geschlossenen Eindruck. Er wählte überwiegend getragene Tempi, ließ das Orchester sonor und mitreißend spielen und achtete stets aufmerksam auf die Sänger. Die Balance zwischen Bühne und Graben war vorbildlich.

Diese „Tosca“ machte erneut deutlich, wo die Grenzen von Kriegenburgs reduzierter Inszenierung liegen, die szenisch nicht in allen Momenten trägt. Doch an diesem Abend trat das in den Hintergrund. Mit Nicholas Brownlee hat die Oper Frankfurt endlich einen Scarpia, der dieser Produktion neues Leben einhaucht. Einen, der die Rolle nicht nur erfüllt, sondern ausleuchtet, zuspitzt und auf ein Niveau hebt, das man lange vermisst hat. Ein Scarpia, der Maßstäbe setzt und auch auf den größten Bühnen jederzeit seine internationale Klasse demonstrieren kann.

Dirk Schauß, 3. Januar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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