Elīna Garanča © Michael Pöhn/Wiener Staatsoper
Eine der abscheulichsten Inszenierungen der Wiener Staatsoper: Kirill Serebrennikows Irrgarten der Metaebenen ist back. Zur Premiere letzten Herbst im Buhorkan ersoffen, retten Verdis „Don Carlo“ dieses Mal die Männer. Opernstar Elīna Garanča wirkt lustlos.
DON CARLO
Musik Giuseppe Verdi
Dramma lirico in vier Akten (Mailänder Fassung, 1884)
nach dem französischen Libretto der Oper von Joseph Méry und Camille du Locle in der italienischen Übertragung von Achille de Lauzières & Angelo Zanardini
Wiener Staaatsoper, 23. März 2025
von Jürgen Pathy
Eins steht fest: Kirill Serebrennikow beweist Mut, wagt Neues – und scheitert. Fragezeichen um Fragezeichen umkreisen seine Deutung von Verdis Meisterwerk. „Don Carlo“ ist ein Politthriller in vier Akten. Macht, Kirche, Liebe und Verrat prallen aufeinander.
Beim russischen Regisseur in einem Museum der Neuzeit, das historische Kostüme beherbergt. Dorthin verfrachtet Serebrennikow Schillers Historiendrama. König Philipp II. schupft den Laden. Königin Elisabeth hackelt dort, ebenso wie Eboli, sein Gspusi, und Marquis de Posa, der feierabends als Ökoaktivist gegen Fast-Fashion rebelliert. Eine Idee, der man schon was abgewinnen kann – zeitgenössische Inszenierung halt. Firmeninterne Konstrukte sind der Intrigenstadl der Neuzeit.
Abstrus und schleierhaft wird’s auf der nächsten Ebene. Anprobe, Ankleidung, Ausziehen – ein ewiges Hin und Her, zwischen Alltagskleidung und historischen Kostümen, die zum Ende hin in Staub zerfallen. Die Message dieser G’schicht – kennen nur Kirill, der Dramaturg und Superschlaue. Vermutung: Ein Querverweis zum Historiendrama, aus dem Serebrennikow ein Hirngespinst konstruiert. Regietheater pur, im negativsten Sinne dieses Kampfbegriffs. Das Schlimmste allerdings: Verdis Musik benötigt Raum, keine Irrwege voller Metaebenen.
Jordan befreit die Musik, Garanča auf Sparflamme
Philippe Jordan schaufelt das Drama frei. 24 Karat funkeln die Wiener Philharmoniker – nach der Pause zumindest. Zuvor einige Ablagerungen, die am Klang nagen. Wer auf tausend Hochzeiten tanzt, braucht mal eine Pause.
Was Elīna Garanča betrifft, offenbart sie nicht erst beim Schlussapplaus. Beiläufig eilt sie auf die Bühne, verlegenes Lächeln, höfliche Verbeugung, Küsschen fürs Orchester, Rückzug. Gleichermaßen wirkt ihre Eboli, die sie zum ersten Mal in Wien verkörpert. Matt in der Tiefe, grell in der Höhe – soll so sein, sagt man. Verdi fordere es in der Partitur. Ganz so schrill – kann man nicht glauben. Von Leidenschaft auch keine Spur. Könnte der Inszenierung geschuldet sein, munkelt man. Als Ausrede darf das nicht herhalten. Garanča ist ein Urgestein, ein Vollprofi – sie wusste im Vorfeld, was Serebrennikow Verdis Historiendrama zumutet.
Der Schmerz der Männer
Andere lassen sich davon nicht entmutigen. Étienne Dupuis ist jedes Mal eine Wohltat. Ein Bariton, dessen Stimme fließt. Der Schmerz und Mitgefühl vermittelt. Der tief eintaucht in die Seele des zerrissenen Marquis de Posa – zwischen Idealen, Loyalität und dem Wissen, alles verlieren zu können. Tenoral klar fast die Höhen, kräftig rundherum, einfühlsam die Note. Von dieser Stimme will man einfach nur: mehr, mehr und nochmals mehr.
Von Joshua Guerrero an diesem Abend auch. Viel zu wenig Applaus für den Amerikaner, der sich enorm gemausert hat. Vom Dezibelrabauken des Vorjahres zur einfühlsamen Titelfigur, dessen Spitzen einem das Herz durchbohren. Klar und knackig, frisch, lebendig. Selbst im Schlussduett mit Elisabeth: ein gebetsartiges Piano, wie auf Zehenspitzen – so zart, dass es unter die Haut geht. Kein Kraftakt, kein Pathos, sondern schlichte Größe im Ausdruck.
Verdis „Don Carlo“ ist am Ende eben kein Triumph. Es ist ein Abschied – still, schmerzhaft und endgültig. Roberto Tagliavini, hier Philipp II., kauft man diesen Schmerz ebenso ab wie Nicole Car als Elisabeth. Hätte sie
im 1. Akt schon weicher gezeichnet, ihr Mitgefühl, das sie Don Carlo entgegenbringt – ihre Leistung wäre nicht hoch genug einzuschätzen.
Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 25. März 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
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