Foto: Macbeth Antepiano (c) Daniele Ratti
Ich kann es immer wieder nur sagen: Wer Verdi liebt, sollte Riccardo Muti hören. So akribisch wie er feilt kein Zweiter an Text, dynamischen und klanglichen Feinheiten. Sein jüngster „Macbeth“ in Turin gibt davon eindrücklich Zeugnis. Dies auch dank einer stimmigen, intellektuell anspruchsvollen Regie und Sängerdarstellern, die im Laufe des Abends über sich hinauswachsen.
Giuseppe Verdi Macbeth
Musikalische Leitung: Riccardo Muti
Regie: Chiara Muti
Bühnenbild: Alessandro Camera
Kostüme: Ursula Patzak
Choreografie: Simone Valastro
Choreinstudierung: Piero Monti
Chor und Orchester des Teatro Regio Torino
Teatro Regio Torino, 26. Februar 2026
von Kirsten Liese
Francesco Maria Piave schrieb das Libretto zu Verdis „Macbeth“, aber kluge Regisseure beschäftigen sich auch mit der literarischen Vorlage von Shakespeare. Zumal in einer Zusammenarbeit mit Riccardo Muti, der in seinen Einstudierungen stets dem Dichter große Bedeutung gibt.
Bei Peter Stein, mit dem Muti das Musikdrama 2011 in der Salzburger Felsenreitschule einstudierte, war das ebenso eindrücklich zu erleben wie nun in der Inszenierung seiner Tochter Chiara Muti in ihrer dritten Zusammenarbeit nach „Così fan tutte“ (2021) und „Don Giovanni“ (2022).
Stein fand damals unter großen Anstrengungen die ideale Lösung dafür, wie er die drei Hexen, die Shakespeare vorsah, und den Hexenchor, den Piave daraus machte, zusammenbringt.
Auch Chiara Muti lässt neben dem Chor (blendend einstudiert von Piero Monti) ein stummes Hexentrio in Pantomime auftreten.
Symbolisch aufgeladene psychologische Deutung
Und doch ist ihre Regiearbeit gänzlich anders in der Weise, wie sie dem Drama mit gewichtiger Symbolik psychologisch auf den Grund geht. Scharfsichtig interpretiert sie die übernatürlichen Wesen als reine Hirngespinste des Titelhelden. Eindringlich verkörpert Luca Micheletti den Geplagten, den der innere Widerstreit zwischen Machtbegehren und Gewissensbissen zusetzt, sich mehrfach gequält an den Kopf fasst.

Dazu passt die dunkle, sparsam ausgestattete Bühne von Alessandro Camera, die alles in einem ist: Wald, Schlachtfeld und eine Seelenlandschaft. Tatsächlich kommt sogar dem runden Bogen, der sich über sie wölbt, eine symbolische Bedeutung zu, als ein vergrößertes Riesenauge des Tragöden, mit dem wir das Drama sehen. In dieser rudimentären Form lässt sich das noch nicht leicht fassen, dafür kommt später in das Halbrund die Pupille dazu.
Packender Krimi ohne modische Transfer in die Gegenwart
Raffiniert oszilliert dieser „Macbeth“ jedenfalls zwischen Traum und Wirklichkeit, woran sich auch zeigt, wie der geniale Shakespeare lange vor Aufkommen der Psychoanalyse seiner Zeit voraus war.
Und das gelingt in diesem packenden Krimi ohne modische Transfers in eine jüngere Vergangenheit, wie sie zahlreiche Regisseure in jüngerer Zeit unternommen haben, die aber über eine reine Bebilderung der Geschichte kaum hinauskamen.
Vielmehr lassen sich hier die Figuren mit Brustpanzern, Rüstungen, langen Gewändern und königlichen Insignien der Shakespeare-Zeit zuordnen (Kostüme: Ursula Patzak), und dennoch wirkt die Produktion in ihrer komplexen Innenschau modern. – Auch in der Weise, wie unheilvolle Geschehnisse als Schattenspiele angedeutet werden oder Szenen wie das königliche Festmahl, bei dem hinter einem Spiegel der Geist des ermordeten Banco erscheint, surreal anmuten.

Verdis typische Begleitfiguren richtig interpretiert
Exemplarisch für die musikalischen Qualitäten der grandiosen Aufführung lässt sich in dieser Szene auch das Trinklied der Lady vernehmen, das korrespondierend zu der gedrückten Stimmung deutlich schwerer tönt als vielfach zu hören, wenn die für Verdi typischen Begleitfiguren dazu unpassend beschwingt als „Umpapas“ missverstanden werden.
Ideale Chemie zwischen Dirigent und Orchester
In Turin, das ist deutlich zu spüren, kann Riccardo Muti in jeder Hinsicht seine künstlerischen Visionen umsetzen. Es ist nicht zufällig seit 2020 der einzige Ort überhaupt, an dem er noch szenische Opern dirigiert. Denn hier muss er sich nicht an Regisseuren ärgern, die Stücke nach Strich und Faden verhunzen, und kann seine klanglichen Visionen bestens umsetzen. Dirigent und Orchester lieben sich, das ist deutlich zu spüren.
Wo sonst kommt man in den Genuss einer Verdi-Aufführung, in der der Text so genau beachtet und umgesetzt – und auf die Vortragsbezeichnungen des Komponisten geachtet wird, der vielfach Nuancen in Pianoregionen verlangt, oftmals von den Singenden noch unterstrichen durch ein sotto voce (mit gedämpfter Stimme).

Vorzügliche Besetzung
Als Lady Macbeth glänzt an Michelettis Seite Lidia Fridman, international noch weniger berühmt als Asmik Grigorian oder Anna Netrebko, aber eine treffliche Sängerdarstellerin mit großem stimmlichen Potenzial und vor allem stark in ihrem Erleben der machthungrigen Figur und der Durchdringung des Texts.
Aus den kleineren Partien des vorzüglichen Ensembles hat sich Giovanni Sala als Macbeth‘ Gegner Macduff mit seinem geschmeidigen Tenor die größte Aufmerksamkeit verdient.
Starke Choreografie
Und dann galt es in dieser Produktion noch das Ballett zu erleben, das Verdi der 1847 in Venedig uraufgeführten Oper in seiner revidierten Pariser Fassung von 1865 hinzufügte. Mag mir auch die Musik bekannt vorgekommen sein – eine Choreografie dazu hatte ich noch nie gesehen, schon gar nicht eine, die analog zu Dichter und Komponist höchst anregend die griechische Mythologie um Hekate, Göttin der Magie, der Kreuzungen, der Wege und Dunkelheit, einbezieht.

Welche Fülle an musikalischen Feinheiten und anregenden Gedanken ihm geboten werden, wusste das Turiner Publikum im restlos ausverkauften Saal zu schätzen, schon jeweils nach der Rückkehr ans Pult feierte es Riccardo Muti wie einen König, – Lidia Fridman und Luca Micheletti schon vor dem letzten Vorhang mit lautstarkem7 Szenenbeifall.
Ich kann es immer wieder nur sagen: Wer Verdi liebt, sollte Riccardo Muti hören. So akribisch wie er feilt kein Zweiter an Text, dynamischen und klanglichen Feinheiten. Sein jüngster „Macbeth“ in Turin gibt davon eindrücklich Zeugnis. Dies auch dank einer stimmigen, intellektuell anspruchsvollen Regie und Sängerdarstellern, die im Laufe des Abends über sich hinauswachsen.
Kirsten Liese, 27. Februar 2026, für
Klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Besetzung:
Macbeth: Luca Micheletti
Lady Macbeth: Lidia Fridman
Banco: Maharram Huseynov
Macduff: Giovanni Sala
Malcom: Riccardo Rados
Giuseppe Verdi, Un ballo in maschera Teatro Regio Torino, Turin, 19. Februar 2024
Wiener Philharmoniker, Riccardo Muti Salzburg, Großes Festspielhaus, 15. August 2023