Die Vendetta des Narren geht unter die Haut

Giuseppe Verdi, Rigoletto  Opernhaus Zürich, 4. Januar 2026

Rigoletto © Toni Suter

Alles fühlt sich toxisch und unheilvoll an. Ständig wird nach Vendetta gerufen. All das hat die Regisseurin sehr fein herausgearbeitet, so sehr, dass es in manchen Augenblicken schwer fällt zu schauen und zu ertragen. Die Tatsache, dass dies so aktuell ist, macht es nicht leichter. Parallelen zu Präsidenten, die sich für ihr unsägliches Tun feiern, drängen sich geradezu auf.

Wiederaufnahme

RIGOLETTO
Musik von Giuseppe Verdi
Libretto von Francesco Maria Piave nach Victor Hugo

Musikalische Leitung:   Francesco Ivan Ciampa

Inszenierung:  Tatjana Gürbaca
Szenische Einstudierung:  Ulrich Senn
Bühnenbild und Lichtgestaltung:  Klaus Grünberg
Bühnenbildmitarbeit:  Mechthild Feuerstein
Kostüme:   Silke Willrett
Kostümmitabeit:  Carl-Christian Andresen
Choreinstudierung:  Klaas-Jan de Groot
Dramarturgie:  Claus Spahn

Orchester der Oper Zürich
Chor der Oper Zürich
Statistenverein am Opernhaus Zürich

Opernhaus Zürich, 4. Januar 2026

von Kathrin Beyer

Diese Oper findet (fast) ohne Frauen statt. Allerdings kann sich jede Frau glücklich schätzen, nicht in den Dunstkreis jener Herrengesellschaft rund um den Herzog von Mantua zu geraten. An dessen Hofe wird nicht regiert, sondern gefeiert. Derb, gemein, erniedrigend und entwürdigend, allen voran der Herzog selbst. Damen werden als Freiwild betrachtet, geschändet und ihre Ehemänner und Väter verhöhnt und gedemütigt. An der Seite des Herzogs tut sich Rigoletto als erbärmlicher Hofnarr hervor, der nach oben buckelt und nach unten tritt.

Ob man davon wohl buckelig wird?
Wann ist ein Mann ein Mann?

Tatjana Gürbacas Inszenierung von 2012 weiß zu überzeugen.

Die Personenführung ist großartig, die Abgründe der Figuren werden exzellent herausgearbeitet. Die Mitwirkenden können sich hinter keiner Maske verstecken. Auf der Bühne steht nur ein übergroßer Tisch, bedeckt mit einem Tuch. Viele Stühle stehen drumherum. Jede Interaktion findet an, auf, unter oder neben diesem Tisch statt. Das Tuch bietet etwas Schutz, ansonsten gibt es hier nichts Privates.

Rigoletto © Toni Suter

Jeder Einzelne dieser Männergesellschaft ist sehr darauf bedacht, seinen Platz zu behaupten. Sie stehen ständig unter Druck, noch niederträchtiger zu sein, als der Nebenmann. Empathie, Nächstenliebe, Integrität oder ein Gefühl für Recht und Unrecht existieren nicht. Alles fühlt sich toxisch und unheilvoll an. Ständig wird nach Vendetta gerufen. All das hat die Regisseurin sehr fein herausgearbeitet, so sehr, dass es in machen Augenblicken schwer fällt, zu schauen und zu ertragen. Die Tatsache, dass dies so aktuell ist, macht es nicht leichter. Parallelen zu Präsidenten, die sich für ihr unsägliches Tun feiern, drängen sich geradezu auf.

Großartige Sänger, bis in die kleinste Rolle

Das Sängerensemble war einmal mehr grandios.

Allen voran Luca Salsi in der Titelrolle, mit der er sein Debüt am hiesigen Opernhaus gibt. Beeindruckend zeigte er die Ambivalenz seiner Rolle. Offensichtlich ist seine Freude an der Verruchtheit und Bösartigkeit seines Herren; gern übertrumpft er diesen. Berührend, ja geradezu zärtlich, zeigt er sich im Umgang mit Gilda, seiner Tochter. Gesanglich ist er eine Offenbarung. Souverän und scheinbar mühelos singt er sich durch die Partie. Die Duette mit Gilda reißen das Publikum zu begeistertem Zwischenapplaus hin.

Rigoletto © Toni Suter

Sein unglaubliches Stimmvolumen zeigt sich auch in den hohen Tönen, die ergreifend sind. Man könnte meinen, seine Qual körperlich zu spüren. Allerdings bin ich nicht bereit, ihm zu verzeihen.

Liparit Avetisyan gibt einen charismatischen, gutaussehenden, gedanken- und hirnlosen, triebgesteuerten und menschenverachtenden Herzog von Mantua.

Er singt eine teuflische Rolle, dies allerdings mit einer göttlichen Stimme. Der Wolf im Schafspelz, sozusagen und die Mahnung, genau hinzuschauen; besonders hinter die Fassade. Seine Stimme klingt sanft und warm und, in den Duetten mit Gilda, geradezu betörend.

Kein Wunder, dass sie sich unsterblich in ihn verliebt.

Rigoletto © Toni Suter

Die armenische Sopranistin Nina Minasyan sang eine wunderbar reine, fast naiv-kindliche Gilda. Ihre Arie Caro nome gelang wunderschön und zart, bis in die höchsten Töne. Beeindruckt hat ihre lupenreine Stimme. Die Arie, in der sie ihre Liebe zum vermeintlichen Studenten eingesteht, war ein magischer Moment.

Die Duette des Herzogs und Gildas klingen traumschön. Beider Stimmen harmonieren eindrucksvoll miteinander. Chapeau!

In der Rolle des Auftragskillers Sparafucile war Brent Michael Smith eher eine smarte Erscheinung. Allerdings konnte sein Bass herrlich grollen. Wunderbar!

Rigoletto © Toni Suter

Cashlin Oostindië ist eine erfrischend schnoddrige, Kaugummi kauende, erpressbare Giovanna, mit einer starken Stimme.

Yajie Zhang spielte und sang sich als Maddalena insbesondere im Quartett Bella figlia dell’amore in die Herzen der Zuhörer und Zuhörerinnen.

Alle anderen, kleineren, dennoch nicht unwichtigen Rollen waren ebenfalls exzellent besetzt.

Zu erwähnen sei hier noch Trevor Haumschilt-Rocha, der als Monterone mit einer furchteinflößenden, satten Stimme, sehr wirkungsvoll den Fluch heraus singt.

Die Herren des Opernchores waren in dieser Aufführung sehr gefordert. Sie haben das, wie stets, grandios gemeistert. Es war mir eine Freude!

Das Orchester der Oper Zürich unter der Leitung von Francesco Ivan Ciampa verstand es vortrefflich, die Dramatik musikalisch auf die Spitze zu treiben und so gab es mehrere Momente, die sehr klanggewaltig unter die Haut gingen.

Einer davon ist die Schlussszene. Gilda opfert sich aus Liebe zum Herzog.
Sie wird an seiner statt erstochen und stirbt, in einen Leichensack gehüllt, in den Armen ihres Vaters Rigoletto. Im Sterben singt sie. Ganz langsam schreitet ein Double heran, legt sich zu Gilda. Diese erhebt sich und schwebt singend davon. Ihr nunmehr seelenloser Körper bleibt in den Armen des Vaters zurück, der seine Verzweiflung grandios heraus singt und vom Orchester ebenso begleitet wird.

Zurück bleibe ich, mit Tränen in den Augen, ob der Emotionalität dieses Moments und des, sich schlussendlich doch noch einstellenden, Mitgefühls für Rigoletto.

Mit dem Schlussakkord beginnt das Opernhaus zu beben.
Dem Publikum hat es offenkundig gefallen und dankt es mit Standing Ovations.

Als große Liebhaberin von Männerstimmen kam ich an diesem Abend voll auf meine Kosten.

Als große Liebhaberin von Gerechtigkeit leider nicht!

Kathrin Beyer, 5. Januar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Giuseppe Verdi, Macbeth Opernhaus Zürich, 14. November 2025

Giacomo Puccini, Tosca  Opernhaus Zürich, 2. Oktober 2025

Giuseppe Verdi, Rigoletto Arena di Verona, 29. August 2025

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