Karneval und Zarathustra – wie passt das zusammen?

Gürzenich-Orchester Köln Andrés Orozco-Estrada, Dirigent,  Christiane Karg  Kölner Philharmonie, 27. Januar 2026

Andrés Orozco-Estrada © Martin Sigmund

Deutsche Hoch- und Spätromantik gepaart mit modernen Klängen aus der Karibik. Was wie ein gewagtes Potpourri erscheint, wird in Köln Realität. Dass dies nicht nur Herausforderungen an das Publikum bedeutet, räumt der Wiener Dirigent Andrés Orozco-Estrada (48) von Anfang an ein. Auch er, der neue Generalmusikdirektor der Stadt Köln mit Wurzeln in Kolumbien, gesteht in seiner kurzen Einführung die Schwierigkeiten dieser Kombination. So stellt man sich direkt die Frage: Kann das überhaupt gelingen?

Gürzenich-Orchester Köln
Andrés Orozco-Estrada, Dirigent

Christiane Karg, Sopran

Ayanna Witter-Johnson – Bacchanale for orchestra (2025)

Richard Wagner – „Vorspiel“ und „Isoldes Liebestod“ aus „Tristan und Isolde“ WWV 90 (1857-65)

Richard Strauss – Schlussszene aus der Oper „Capriccio“ op. 85, TrV 179 (1942)

Richard Strauss – Also sprach Zarathustra – Tondichtung für großes Orchester op. 30, TrV 176 (1896)

Kölner Philharmonie, 27. Januar 2026

von Daniel Janz

Karibischer Karneval und Wagner – größer könnte der Kontrast nicht sein

Die Uraufführung des Abends stellt Andrés Orozco-Estrada als „spaßigen, erhebenden und energiegeladenen“ Ausdruck Karibischen Karnevals vor. Die in London geborene Komponistin und Sängerin Ayanna Witter-Johnson fühlt sich stilistisch eigentlich zwischen Soul, Hip-Hop und Reggae verankert. Die Britin jamaikanischer Herkunft kombiniert diese Genres aber auch mit Orchestermusik. Tatsächlich liefert sie mit „Bacchanale for orchestra“ ein stilistisches Mischwerk ab, das sowohl den vollen Klang des Sinfonieorchesters bedient, als auch die wilden Rhythmen Mittelamerikas.

Dieses Werk erscheint als flirrende, bewegte Neuerung im Konzertsaal, dem jedoch die Verbindlichkeit fehlt. Es ist unglaublich kreativ, greift tief in die Klangfarben und schafft durch die rhythmische Abwechslung viele Punkte der Ergriffenheit. Allerdings verpasst es die Chance, durch genügend Wiederholungen einen Ohrwurmcharakter zu erzeugen. Dabei erscheint ein Trompetenmotiv geeignet, als Hauptthema den roten Faden zu bilden. Doch Witter-Johnson lässt es zu selten durchbrechen, sodass alle melodische Arbeit kurz nach Verklingen des letzten Tons schon vergessen ist.

Dadurch erscheint auch der Höhepunkt und mit ihm der fulminante Schluss unvorbereitet und recht abrupt. Schade, denn im Kern hat dieses Werk viel Schönes, was man durch etwas mehr Fokus zu einem beeindruckenden Sternstück mit Potenzial zum Klassiker hätte formen können.

Auch bildet dieses Stück einen programmatisch harten Bruch zu Wagners „Tristan und Isolde“. Das Vorspiel und „Isoldes Liebestod“ sind zwei schwer dahinschwebende Ausschnitte, die ein pulsierendes Aufstreben und viel Gemach verlangen. Genau daran hapert es heute. Ob hier die straffen Rhythmen aus Witter-Johnsons Werk nachwirken oder die Konzentration fehlt, lässt sich nicht recht ermitteln. Der Rezensent hat diese Teile der Wagner-Oper aber schon ergreifender gehört.

Gürzenich-Orchester Köln © Astrid Ackermann

Zweimal Strauss – einmal Weltklasse

Das ruhige Treiben zieht sich auch durch die Schlussszene aus der Strauss’schen Oper „Capriccio“. Kompositorisch ist dies ein in sich gekehrtes Werk, das zum expressiven Karnevalstreiben der ersten Komposition das komplette Gegenteil darstellt. Die für Strauss typische Farbenpracht und die Wendungen der Tonarten sind zwar auch hier vorhanden. Es überwiegen aber leise, nachdenkliche Klänge, wodurch das recht unausgewogene Libretto sehr in den Vordergrund drängt.

Es hilft, dass mit Christiane Karg (45) eine Künstlerin anwesend ist, die den eher schwachen Text zu künstlerischer Größe führen kann. Trotz großem Orchester im Hintergrund und dem ein oder anderen prominenten Hornruf behält die Sopranistin stets die Oberhand. Mit Klarheit bis in die höchsten Töne und einer großartigen Balance zwischen Lautstärke und Sensibilität überzeugt sie sowohl gesanglich als auch in der Textverständlichkeit. Angereichert mit ihrem präzisen Gespür verschafft ihr diese Leistung am Ende verdient tosenden Applaus und zahlreiche Bravorufe.

Christiane Karg © Gisela Schenker

Bei „Also sprach Zarathustra“ zeigt das Gürzenich-Orchester dann endlich seine ganze Klasse. Selten hört man dieses Werk so genau, so pointiert, ja fast perfekt! Die Trompeten, allen voran Stimmführer Bruno Feldkircher, begeistern mit Klarheit und Schärfe bis in die höchsten Töne. Die Orgel beeindruckt durch subtile Klänge und mächtige Akkorde, wo das Orchester in die Vollen geht. Hörner und Posaunen sind ein Genuss für die Ohren. Die Holzbläser spielen durch die Bank weg fein nuanciert und werden durch Orozco-Estradas Anweisungen auch noch genial herausgearbeitet.

Abgerundet wird das Erlebnis durch glänzende Harfenklänge und Streicher, die in allen Lagen verzücken. Besonders begeistern sie im Tanzlied, das vom Gast Mohamed Hiber als Konzertmeister wunderbar inszeniert wird. Und Dank des hochmotiverten Schlagzeugs und der genialen Idee, die Glockenschläge am Höhepunkt auch noch mit einem Donnerblech zu unterlegen, ist diese Aufführung bereits jetzt ein heißer Anwärter auf das beste Konzert im Jahr 2026!

Zum Schluss muss aber ein Tadel an das Publikum ausgesprochen werden. Schon, dass der Saal zu einem so hochkarätigen Konzert nur etwa halbvoll ist, spricht Bände. Dass dann aber etwa ein Dutzend Gäste mitten im Werk laut losklatschen, als die kurze Pause zwischen „von der Wissenschaft“ und „der Genesende“ einsetzt, ist an Peinlichkeit kaum zu überbieten. Ja, jetzt weiß auch der ganze Saal, dass hier ein Teil der Gäste noch nie zuvor in einem klassischen Konzert war!

Immerhin sorgen diese Event-Enthusiasten am Ende dafür, dass die Künstler verdient stehende Ovationen für ihre fabelhafte Leistung erhalten. Es scheint aber, als bräuchte das Kölner Publikum wieder Grundsatz-Einführungen, die ein Werk von Anfang bis zum Ende erklären. Wie in der Schule! Wenn dadurch solche unschönen Störungen ausgemerzt werden, wäre der Preis vertretbar. Die Künstler und der Rest des Publikums würden es jedenfalls danken.

Daniel Janz, 28. Januar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Silvesterkonzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden Semperoper Dresden, 31. Dezember 2025

Ludwig van Beethoven, 9. Sinfonie Wiener Konzerthaus, 30. / 31. Dezember 2025 / 1. Januar 2026

Gürzenich-Orchester Köln, Simone Menezes, Dirigentin Kölner Philharmonie, 4. November 2025

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