Mahlers 8. Sinfonie bei den Ostseefestspielen in Stockholm: Sechs Chöre sorgen für Gänsehautmomente

Gustav Mahler, „Sinfonie der Tausend“, Sinfonie Nr. 8 Es-dur,  Berwaldhallen, Stockholm

Foto: Mikael Grönberg/Sveriges Radio

Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 8 in Es-dur
Berwaldhallen, Stockholm,
22. August 2018

von Yehya Alazem

Die Östersjöfestivalen (Ostseefestspiele) wurden 2002 von dem vorherigen Chef der Berwaldhallen (benannt nach dem schwedischen Komponisten Franz Berwald) Michael Tydén, dem finnischen Dirigenten Esa-Pekka Salonen und dem russischen Dirigenten Valery Gergiev gegründet. Die Ostseefestspiele finden jedes Jahr im August/September statt.

2018 beginnen die 16. Festspiele mit der Sinfonie Nr. 8 von Gustav Mahler, die „Sinfonie der Tausend“, die Mahler seiner Ehefrau Alma gewidmet hatte. Mit diesem großartigen Werk kommt der Operndirigent Mahler einer Oper am nächsten. Die Uraufführung in München hatte über 1000 Musiker, in Stockholm sind es deutlich weniger, aber es ist trotzdem eine große Besetzung, und die Anforderungen an Dirigent, Orchester, Solisten und Chöre sind unheimlich hoch, und alles muss auch zusammen funktionieren.

Es ist kein Geheimnis, dass Schweden eins der besten Chorländer ist – ein Land, in dem es eine jahrhundertlange Chortradition gibt: Dieser Abend ist der Beweis dafür! Chorsänger aus sechs verschiedenen Chören sorgen für phantastische Gänsehautmomente. Energie, Zusammenhalt, klare Harmonik und Textverständlichkeit – alles gelingt den Chören an diesem Abend. Vom bombastischen Anfang der Sinfonie bis zum Ende, in den lauten und in den leisen, in den schnellen und in den langsamen Passagen: Was die Chorsänger schaffen, ist reine Magie.

Leider können die Solisten die Erwartungen und die hohen Ansprüche der Sinfonie nicht vollends erfüllen. Keine der Solistenpartien ist eine einfache Herausforderung.

Tamara Wilson (1. Sopran) hat einen dichten, metallischen Sopran, der mit dem jugendlichen, sympathischen Sopran von Ida Falk Winland (2. Sopran) einen sehr schönen Kontrast bildet. Allerdings haben die beiden Probleme in der Höhe: Wilson singt zu scharf und unangenehm, und Ida Falk Winland mangelt es an Kontrolle, und es klingt zu instabil. Hanna Husáhr (3. Sopran) überzeugt in der kleinen Partie im zweiten Teil.

Die an Stelle für Marie-Nicole Lemieux eingesprungene Anna Larsson ist momentan eine der gefragtesten Mahler-Sängerinnen der Welt. Ihr Alt hat die perfekte Tiefe und Wärme für Mahler, jedoch bleibt sie an diesem Abend leider deutlich unter ihren Möglichkeiten. Vielleicht war dieses Einspringen zu kurzfristig. An ihrer Seite überzeugt Karen Cargill mit ihrem dunklen Mezzo. Allerdings ist ihr Vibrato ein wenig zu kräftig, aber ohne großes Schwanken in der Stimme.

Von den Herren ist nur der chinesische Bass-Bariton Shenyang überzeugend. Er besitzt einen dunklen, sanften Klang und hat eine sehr klare Artikulation. Christopher Maltman besitzt einen dichten, tiefen Bariton und singt zwar sehr textverständlich – rein interpretatorisch passt seine Stimme nicht zu dieser Partie; da muss man viel zarter singen.

Eine absolute Fehlbesetzung ist Simon O’Neill für die Tenorpartie. Für diese Partie braucht man einen Tenor mit Strahlkraft und nicht einen Charaktertenor. Auch gesanglich kann O’Neill an diesem Abend nicht überzeugen. Sein Tenor ist immer eng, atemlos und nasal. Es klingt so, als käme jeder Ton aus der Nase.

Sveriges Radios Symfoniorkester (das Schwedische Rundfunksymphonieorchester) begeistert an diesem Abend unter Daniel Harding. Der in Oxford geborene Dirigent, seit 2007 der Chefdirigent, bringt das Orchester an seine Grenzen. Es gibt keinen Mangel an Präzision oder Transparenz, und Harding hält das Ganze hervorragend zusammen. Das Orchester folgt Harding mit hörbarer Spielfreude, bietet den Zuhörern ein Spiel voller Leidenschaft und Mystik und stellt die Suche nach dem Sinn des Lebens in dieser Sinfonie auf wunderbare Art und Weise dar.

Trotz der schwachen Einsätze in den Solistenpartien kann man dieses Konzert dank der phantastischen Chöre und dem souveränen Orchester unter Daniel Harding als Erfolg betrachten. Ein guter Start der Ostseefestspiele in Stockholm!

Yehya Alazem, 24. August 2018, für
klassik-begeistert.de

Sveriges Radios Symfoniorkester
Radiokören
Eric Ericsons kammarkör
Mikaeli kammarkör
St Jacobs kammarkör
Adolf Fredriks kyrkas diskantkör och ungdomskör
Chorista, Hägerstens församling
Daniel Harding
Dirigent
Tamara WilsonSopran
Ida Falk Winland Sopran
Hanna Husáhr Sopran
Anna Larsson Alt
Karen CargillMezzosopran
Shenyang
Bass-Bariton
Christopher Maltman Bariton
Simon O’Neill Tenor

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