Diese Weltensinfonie begeistert und wird noch sehr lange Zeit nachhallen

Gustav Mahler Sinfonie Nr. 3 d-Moll, Mahler Chamber Orchester  Kölner Philharmonie, 8. Februar 2026

Foto: Riccardo Minasi (c) Drew Gardner

Schon zwischen den Sätzen hatte es mehrmals Applaus gegeben. Aber nach dem letzten Ton hält es niemanden mehr im Sitz. Einen komplett ausverkauften Saal mit stehenden Ovationen hatte man in Köln länger nicht mehr jubeln hören. Richtig magisch! Und verdient haben die Musiker es allemal.

Gustav Mahler – Sinfonie Nr. 3 d-Moll (1895–96, rev. 1899)
Riccardo Minasi, Dirigent
Mahler Chamber Orchester

Marianne Crebassa, Mezzosopran

Knabenchor der CHORAKADEMIE am Konzerthaus Dortmund
Jugendmädchenchor der CHORAKADEMIE am Konzerthaus Dortmund
Frauenstimmen des Jugendkonzertchors der CHORAKADEMIE am Konzerthaus Dortmund
Frauenkonzertchor der CHORAKADEMIE am Konzerthaus Dortmund
MCO Academy

Kölner Philharmonie, 8. Februar 2026

von Daniel Janz

Wer, wenn nicht das Mahler Chamber Orchestra sollte es schaffen, eine der beeindruckendsten und längsten Sinfonien der Welt aufzuführen? Zumal sie von Namensgeber für dieses Orchester selber stammt? Immer wieder wird Mahler zu seiner dritten Sinfonie zitiert, er habe eine ganze Welt in dieser Musik erschaffen wollen. Dass diese Welt aber auch musikalisch greifbar wird, braucht Spitzenkräfte, die sowohl Ausdauer als auch überragende Technik am Instrument besitzen müssen.
Was dieses Orchester inklusive Akademie unter Dirigent Riccardo Minasi (48) aus Rom auf die Bühne stellt, ist entsprechend beachtlich. Alleine die
9 Hörner sind ein Blickfang. Dazu eine vierfache Holzbläserbesetzung, jeweils 4 Trompeten und Posaunen plus Tuba, üppiges Schlagwerk und gleich drei Frauenchöre sowie einen Knabenchor. Da überrascht, dass die Streicher heute mit nur 14 ersten + 12 zweiten Geigen, 9 Bratschen, 8 Celli und 6 Kontrabässen vergleichsweise gering ausgestattet sind. Trotzdem insgesamt ein ordentliches Aufgebot. Und das braucht es heute auch!

MCO-Orchestra (c Molina Visuals
Selten klingt musikalische Entwicklung so robust

In einer Art evolutionärem Zyklus vom erwachenden Frühlingsgeist, über Blumen auf dem Feld und Tiere im Wald, bis hin zum Mensch, der durch die Engel zur himmlischen Liebe findet, legt diese Musik eine klare Entwicklung fest. Diese wird zu Beginn von den 9 Hörnern getragen. Markig gelingen ihnen die Marschpassagen des ersten Satzes, in denen sie den Frühling symbolisch einziehen lassen. Aber auch die Posaunenchoräle, die dem Schlummern eines Naturgeistes nahekommen, bewegen. Toll gelingen die Soli der ersten Posaune, die eindeutig Höhepunkt dieses Satzes sind.

Dirigent Minasi greift dabei nicht den modernen Trend auf, Mahlers Musik immer lauter und gewaltiger aufzuführen. Bei ihm überwiegt Zurückhaltung. Das hat Vor- aber auch Nachteile. Da, wo er die Holzbläser zu ihren Einwürfen anleitet, führt es zu Glanz und Schönheit. Besonders liebreizend stechen dabei immer wieder die Flöten hervor. Schwieriger ist es bei den in diesem Orchester sparsam besetzten Streichern. Sie erscheinen etwas klangschwach, besonders im Tutti überstimmen die Bläser sie manches Mal. Vor dem Hintergrund ist es gewagt, sich so wortgenau an die Partitur zu halten und in Teilen von Satz 1 und 3 nur die Hälfte der Streicher spielen zu lassen.

Negativ fällt Minasis Tempowahl im zweiten Satz auf. Dieses Kleinod soll eigentlich ein Schwelgen über eine Blumenwiese darstellen. Minasi hastet aber so sehr durch, dass vor Hektik sogar einige Melodien undeutlich werden. Dazu hätte nun wirklich keine Not bestanden, insbesondere auch, weil er im vierten und sechsten Satz beweist, dass er auch bewusst langsam spielen lassen kann.

Das gesteigerte Tempo kommt immerhin dem dritten Satz zugute. Selbstbewusst stolziert hier ein Tier nach dem anderen vor dem inneren Auge auf. Gerade auch die Fagotte und Klarinetten kommen hier gut zur Geltung. Und das Posthornsolo aus der Ferne gelingt in einer wunderbaren Klarheit, die man live nur sehr selten hört. Das macht Vieles wieder gut, was im zweiten Satz bereits auf der Kippe stand.

Vom Mensch bis zur himmlischen Liebe; die zweite Hälfte beeindruckt am meisten

Maßgeblich zur Wiederherstellung des Wohlwollens tragen die guten bis sehr guten Gesangsleistungen bei. Marianne Crebassa aus Béziers (Frankreich) verkörpert die Sehnsucht des Menschen bis aufs Tiefste. Ihr Mezzosopran klart besonders in den wenigen Höhen auf, die sie singen darf. Aber auch in ihren sonst eher in Alt-Lage liegender Parts ergreift sie durch Fülle in der Stimme bei guter Textverständlichkeit.

Crebassa Cover-picture RVB ©Laure-Bernard WarnerClassics

Auch der wunderbar saubere und stimmstarke Knabenchor der Chorakademie am Konzerthaus Dortmund ist über alle Zweifel erhaben. Und die Frauenchöre derselben Akademie unterstützen ihn fast ebenbürtig unterstützt. Einzig beim „Bete zu Gott“ fehlt ihnen etwas die Substanz in der höchsten Lage, was sie aber sonst durch ihren engelhaften Gesang im doch eher kurzen fünften Satz ausgleichen.

Zum höchsten der Gefühle führen die Musiker aber im sechsten Satz, Titel: „was mir die Liebe erzählt“. Hier stimmt wirklich alles! Tempo, Lautstärke, Intonation, Gespür für den Moment … zum sehr langsamen Streicherchor stoßen immer wieder einzelne Soli, bis nach mehreren fehlgeschlagenen Anläufen endlich im alles überstrahlenden Finale zu enden. Gerade zu diesem Abschluss darf das heute ohnehin durchweg gute Schlagzeug noch einmal glänzen. Mit geballter Kraft führen sie zu einer unglaublichen Welle der Erlösung, nach dieser ohnehin überwältigenden Sinfonie.

Ausgerechnet bei diesem Abschluss holt die Künstler jedoch das Pech ein – als beide Pauken parallel die letzten Töne ausgestalten sollen, fliegt einem der beiden das Filz vom Schlägel quer durch den Raum. Glück im Unglück, dass es keinen anderen Spieler trifft! Beim Schlussapplaus sind dem Unglückspilz dafür auch einige Lacher sicher. So kann Mahler halt sein – Ekstase bis zum Materialverschleiß.

Trotzdem lässt sich das Publikum von dem kleinen Malheur nicht entmutigen, sondern krönt diese im Verlauf immer besser gewordene Leistung zum Schluss in einem nicht enden wollenden Applaus.

Schon zwischen den Sätzen hatte es mehrmals Applaus gegeben. Aber nach dem letzten Ton hält es niemanden mehr im Sitz. Einen komplett ausverkauften Saal mit stehenden Ovationen hatte man in Köln länger nicht mehr jubeln hören. Richtig magisch! Und verdient haben die Musiker es allemal.

Daniel Janz, 9. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Gürzenich-Orchester Köln Andrés Orozco-Estrada, Dirigent, Christiane Karg Kölner Philharmonie, 27. Januar 2026

WDR Sinfonieorchester, Cristian Măcelaru, Kian Soltani, Solist Kölner Philharmonie, 23. Januar 2026

LPO Edward Gardner, Dirigent, Raphaela Gromes Kölner Philharmonie, 5. Dezember 2025

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