"La Damnation de Faust" im Musiktheater Linz: Bitte weniger Goethe – mehr Berlioz!

Landestheater Linz, Premiere am 3. Februar 2018
Hector Berlioz, La Damnation de Faust

von Charles E. Ritterband

Regisseur David Marton hat sich ganz klar von der Werkgeschichte vereinnahmen lassen und ein Übermaß an Intellektualität in seine Inszenierung von Hector Berlioz‘ hochinteressantem Oratorium „La Damnation de Faust“ einfließen lassen – so dass ihm (und somit auch uns Zuschauern) das musikalische Werk entglitt. Da gibt es auf der Bühne gar viel zu rätseln und zu interpretieren, man versteht manche Intention des Regisseurs, aber das meiste versteht man nicht. Man hat als Zuschauer so viel zu denken und zu hinterfragen, dass die oft großartige Musik von Berlioz verdrängt wird, in den Hintergrund rückt.

Ich habe nach der Aufführung in Linz meine beiden CDs von verschiedenen „Damnation“-Versionen angehört – und dabei plötzlich vieles gehört, was ich in Linz vor lauter Inszenierung und Intellektualität gar nicht wahrgenommen hatte.

Schon richtig – Berlioz war hingerissen von Goethes Faust. er nannte es ein „wunderbares Buch“, und es inspirierte ihn 1828 zu seinen „Acht Szenen aus Faust“. Berlioz schickte diese an Goethe, in zwei Exemplaren, mit einem schmeichlerischen Brief. Goethes Neugier war zwar geweckt, aber er legte die Komposition seinem musikalischen Mentor vor, dem 70 Jahre alten und offenbar extrem konservativen Carl Friedrich Zelter (bekannt auch als Mendelssohns Lehrer). Dieser reagierte mit einer ganzen Litanei von abschätzigen Kommentaren. Ergebnis: Goethes sehnlichst erwartete Antwort an Berlioz kam nie. Stattdessen zog Berlioz seine Partitur, ein Vorläufer der „Damnation“, zurück – denn diese sei von Unreife geprägt.

Wohl eingedenk der Goethe-Bewunderung von Berlioz durchsetzte der Regisseur seine Produktion mit vielen, allzu vielen Texten – rezitiert von einem Chor, der an das klassische griechische Theater erinnerte, oder als Dialoge zwischen Mephisto und Faust und dann Faust und Margarethe (die berühmte Gretchenfrage – aber weshalb denn um Himmels willen plötzlich auf Englisch?). Da tritt der Chor hervor und rezitiert die berühmte Stelle aus dem Osterspaziergang (…“wenn weit hinten in der Türkei die Völker aufeinanderschlagen“…) – ein Satz wäre da mehr als genug gewesen, aber es kamen noch und noch, und zwar jeweils mit einem künstlichen Räuspern nach jedem Satz. Wozu? Künstlerisch? Man weiß es nicht und will es eigentlich auch gar nicht wissen.

Dann wird eine unfertige (und voraussichtlich auch nie fertiggestellte) Autobahnbrücke – beeindruckendes Bühnenbild von Christian Friedländer – eingeweiht, und zwar von einer Schar Kinder, die Erwachsene mimen. Weshalb? Man weiß es nicht und will es eigentlich gar nicht wissen. Dann rezitieren auch noch die Kinder irgendeine Textstelle aus dem Faust, unkoordiniert, nicht zusammen und daher unverständlich – das interessiert niemanden, man will jetzt endlich Musik hören.

Der Regisseur hält eine Erklärung für sein Regiekonzept bereit: Es solle die Bedeutung des Chores „als Vertreter der Masse“ herausheben und auch Mephisto „ist im Prinzip die Masse, die Anti-Individualität“. Wer hat’s verstanden? Vermutlich keiner. Unverständlich auch, weshalb das Bühnenbild des ersten Aktes nach der Pause mit weißen Leintüchern zugedeckt wurde. Marguerites Unschuld? Man weiß es nicht. Mit all den intellektuellen Extras und Goethe-Rezitationen verlängert sich die Sache übermäßig – drei Stunden, eine Pause. Manch einer ist da eingenickt.

Was ist die „Damnation“? Ein Oratorium? Eine Oper? Jedenfalls ein durch und durch revolutionäres Werk, was die Musik betrifft. Die Uraufführung am 6. Dezember 1846 in der Pariser Salle Favart (der späteren Opéra Comique) unter Leitung von Berlioz selbst fand jedenfalls in konzertanter Form statt – und endete in der Katastrophe. Sie war ein Misserfolg und stürzte Berlioz in ein psychologisches und finanzielles Desaster. Und doch: Berlioz war, wie Regisseur Marton uns belehrt, „wahnsinnig talentiert“. Seine Musik zur „Damnation“ wirkt zwar streckenweise etwas uninspiriert, ja öde – aber dann schwingt sich Berlioz zu genialen Einfällen auf.

Zu Recht mit Spannung erwartet wird der Höllenritt mit seinen Synkopen: Er findet hier in einem abgewrackten Lieferwagen aus den 1950er-Jahren statt, in dem Faust und Mephisto sitzen, und hinter ihnen wird eine durch und durch undramatische, offenbar völlig willkürlich gewählte Wüstenlandschaft aus dem amerikanischen Westen gezeigt – aber nichts, das diese infernalische, großartig teuflische Musik optisch unterstützt hätte.

Das Bruckner-Orchester spielte wie immer hervorragend, temperamentvoll geleitet von seinem Chefdirigenten Markus Poschner – wie bei Richard Wagner (den Berlioz verabscheute) stehen im Orchestergraben vier Harfen. Ganz hervorragend Chor und Extrachor des Landestheaters (solange er nur singt und nicht Goethes Verse rezitiert) sowie der Kinder- und Jugendchor unter der Leitung von Martin Zeller.

Mit ihrer warmen, schönen Stimme interpretierte die Marguerite von Jessica Eccleston das wunderschöne „le roi de Thule“, basierend auf Goethes Gedicht, das ja auch in der Theaterversion von Gretchen gesungen wird. Sehr überzeugend auch Michael Wagner als zynischer Méphistophéles mit seinen reduzierten Akkorden und lakonischen kurzen Tönen.

Weniger überzeugend wirkte der Faust von Charles Workman, was möglicherweise an der Rolle selbst liegt, ist doch Faust hier mehr ein unter Selbstzweifeln leidender Forscher als ein kühn-faustischer Charakter. Irritierend, dass er, der doch die Jugend als höchstes Gut preist, das alle Güter der Welt in sich vereint, von dem ihm jeden Wunsch erfüllenden Mephisto nicht in einen Jüngling verwandelt wird, der auch auf Marguerite entsprechend attraktiv wirkt. Man wartet auf diese Verwandlung – vergebens.

Bleibt die Frage: ist dies ein Oratorium oder eine Oper? Es ist gewiss keine Oper, es ist im Prinzip ein chorbetontes Oratorium mit sehr wenigen Arien und noch weniger Duetten. Die „Damnation“ zu inszenieren ist ein gewagtes Unternehmen – und es ist verdammt schwierig. Es gelingt nur den wenigsten. Dieser Inszenierung ist es jedenfalls nicht gelungen. Man hätte eine konzertante oder halbszenische Aufführung vorgezogen.

Charles E. Ritterband, 4. Februar 2018, für
klassik-begeistert.at

Der Journalist Dr. Charles E. Ritterband schreibt exklusiv für klassik-begeistert.at. Er war für die renommierte Neue Zürcher Zeitung (NZZ) Korrespondent in Jerusalem, London, Washington D.C. und Buenos Aires. Der gebürtige Schweizer lebt seit 2001 in Wien und war dort 12 Jahre lang Korrespondent für Österreich und Ungarn. Ritterband geht mit seinem Pudel Nando für die TV-Sendung „Des Pudels Kern“ auf dem Kultursender ORF III den Wiener Eigenheiten auf den Grund.

Musikalische Leitung: Markus Poschner
Inszenierung: David Marton
Bühne: Christian Friedländer
Kostüme: Pola Kardum
Faust: Charles Workman
Marguerite: Jessica Eccleston
Méphistophélès: Michael Wagner
Brander: Dominik Nekel
Chor und Extrachor des Landestheaters Linz
Bruckner Orchester Linz
Koproduktion mit der Opéra de Lyon, Neueinstudierung für Linz

Ein Gedanke zu „Hector Berlioz, La Damnation de Faust,
Landestheater Linz“

  1. Ich begrüße Ihre distanzierte Sicht. Die Euphorie mancher Kritiker vermag ich nicht nachzuvollziehen. Diese Inszenierung verstört, sie bleibt ein Rätsel, die Selbstdarstellung eines Regisseurs auf Kosten des Werks, ohne innere Logik oder Werkverbundenheit. Schade um die meist guten Leistungen von Solisten, Chor und Orchester, die hinter dieser verfehlten Inszenierung in den Hintergrund treten müssen.
    Wolfgang Doppelbauer

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