Foto: Goerne, Trifonov 24112025 ©Julia Wesely
Franz Schubert
Sonate in G-Dur, D 804
Schwanengesang D 957
Daniil Trifonov, Klavier
Matthias Goerne, Bariton
Musikverein Wien, 28. November 2025
von Herbert Hiess
Eigentlich hätte da eine stinknormale Rezension über Franz Schuberts Liederzyklus „Schwanengesang“ stehen sollen, die vom Papier her überaus prominent besetzt war.
Auf der einen Seite der überaus geniale Pianist Daniil Trifonov und auf der anderen Seite der angesehene Bariton Matthias Goerne. Nur hatte der Abend einen gewaltigen Schiefstand, weil nämlich der Begleiter zum Hauptereignis wurde.
Und das veranlasst mich, eine Rückschau über diverse Aufführungen von einzelnen dieser gewaltigen Liederzyklen zu halten.
1978, also da war ich knapp 18 Jahre alt, konnte ich in Salzburg bei den Festspielen die „Winterreise“ mit Dietrich Fischer-Dieskau und Maurizio Pollini hören; dieses Konzert legte auch die Latte für andere Sänger und Pianisten fast unerreichbar hoch. Gottseidank gibt es von diesem Konzert eine offizielle CD; hier zu finden Winterreise – Fischer-Dieskau,Dietrich, Pollini,Maurizio, Schubert,Franz: Amazon.de: Musik
Aber in YouTube ist auch davon ein Mitschnitt zu finden, der beweist, dass Fischer-Dieskau sowieso bis heute unerreichbar ist – und wenn dann noch so ein Pianist wie Maurizio Pollini dabei war, war das Ereignis schon perfekt.
Nun stellt sich die Frage, was ist besser für diese Zyklen – ein Tenor oder ein Bariton? Insgesamt ist mir dann doch ein Tenor lieber, weil da die bessere Wortdeutlichkeit zu hören ist und weil ein Tenor viel leichter Nuancen und Phrasen hörbar machen kann; natürlich ist da wieder Fischer-Dieskau die singuläre Ausnahme. Hermann Prey, mit dem ich die „Winterreise“ hören konnte, war hier ebenso dicht auf den Spuren des Meisterbaritons.
Als prominentes Beispiel für die tenorale Ausführung muss man hier den Tenor Mark Padmore nennen, der schon 2011 (!) diese Zyklen im Theater an der Wien aufführte. Auf seiner Seite war der exzellente Pianist Till Fellner zu hören, der hier viel mehr Gestalter als Begleiter war. evolver.at || Schubert und Rameau in Wien
Übrigens fehlt der großartige Pianist aktuell in der österreichischen Kulturszene; man weiß gar nicht, wo er hin verschwunden ist.
Apropos prominenter Pianist. Auf CD gibt es auch die „Winterreise“ mit Peter Schreier und Svjatoslav Richter The Originals – Winterreise,Klaviersonate in C-Dur,d 840 – Schreier,Peter, Richter,Sviatoslav, Schubert,Franz: Amazon.de: Musik
Eine phantastische Kombination; leider ist die Aufnahme völlig verhustet. So ein undiszipliniertes Publikum ist völlig daneben; schade um diese ansonsten großartige Aufnahme.
Und eine (zumindest vom Papier) hervorragende Produktion wäre das Duo Goerne/Trifonov gewesen; leider nur vom Papier. Was nützt dieser geniale Pianist, wenn der Bass-Bariton Goerne sich zeitweise durch die Noten quälte und mit starker Wortundeutlichkeit die wunderbaren Texte fast zerstörte.
Auch die Phrasierung war nicht wirklich bemerkenswert. Goerne ließ seinen mächtigen Bass-Bariton opernhaft erklingen, was eigentlich gar nicht zu Schuberts Zyklen passt. Schubert braucht da viel mehr Intimität, Spontaneität. Goerne mag ein hervorragender Bariton sein; aber das Opernhafte gehört wirklich nicht zu diesen Liederzyklen. Mit seiner gewaltigen und schönen Stimme passt er viel besser in ein Opernhaus. Als „Holländer“, „Telramund“ ist er da sicher ein Ereignis.
Aber dafür hörte ich an diesem Abend den heute unerreichten und unerreichbaren Daniil Trifonov, der diesen Zyklus nicht nur begleitete, sondern endlich Schuberts kostbare Kompositionen völlig neu erklingen ließ. Sein subtiler und hochsensibler Anschlag berückte immer wieder – auch wenn er immer wieder gegen Goernes zeitweiser Lautstärkeorgie ankämpfen musste.
Laut Programm endete der offizielle Programmteil.
Und genauso konnte man zuvor von Trifonov Schuberts Klaviersonate in G-Dur hören, deren Interpretation an die Zeiten von Alfred Brendel erinnerte. Auch hier bewies der russische Starpianist wieder, warum er zu Recht in den Pianistenolymp aufgestiegen ist.
Beim Lesen des Programmes und beim Konzert fiel auf, dass der offizielle Teil mit dem Lied „Der Doppelgänger“ endete; das offiziell letzte Lied „Taubenpost“ vermisste man da schmerzlich. Vielleicht wollte man im Sinne einer Tragik und Dramatik dieses ernste Lied an den Schluss setzen. Und am Schluss des Konzertes spielten dann die Künstler tatsächlich die „Taubenpost“ als Zugabe. Einen logischen Schluss gibt es nicht; Franz Schubert hat gewusst, was er tat – und da wollte er mit diesem Lied offensichtlich nach all den vorangegangenen Liedern etwas Optimismus verstreuen.
So war es an sich ein hochinteressanter Zyklus, der pianistisch mehr als traumhaft war, dafür aber gesanglich noch einiges an Luft nach oben hatte.
Herbert Hiess, 29. November 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Matthias Goerne, Bariton, Daniil, Trifonov Klavier Musikverein Wien, Großer Saal, 24. November 2025
Goerne und Trifonov, Franz Schubert, Die schöne Müllerin Musikverein Wien, 26. November 2025
Matthias Goerne Bariton, Daniil Trifonov Klavier, Franz Schubert Musikverein Wien, 28. November 2025