Foto: Eric Koch for Anefo, CC0, via Wikimedia Commons
Silk Stockings (Seidenstrümpfe)
Musical von Cole Porter (Musik und Songtexte)
sowie George S. Kaufman, Leueen MacGrath und Abe Burrows (Buch)
Aufnahme für die Langspielplatte am 6. März 1955 in New York City
Musikalische Leitung: Herbert Greene
RCA Victor 1102-2-RG
Eine 40-minütige Aufnahme davon ist erhalten geblieben.
von Ralf Krüger
Sie war Schauspielerin, Sängerin und Buchautorin. Am 28. Dezember 2025 wäre Hildegard Knef 100 Jahre alt geworden. Geboren in Ulm, verbrachte sie Kindheit und Jugend in Berlin und gehörte nach dem Krieg zu den Gesichtern des Neustarts von Bühne und Kino in der Stadt. In Amerika unfreiwillig zu Hildegarde Neff geworden, feierte sie nach einem unergiebigen Intermezzo in Hollywood große Erfolge in Cole Porters Silk Stockings am Broadway.
Silk Stockings erzählt die Geschichte einer Liebe, die nicht sein darf. Im Paris der Fünfziger, in einer Welt, die noch fein säuberlich nach Gut und Böse sortiert ist.
Hildegard Knef ist Nina „Ninotschka“ Yaschenko, eine sowjetische Kulturkommissarin, die einen populären, aber abtrünnigen Komponisten zurück nach Moskau holen soll. Don Ameche, stimmlich mit einer Strahlkraft ausgestattet, die jede Operetten-Aufführung adeln würde, ist Steve Canfield, ein Filmproduzent, der den Komponisten vertraglich betreut.
Wenn Canfield das Lied über Silk Stockings singt, hören wir einen melancholischen, sehr intimen Rückblick auf seine Zeit mit Ninotschka:
„Seidenstrümpfe, ich berühre sie und empfinde die Freuden, die mich an dich erinnern.“
Im Booklet steht, dass der Mann in dieser Szene seiner einstigen Geliebten 365 Paar Seidenstrümpfe gekauft hat.
Gretchen Wyler hat die schönsten Songs in diesem Musical zu singen. Sie spielt ein Hollywood-Sternchen, das nach feucht-fröhlich-seichten Filmen etwas Anständiges drehen will. Der Komponist soll ihr die Filmmusik schreiben. Den Hörern beweist sie, dass wir tatsächlich mitten in den Fünfzigern sind – mit den Errungenschaften der Zeit, wie Technicolor, Cinemascope und dem neuen Stereophonic Sound. Später singt Gretchen Wyler eine mit Pikanterie gewürzte und ins Jazzige gehende Ballade über Josephine, die erste Ehefrau von Napoleon Bonaparte.
Cole Porter hat sich viele originelle Titel ausgedacht und beginnt mit einer spritzigen Ouvertüre, die an eine rasante Autofahrt erinnert und die schließlich in ein Liebesthema übergeht. Wer alte Hollywood-Tanz-und-Musikfilme liebt, hört hier ihren satten, erdigen Sound heraus, der irgendwie immer nach Mono klingt. Das Finale der Aufnahme heißt The Red Blues. Robert Kimball, der uns im Booklet durch die Handlung führt, berichtet hier, dass der sowjetische Komponist nun ganz von westlicher Popmusik fasziniert ist und eine „Jam Session“ organisiert. Das klingt urig, das klingt nach Improvisation und erinnert mich in Teilen an den Sound, den Glenn Miller erschuf.
Cole Porters Silk Stockings produzierte keinen Hit, wie I love Paris zwei Jahre zuvor im Musical Can-Can, aber die Vielfalt der Partitur begeistert noch heute.
Hildegard Knef hat in dieser Aufnahme, neben drei Duetten mit ihrem Bühnenpartner Don Ameche, den Solo-Part Without Love zu singen. Ninotschkas bittere Erkenntnis „Was ist eine Frau ohne Liebe?“ ist reiner Sprechgesang. Hildegard Knef kann nicht singen. Sie hat das zugegeben, schon vor den Proben. Es ist dokumentiert in ihrer Autobiografie Der geschenkte Gaul – in dem Abschnitt, den sie Silk Stockings widmet. Es stellt sich damit die Frage, wieso haben amerikanische Musicalproduzenten, mit dem Wissen um diesen Fakt, ihr diese Rolle angeboten?
Ich denke, es hat mit ihrer Biografie zu tun. Frau Knef hat sehr detailliert und unverblümt über ihren Überlebenskampf in Berlin zum Ende des 2. Weltkrieges berichtet, über die Gefangenschaft und den Hunger als ihren ständigen Begleiter. Wer so etwas erlebt hat, trägt sein Bündel an Erinnerungen stets bei sich und man benötigt wohl sehr viel Schminke um die Kratzer im Gesicht zu übertünchen. Vielleicht war ihr (für amerikanische Künstler) so untypischer Lebenslauf die Idealbesetzung für die Rolle der Genossin Nina Yaschenko?
Nach Voraufführungen in Philadelphia, Boston und Detroit feierte Silk Stockings am 24. Februar 1955 im New Yorker Imperial Theatre seine Premiere. Bis zum 14. April 1956 gab es beachtenswerte 478 Aufführungen. Hildegard Knef wurde mit ihrer Rolle als Ninotschka der erste deutsche Musicalstar am Broadway.
Jahrzehnte später. Die Berliner Mauer war gerade gefallen, da hatte ich die Freude, Hildegard Knef zweimal persönlich zu treffen: Bei einer Lesung im alten Hebbel-Theater und bei einem Konzert mit dem RIAS-Tanzorchester im Friedrichstadtpalast. Sie hatte über die Jahre so viele Chansons aufgenommen, immer wieder auch Berlin-Lieder, und einen unverwechselbaren Gesangsstil entwickelt. Mit viel Selbstironie textete sie Von nun an ging’s bergab – als persönliche Zwischenbilanz. Der Song ist bis heute mein Favorit in der Playlist ihrer Musik.
Und der geschenkte Gaul, das Buch über Knefs (und unser aller) geschenktes Leben, hält bei den Werken, die ich jemals gelesen habe, den Rekord an Satzlängen. Es sind jeweils keine kompliziert gebauten Schachtelsätze, die sie formulierte, eher eine Aneinanderreihung oder Aufzählung von Fakten und Tatsachen, die irgendwann abrupt, aber sinnvoll endet. Sie lässt ihren Lesern keine Zeit, sich gemächlich in die Materie einzulesen. Sofort taucht man ein in das Leben einer vielschichtigen Künstlerpersönlichkeit und unterschätzten Zeitzeugin.
Danke für so vieles und einen Glückwunsch nach oben, verehrte Frau Knef, zum Hundertsten! Von einem treuen Fan hier unten in Berlin. In der Stadt, die immer auch Ihr Zuhause war.
Ralf Krüger, 22. Dezember 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Hildegard Knef ist am 1. Februar 2002 in Berlin gestorben und fand in einem Ehrengrab der Stadt ihre letzte Ruhe. Die CD „Silk Stockings“ mit dem Ensemble der New Yorker Premiere von 1955 ist unter anderem im Shop des Musical-Portals „Sound of Music“ erhältlich.