"Natürlich gibt es Vorurteile, wenn ein Tscheche eine als typisch deutsch geltende romantische Oper dirigiert"

Interview am Donnerstag 5: Tomáš Netopil, Dirigent

Foto: © Marco Borggreve

Interview am Donnerstag 5: Der Dirigent Tomáš Netopil

Tomáš Netopil (44) wurde in Tschechien geboren. Von 2008-2012 war er Musikdirektor des Prager Nationaltheaters und des Ständetheaters. Seit 2013 ist Netopil Generalmusikdirektor des Aalto Musiktheaters und der Essener Philharmoniker. An der Wiener Staatsoper übernahm er in der laufenden Spielzeit die musikalische Leitung von Beethovens Fidelio in der Urfassung.

von Manfred A. Schmid (onlinemerker.com)

Die Proben für Fidelio I sind in der Endphase. Wie sieht ein erster Zwischenbericht aus der Sicht des musikalischen Leiters Tomás Netopil aus?

Ich kann nur eines sagen: Es war und ist sehr spannend. Zu Beginn der Proben gab es, wie immer zu dieser Jahreszeit, mehrere krankheitsbedingte Ausfälle. Jetzt scheinen alle topfit zu sein (klopft auf Holz), und wir können uns jetzt in den letzten zwei Wochen voll auf die Premiere am 1. Februar fokussieren. Heute gab es die erste Bühnenprobe, alles läuft wie gewünscht.

Wie geht man als Dirigent mit dem Umstand um, dass man ein bestens vertrautes, fest im Repertoire verankertes Werk plötzlich in einer Version einzustudieren hat, die von der bekannten abweicht?

Ich habe das fantastische Orchester, das ich ja schon seit einigen Jahren in einigen gemeinsamen Produktionen gut kennenlernen durfte, gleich am Anfang darauf hingewiesen, dass das ein Vorteil aber auch ein Nachteil sein kann. Ein Vorteil, weil die Mitglieder des Staatsopernorchesters Beethovens Fidelio so gut wie auswendig kennen und ihn vermutlich fast im Schlaf auch noch spielen könnten. Ein Nachteil, weil man von vielen vertrauten Wendungen und liebgewonnenen Stellen Abschied nehmen muss. Ein Großteil kommt einem bekannt vor und doch gibt es an wichtigen Stellen mehr oder weniger große Abänderungen, die man nicht übersehen darf. Und je kleiner und beinahe unmerklich diese Änderungen sind, umso mehr muss man da aufpassen. Sobald man sich aber darauf einlässt, lernt man viel neue, wunderschöne Musik kennen. Das Ganze ist also auch eine spannende Entdeckungsreise.

Was gibt es da zu entdecken?

Zunächst einmal die Nähe der Musik des Ur-Fidelio zu Mozart. Das neue Duett Marzelline – Leonore ist kammermusikalisch so zart und durchsichtig komponiert, mit Sologeige und Solocello, dass man dabei unwillkürlich an Mozart denken muss. Das trifft auf das Vorspiel zur Leonore-Arie sowie auf die viel länger ausgefallene Einleitung zum Duett Leonore – Florestan zu, die Beethoven farbenreich mit Holzinstrumenten und Streichern instrumentiert hat. Ich hoffe sehr, dass diese wunderbaren Neuerungen auch dem Publikum auffallen und vor allem gefallen werden. Da ist ein Vergleich zwischen der 1. und 3. Fassung durchaus lohnenswert und ergiebig, während die zweite Version (Leonore) sich eigentlich nur durch Kürzungen von der Urversion unterscheidet. Aber als Ouvertüre spielen wir dann doch die Ouvertüre zur Leonore, also zur 2. Fassung!

Herr Netopil, in Wien haben Sie bisher vor allem das slawische Repertoire gepflegt: 2014 Rusalka, 2016 Das schlaue Füchslein, 2017 Katja Kabanova. Dazu kommen Dirigate bei Cosí fan tutte, Idomeneo und Der Freischütz. Den Fidelio in der gängigen Version haben Sie in Wien aber noch nicht dirigiert?

Das stimmt und die aktuelle Version des Ur-Fidelio habe ich – wie wohl alle meine Kollegen – selbstverständlich überhaupt noch nie dirigiert. Zum ersten Mal habe ich Fidelio, noch ziemlich am Anfang meiner Karriere, in Neapel gemacht. Das war, wenn ich mich recht erinnere, 2004 oder 2005. Ich bin froh darüber, dass mein letzter Fidelio 2015, in einer Wiederaufnahme am Aalto-Theater Essen, dessen Generalmusikdirektor ich bin, schon wieder einige Jahre her ist. So konnte und kann ich relativ unbelastet an die Realisierung der Urversion herangehen.

Bei den tschechischen Opern wurden ihre Dirigate überschwänglich gelobt. Beim Freischütz war das schon anders. Da hagelte es in Wien auch negative Kritik. Wie gehen Sie damit um?

Oper ist nun einmal ein Gesamtkunstwerk. Und im Fall von Der Freischütz ist ja vor allem die Regie kritisiert worden, da färbt dann immer auch etwas auf die anderen Bereiche ab. Natürlich gibt es auch Vorurteile, wenn ein Tscheche eine als typisch deutsch geltende romantische Oper dirigiert. – Sehen Sie, ich halte das meistens so: Sowohl bei guten Kritiken wie auch bei negativen denke ich, dass maximal rund 50 Prozent des Gesagten/Geschriebenen zutreffen. Leider habe ich, vor allem in meinem Heimatland Tschechien, auch die Beobachtung gemacht, dass die Rezensionen immer oberflächlicher werden und nicht in die Tiefe gehen. Da war ich dann am Beginn meiner Zeit in Essen, wo ich ja außer der Oper auch die Essener Philharmoniker leite, vom hohen Niveau der deutschen Kulturkritik überrascht, wo man auch auf Hintergrund und Geschichte der jeweiligen Werke eingeht. Aber auch dort, scheint es, geht es mit der Qualität langsam bergab, was vielleicht auch mit der steigenden Platznot der kulturellen Berichterstattung in den Medien zusammenhängt.

Sie waren 2002 der erste Gewinner der Sir Georg Solti Conductors‘ Competition. Der Beginn ihrer internationalen Karriere?

Damals war ich 27 Jahre alt. Bald folgten Debüts mit dem Oslo Philharmonic Orchestra und dem Cleveland Orchestra 2005, am Pult des Londoner Philharmonic Orchestra sowie als musikalischer Leiter von Mozarts Lucio Silla, 2006 bei den Salzburger Festspielen. 2008 folgte dann mein Debüt als Dirigent der Dresdner Staatskapelle.

Damit haben Sie einen beeindruckenden Start hingelegt, jede Menge illustre Häuser sind inzwischen dazu gekommen. Und in Ihrer Heimat?

Da bin ich, zusammen mit Jakub Hrusa, Gastdirigent der Tschechischen Philharmonie und ansonsten an den Opernhäusern von Prag bis Brünn eingesetzt. In Brünn dirigiere ich im April übrigens The Greek Passion von Bohuslav Martinu, eine Neuproduktion. Besonders am Herzen liegt mir aber meine Heimatstadt Kromeriz (altösterreichisch Kremsier) in Ostmähren, wo ich ebenfalls ein Festival für Musik betreue und wo ich mit meiner Familie wohne, so oft das geht. Zum Glück liegt Kromeriz nur etwa zwei Autostunden von Wien entfernt, ich bin also auch während der jetzigen Probenzeit oft dort.

Ihr Wirken in Essen?

Ich bin sehr glücklich über mein dortiges Engagement. Es gibt zwei großartige Häuser: Den Saalbau Essen, heute das Konzerthaus für die Philharmonie Essen, ein altes Gebäude, innen auf den neuesten Stand gebracht, und das berühmte Aalto-Theater Essen nach Entwürfen des finnischen Architekten Alvar Aalto, das dem Opernbetrieb dient. Und ich pendle zwischen diesen beiden Häusern hin und her. Im Februar gibt es den Rosenkavalier in der Oper, mit „meinen“ Philharmonikern habe ich eben erst eine Einspielung der Dritten Symphonie von Gustav Mahler herausgebracht. Am 17. April gibt es ein Konzert mit Rudolf Buchbinder, der, begleitet von den Essener Philharmonikern, Beethovens Klavierkonzert Nr. 3 Es-Dur op. 73 spielen wird. Das Beethoven-Jahr…

Wie stehen Sie als Dirigent zu Werken zeitgenössischer Komponisten?

Ich bin kein Spezialist für Neue Musik, aber Wolfgang Riehm hat für uns ein Stück geschrieben, das wir aufgeführt haben, und wird vergeben in Essen auch Kompositionsaufträge an junge Komponistinnen und Komponisten. In der nächsten Spielzeit bringen wir als Uraufführung die Oper Dogville von Gordon Kampen heraus. Ein Essener Auftragswerk nach dem gleichnamigen Film von Lars von Trier.

Für musikbegeisterte Neugierige scheint sich Essen also durchaus als Reiseziel anzubieten?

Das kann ich nur empfehlen. Aber auch Kromeriz mit seinem Musikfestival, historischen Stadtkern, Barockgärten und Schloss, wo der Film Amadeus gedreht wurde, ist immer  eine Reise wert!

Manfred A. Schmid (onlinemerker.com), 22. Januar 2020

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