Alice Meregaglia © Jean-Marc Angelini
La precisione dell’amore oder die Präzision der Liebe – erste Berührungen mit den Menschen an der Hamburgischen Staatsoper
Vom Lago di Varese über den Canal Grande und die Weser an die Elbe – die neue Zeitrechnung an der Hamburgischen Staatsoper begann fulminant mit dem neuen Intendanten und Regisseur Tobias Kratzer, der mit Schumanns „Das Paradies und die Peri“ seine erste erfolgreiche Arbeit präsentierte und mit einem neuen Führungsteam frischen Wind in das Haus am Dammtor bringt – eine weitere Schlüsselstelle des Hauses wurde neu besetzt mit der jungen italienischen Chordirektorin Alice Meregaglia.
klassik-begeistert im Interview mit der neuen Chordirektorin an der Hamburgischen Staatsoper, Teil I
von Patrik Klein
Sie ist jung und dennoch sehr erfahren, arbeitete als Chordirektorin in Bremen und Darmstadt, ist an internationale Opernhäuser und Festivals eingeladen (z.B. Bayreuther Festspiele-Jubiläum in 2026, Bregenzer Festspiele, Elbphilharmonie, Opéra national du Rhin, Opéra de Nice, Slovak National Theater in Bratislava…), ist Preisträgerin des Kurt-Hübner-Preises 2018, unterrichtet Rezitativgestaltung und Singen in Italienisch an der Hochschule Bremen und tritt nun in die breiten Fußstapfen von Eberhard Friedrich, der den Chor der Hamburgischen Staatsoper und der Bayreuther Festspiele in die Hände junger Nachfolger legte.
klassik-begeistert: Liebe Frau Meregaglia, schrittweise ging Ihr Weg vom sonnigen Süden in Tradate bei Mailand über Venedig, das Opernstudio in Straßburg, Bremen und Darmstadt so allmählich gen Norden nach Hamburg an die Elbe.
Wie fühlen Sie sich in der Hansestadt? Sind Sie schon so richtig angekommen und haben sich mit den vielen Möglichkeiten hier an der Elbe auseinandersetzen können?
Alice Meregaglia: Zunächst war es extrem schwer überhaupt eine Wohnung in Hamburg zu finden. Die Suche hat mich viele Nerven gekostet. Ich war damals mit meiner ersten Cenerentola Premiere als musikalische Leiterin in Darmstadt sehr beschäftigt: ich arbeitete und studierte während des Tages und war auf der Suche während der Nacht… mamma mia, ich weiß nicht, wie ich diese Zeit überlebt habe! Aber ich bin froh, jetzt in St. Georg eine schöne Wohnung für mich gefunden zu haben. Ja (lacht), es war sehr schwer. Ja, ja, ja. Es war wirklich sehr schwer.
Aber dann plötzlich hatte ich ein bisschen Glück, weil die Vermieterin Katzen liebt. Und ich habe eine siebenjährige Katze namens Oskar. Die wunderschöne Wohnung ist allerdings in einer schwierigen Ecke. Aber sie ist bunt, diese Ecke. Manchmal finde ich sie auch sehr traurig.
Aber ich dachte auch, was bedeutet es wirklich, jeden Tag in so einem Viertel zu leben? Das ist schwer. Aber gleichzeitig die Idee erneut umzuziehen, damit ich das nicht sehe, empfinde ich nicht als eine menschliche Lösung. Weil, wenn ich diese Armut nicht sehe, heißt das nicht, dass diese Armut nicht existiert. Manchmal muss ich über die dort liegenden Menschen darüber steigen, wenn ich in ein Haus gehe, aber vielleicht habe ich irgendwann eine Idee und kann etwas helfen oder etwas machen. Das wäre toll. Ich unterhalte mich auch gerne mit ihnen: jeder Mensch „versteckt“ eine Geschichte und jede Geschichte ist für mich eine Inspirationsquelle.
klassik-begeistert: Als meine erste Vorstellung in der neuen Saison besuchte ich die Saisoneröffnungsproduktion von Schumanns „Das Paradies und die Peri“ in der Regie von Tobias Kratzer und Ihnen als neue Chordirektorin des Hauses. Als ehemaliger Chorsänger im 1. Bass eines großen Oratorienchores in Nordrheinwestfalen und Liebhaber von Opern mit großem Chor achte ich natürlich ganz besonders auf dieses wunderbare Instrument.
Mir fiel auf, dass bei diesem Oratorium oder vielleicht treffender bei dieser Choroper, bei der der Chor der Hamburgischen Staatsoper die Hauptrolle spielt, die rund 70 Mitglieder für mich wie ausgewechselt und neu motiviert wirkten.
Musikalisch geriet dieser von mir besuchte Abend äußerst frisch, präzise, dynamisch und was mich besonders freute, mit so viel Spielfreude und Engagement, was ich so in den letzten Jahren nicht immer wahrgenommen hatte.
Gilt hier das Motto „Neue Besen kehren gut“ oder was ist das Geheimnis dieses wahrgenommenen Wandels?
Alice Meregaglia: Ich kann und möchte das natürlich nicht vergleichen mit dem, wie es vorher war: ich kann nur sagen, wie es ab jetzt für mich ist und was ich künftig mit meinen Sängern und Sängerinnen versuchen werde.
Erst, wenn jeder Neuanfang eine Möglichkeit der Veränderung ist, haben mein neuer Chor und ich schon ein großes Glück. Der Start mit dem Chor der Hamburgischen Staatsoper hätte nicht besser sein können. Diese Schumann Produktion war irgendwie eine Konstellation mit vielen glücklichen Aspekten und ohne Schwächen. Die Bühne, die Regie, die musikalische Leitung, die Solo-Sänger und der Chor waren perfekte Elemente, die großartig zusammengepasst haben. Deshalb war entsprechend auch bei allen die Motivation sehr hoch.
Ich freue mich sehr darüber, wie Sie das empfunden haben und beschreiben, dass da so viel Spielfreude und Lächeln zu erkennen war. Das ist genau das, was ich fühle, wenn ich mit den Sängern und Sängerinnen musiziere. Jede Chorsaalprobe ist ein Moment, wo ich ein großes Glück spüre, weil ich meine Leidenschaft mitteilen kann. Ich möchte einfach mit diesen Menschen zusammen das Beste herausfinden und erarbeiten.
Jeder Sänger/jede Sängerin hat im Chor eine besondere Rolle: es gibt z.B. führende und begleitende Stimmen, solistische Persönlichkeiten und Naturen, die sich in der Verbindung wohlfühlen. Jede Rolle ist notwendig und das ist sehr wichtig, dass jedermann mit seiner/ihrer Authentizität sich vorstellen kann. Das ist für mich die Harmonie der Verschiedenheit und diese Qualität ist mir viel bedeutender als die berühmte Homogenität.
Für mich ist es wunderschön, dass ich mir immer dieses Bild vor Augen halte, dass ich mich um meine Sänger und Sängerinnen kümmern muss. Ich möchte, dass alle ein Paar Schuhe kriegen, aber nicht alle haben die gleiche Schuhgröße.
Deshalb versuche ich, so etwas wie ein System von Gerechtigkeit mit viel Flexibilität zu erzeugen. Alle müssen natürlich das Gleiche bekommen, aber das Gleiche ist nie wirklich das Gleiche. Weil jemand braucht etwas mehr oder jemand braucht etwas auch qualitativ anderes. Und ich möchte darauf achten, dass die Qualität und die Spezifität von jedem Sänger trotzdem respektiert wird. Diese Vielseitigkeit gibt mir auch die Möglichkeit, kreativ und fantasiereich zu sein in meinen menschlichen Lösungen.
In Schumanns „Das Paradies und die Peri“ haben wir wirklich die gleiche Sprache gesprochen und die Kommunikation sowie der Probenprozess waren effizient, lustig und kreativ.
Nur mal ein Beispiel: Ich bin extrem kurzsichtig und am Abend vor einer Probe hatte ich meine Brille zu Hause verloren. Fast ein wenig blind suchte ich nach ihr und genau in diesem kurzen Panik Moment dachte ich: das ist DER Klang, den wir an dieser besonderen Stelle brauchen!!! Ein Klang ohne Fokus, ohne Glanz, komplett unscharf. Endlich hatte ich verstanden: ein Klang ohne Brille. Und ab diesem Moment haben sie mir eine besondere Klangqualität vorgeschlagen, ja sogar geschenkt und seit diesem Moment erklingt das so in jeder Vorstellung. Das war eines der schönsten Geschenke, das ich bekommen habe in diesen Monaten mit dem Chor.
Ich denke, dass das eine geniale Idee von Tobias Kratzer war, mit diesem Stück zu eröffnen und nicht mit einer „Carmen“ oder einer „Zauberflöte“. Es war die wunderbare Gelegenheit mit dem Chor die Zusammenarbeit zu fundamentieren.
Darf ich dazu noch etwas sagen? (klassik-begeistert: ja klar, sehr gerne sogar)
Alice Meregaglia: Ich habe kürzlich ein Buch von einer italienischen Dichterin gelesen. Der Titel ist „La precisione dell’amore“ (Die Präzision der Liebe). Ich dachte, das ist wunderschön; weil manchmal verbinden wir die Präzision nur mit etwas Technischem oder mit einer Struktur. Manchmal benutzen wir auch in der Oper zu viele Worte, die für mich mechanische oder technologische Worte sind. Wenn man jemanden fragt, wie war denn der Chor? „Ja, ja, er hat funktioniert“. Wenn ich so etwas höre, es funktioniert, beginne ich mich zu sträuben. Es ist nicht unbedingt ein Lob. Für mich funktioniert mein Auto, mein Computer, mein Handy und meine Waschmaschine.
Aber mein Chor kann nicht einfach funktionieren. Wir kümmern uns nicht um ein System, das funktioniert. Das natürlich in gewisser Weise auch. Aber das ist nicht unser Ziel.
Das Ziel ist, wir wollen durch unsere Musik und unsere Besonderheit berühren.
klassik-begeistert: Herzlichen Dank für das Gespräch!
Patrik Klein, 8. November 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
„ Ich erwarte von meinen Sänger:innen, dass sie sich mit Aufmerksamkeit, Engagement, Leidenschaft und Freiheit ausdrücken können“, Teil II
Teil 2 unseres Interviews mit Alice Meregaglia lesen Sie
Sonntag, 9. November 2025, hier auf klassik-begeistert.de und
klassik-begeistert.at.
Biografie Alice Meregaglia
Alice Meregaglia, geboren in Tradate, Italien, studierte Klavier am Konservatorium in Venedig, Musikwissenschaft und Korrepetition in Mailand, Orchesterdirigat in Straßburg.
Von 2012 bis 2015 war sie als Solorepetitorin an der Opéra national du Rhin tätig.
2016 ging sie ans Theater Bremen, zunächst als Chordirektorin und Vocal Coach, später auch als Studienleiterin und Kapellmeisterin.
2023/24 wechselte sie an das Staatstheater Darmstadt als Chordirektorin mit Dirigierverpflichtung.
Sie gastiert bei den Bayreuther Festspielen (im Jubiläumsjahr 2026), den Festspielen Bregenz, an der Elbphilharmonie in Hamburg, Opéra national du Rhin, Slovak National Theater in Bratislava, Opéra de Nice, Trondheim Opera, Saluzzo Opera Academy, Festival de musique sacrée de Nice, Festival Opus Opéra de Gattières, sowie dem Festival OperAffinity in Italien.
Zu den Werken, die sie dirigierte, gehören u.a. La cambiale di matrimonio, L’occasione fa il ladro, Don Giovanni, Le nozze di Figaro, Così fan tutte, La rondine, La Cenerentola, L’italiana in Algeri, L’elisir d’amore, L’étoile, Hello, Dolly! , L’impresario Dotcom von Ľubica Čekovská, Faurés Requiem, Rossinis Petite messe solennelle, und Puccinis Messa a 4 voci.
Zudem ist sie als Korrepetitorin in zahlreichen Meisterkursen tätig (u.a. Teresa Berganza, Luciana Serra, Renata Scotto, Anna Vandi, Carmela Remigio, Bernadette Manca di Nissa, Nicola Martinucci, Elisabeth Wilke, Sylvie Valayre, Jean-Philippe Lafont, Françoise Pollet).
Alice Meregaglia ist Preisträgerin des Kurt-Hübner-Preises 2018 und unterrichtet Rezitativgestaltung und Singen in Italienisch an der Hochschule Bremen.
Mit Beginn der Spielzeit 2025/2026 ist sie Chordirektorin des Chors der Hamburgischen Staatsoper.
Robert Schumann, Das Paradies und die Peri Hamburgische Staatsoper, 14. Oktober 2025
Interview: kb im Gespräch mit Tobias Kratzer, Teil I Hamburgische Staatsoper, 2. Juli 2025
Interview: kb im Gespräch mit Tobias Kratzer, Teil II Hamburgische Staatsoper, 4. Juli 2025
Interview: kb im Gespräch mit Tobias Kratzer, Teil III Hamburgische Staatsoper, 6. Juli 2025