Wie steht Mariangela Sicilia als Archäologin zu Pierre Boulez’ explosivstem Zitat?

Interview: kb im Gespräch mit der Sopranistin Mariangela Sicilia, Teil 1  klassik-begeistert.de, 23. Februar 2026

Mariangela Sicilia – Book ritratti © Ugo Carlevaro e Ewa Lang

Was macht man mit Bestnoten in Mathematik und einem Archäologie-Diplom in der Tasche? Erraten Sie nie – man gibt an der Hamburgischen Staatsoper sein Debut als Maria Stuarda in Gaetano Donizettis gleichnamiger Oper. Jedenfalls dann, wenn man früher auf den Plätzen einer italienischen Kleinstadt Lieder der italienischen Pop-Ikone Mina gesungen hat. Glauben Sie mir nicht? Dann lesen Sie bitte mein Interview mit der italienischen Sopranistin Mariangela Sicilia…

Jörn Schmidt im Gespräch mit Mariangela Sicilia, Teil 1

klassik-begeistert: Pierre Boulez wollte einst alle Opernhäuser in die Luft sprengen. Mal wörtlich genommen, was halten Sie als Archäologin davon? Sowas gehört doch bestraft…

Mariangela Sicilia: Darf ich erst mal klarstellen, dass…

klassik-begeistert:  … Pierre Boulez kein Terrorist war?

Mariangela Sicilia: Ja, danke. Nach Boulez’ Ansicht waren die Opernhäuser in den 1960er Jahren zu einem Museum verkommen. Erstarrt in verstaubten Inszenierungen, entleert von künstlerischer Dringlichkeit und gesellschaftlichem Gehalt. Das wollte er markant anprangern…

klassik-begeistert: Aber wenn er nun doch zur Tat geschritten wäre?

Mariangela Sicilia: Ein Opernhaus zu zerstören bedeutet, das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft zu vernichten. Theater sind gewissermaßen materielle und immaterielle Archive – Orte, an denen einige der wichtigsten kulturellen und sozialen Umbrüche ihren Ursprung hatten. Von der Antike bis zu den Avantgarden des 20. Jahrhunderts war das Theater ein Raum symbolischer Auseinandersetzung, der Machtkritik und sprachlicher Experimente.

klassik-begeistert: Und als Sopranistin, was hätten Sie Pierre Boulez gesagt?

Mariangela Sicilia: Ich sehe die Dinge wie Pierre Boulez. Oper ist eine ephemere Kunst, die man nicht wie ein Artefakt in einem Schaukasten ausstellen kann. Daher muss ein Opernhaus ein Ort sein, an dem ein Werk mit jeder Aufführung neu entsteht. Wenn Werke von Giuseppe Verdi oder Richard Wagner aufgeführt werden, muss das ein zeitgenössisches Ereignis sein.

Mariangela Sicilia – Book ritratti © Ugo Carlevaro e Ewa Lang

klassik-begeistert: Ist Boulez erhört worden?

Mariangela Sicilia: Ja, Oper ist heute eine zutiefst zeitgenössische Disziplin. Ein interpretativer Prozess, der Narrative konstruiert, die Vergangenheit im Lichte der Gegenwart neu liest. Und nicht mit Kritik spart – am Machtstrukturen, Identitäten, Wirtschaftssystemen.

klassik-begeistert: Wenn spätere Generationen die Ruinen unserer Opernhäuser ausgraben, was wird das über unsere Kultur aussagen?

Mariangela Sicilia: Alles, sie werden alles sehen! Weil ein Opernhaus wie ein historisches Dokument ist, nur komplexer. Wenn man so will der Spiegel der Gesellschaft, die es erbaut hat…

klassik-begeistert: Wirklich alles?

Mariangela Sicilia: Sie können das vergleichen mit den Erkenntnissen, die Archäologen aus der Beschäftigung mit dem griechischen und römischen Theater gewonnen haben. Allein deren Architektur – das verrät viel über Wirtschaft, Kultur und die seinerzeit herrschenden sozialen Hierarchien.

klassik-begeistert: Heißt konkret?

Mariangela Sicilia: Aus unseren Opernhäusern werden Archäologen dereinst Informationen darüber gewinnen, welche politischen und ideologischen Spannungen unsere Epoche bestimmt haben. Auch, wie Macht repräsentiert wurde sich Identitäten gebildet hatten. Und nicht zuletzt, welchen Stellenwert die Finanzierung von Kultur hatte.

Mariangela Sicilia – Book ritratti © Ugo Carlevaro e Ewa Lang

klassik-begeistert: Die italienische Pop-Ikone Mina hat Sie inspiriert, zu singen. War damals schon klar, dass Sie einmal Maria Stuarda an der Hamburgischen Staatsoper singen?

Mariangela Sicilia: Natürlich nicht! Ich liebe Mina, weil sie nicht nur Sängerin ist, sondern eine wahre Interpretin. Sie verleiht jedem Lied einen anderen Charakter – mit Nuancen, Zerbrechlichkeit, Stärke und Ironie. Zugleich erzählt sie jedes Mal eine Geschichte und erweckt sie zum Leben. Von ihr habe ich gelernt, dass Singen bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Um einer Existenz, einem Gefühl, einer Sichtweise Ausdruck zu verleihen.

klassik-begeistert: Und so haben Sie sich in die Oper verliebt…

Mariangela Sicilia: Ja, was ich Mina abgelauscht habe, das erlaubt mir, jedes Mal in das Leben einer anderen Frau einzutauchen… ihre Konflikte, ihre Leidenschaften, ihre Widersprüche zu erforschen. Für mich ist jede Rolle… wie jetzt Maria Stuarda… ein Fragment des Lebens, das es zu durchleben und aus dem es zu lernen gilt.

Mariangela Sicilia – Book ritratti © Ugo Carlevaro e Ewa Lang

klassik-begeistert: Was hat Sie veranlasst, Archäologie zu studieren?

Mariangela Sicilia: Ich war eine klassische Gymnasiastin mit Bestnoten in Mathematik. Archäologie schien der passendste Weg zu sein – ein Weg, der sowohl meine wissenschaftliche als auch meine künstlerische Ader widerspiegelte. In der Archäologie muss man buchstäblich graben, in die Tiefe gehen. Wie in der Musik…

klassik-begeistert: Sie konnten sich zunächst also nicht zwischen Kunst und Wissenschaft entscheiden?

Mariangela Sicilia:  Nun, ich unterbrach mein Studium der Archäologie, als ich mit dem Singen begann. Und nahm es wieder auf, als COVID meine Karriere vorübergehend unterbrach. Jetzt habe ich beides – und könnte nicht glücklicher sein.

klassik-begeistert: Daraus ließe sich gewiss ein gutes Lebensmotto ableiten?

Mariangela Sicilia: So ist es – nichts geschieht zufällig, und nicht jeder Rückschlag ist gleichbedeutend mit Leid.

klassik-begeistert: Bleibt neben Ihrer Karriere als Sopranistin Zeit, als Archäologin zu arbeiten?

Mariangela Sicilia: Das ist nicht einfach, aber ich möchte nicht den Schwung verlieren. Ich habe ein Herzensprojekt, das gemeinsam mit anderen Archäologen Gestalt annimmt. Hoffentlich werde ich bald darüber berichten können. Mit Liebe und Hingabe ist alles möglich. Ich möchte die Dinge, die ich liebe und die mich erfüllen, nicht aufgeben.

klassik-begeistert: Herzlichen Dank für das Gespräch!

Jörn Schmidt, 23. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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