CANTIERE INTERNAZIONALE D’ARTE CAVALLERIA RUSTICANA
Montepulciano, 11 Luglio 2025 ©️ Irene Trancossi
In Hamburg dirigiert Carlo Goldstein aktuell die Wiederaufnahme von La Traviata. Ich habe mit dem italienischen Dirigenten in der Hamburgischen Staatsoper über Giuseppe Verdi gesprochen: Warum hat der Komponist keine ausgewachsene Symphonie hinterlassen? Welche jahrzehntelange tragische Vorgeschichte hatte sein Meisterwerk Falstaff? Außerdem hat Carlo Goldstein exakt bestimmt, wie viel Prozent Wagner in La Traviata steckt…
Jörn Schmidt im Gespräch mit Carlo Goldstein (Teil 2)
klassik-begeistert: Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg pflegt einen typisch Deutschen Klang. Die Hamburger können aber auch Italianità. Ist das der Globalisierung zu verdanken?
Carlo Goldstein: Das ist ein Aspekt, aber ich würde weiter zurückgehen. Die italienische Oper hatte immer schon eine zweite Heimat in Deutschland und natürlich auch hier in Hamburg.
klassik-begeistert: Lässt sich das auch mit Zahlen belegen?
Carlo Goldstein: In einem Briefwechsel betonte Richard Strauss, dass seinerzeit an den deutschen Opernhäusern anteilig genau so viel Verdi wie Wagner gegeben wurde. Zu Zeiten von Mozart und Rossini hat die italienische Oper den Spielplan gar dominiert.
klassik-begeistert: Das hat die deutsche Orchesterkultur geprägt?
Carlo Goldstein: Ja, Italianità ist auch Teil der DNA und der Geschichte vieler deutscher Orchester. Ein gutes Orchester wie das Philharmonische Staatsorchester Hamburg ist ohnehin in jedem Repertoire zu Hause.
klassik-begeistert: Findet sich umgekehrt deutsche DNA in der italienischen Oper – konkreter, wie viel Wagner steckt in La Traviata?

Carlo Goldstein: Nullkommanull Prozent!
klassik-begeistert: Noch nicht mal ein kleines Leitmotiv?
Carlo Goldstein: Nun, auch Verdi benutzt Leitmotive – vor allem in seinen späteren Opern. Er ist dabei aber stets seinen eigenen Weg gegangen, hat die Leitmotive anders eingesetzt. Bei Wagner waren die Leitmotive Teil der erzählerischen Struktur der Oper, Verdi hat in La Traviata mit seinen Themen zuvörderst Gefühle herausgearbeitet.
klassik-begeistert: Sie sind nicht nur Opernspezialist, sondern haben profunde Kenntnis des riesigen sinfonischen Repertoires. Warum hat Verdi keine ausgewachsene Sinfonie hinterlassen?
Carlo Goldstein: Weil er es nicht wollte, würde ich meinen. Jedenfalls war Verdi mit dem sinfonischen Repertoire bestens vertraut. Wenn Sie zum Beispiel die Ouvertüren zu Luisa Miller, I vespri siciliani und La forza del destino hören: Das sind meisterhafte Miniatur-Sinfonien, die in allen Konzertsälen der Welt gespielt werden.

klassik-begeistert: Und was könnte der Grund sein, dass Verdi uns nur eine Komödie geschenkt hat?
Carlo Goldstein: Da muss ich Sie gleich zweimal korrigieren: Falstaff ist nicht unbedingt bzw. ausschließlich eine Komödie im Sinne einer opera buffa…
klassik-begeistert: …dabei schuf Arrigo Boito das Libretto nach der Komödie The merry wives of Windsor und der Historie King Henry IV. von William Shakespeare…
Carlo Goldstein: Nun, es ist schon eine Komödie, aber eine bittersüße. Ein sehr besonders Meisterwerk.
klassik-begeistert: Und mein zweiter Fehler…?
Carlo Goldstein: Verdis zweite Oper, Un giorno di regno / Il finto Stanislao, war eine opera buffa… vielleicht wäre die Bezeichnung melodramma giocoso noch zutreffender… Und ich würde meinen, in diesem Werk liegt eine Antwort auf Ihre Frage.
klassik-begeistert: Weil die Oper ein Misserfolg war, so dass man sie heute kaum noch kennt?

Carlo Goldstein: Ein Erfolg war die Oper nicht, aber das Schicksal schlug noch viel schlimmer zu… Das Werk wurde am 5. September 1840 uraufgeführt. Kurz zuvor, im Juni 1840, starb seine Frau Margherita Barezzi im Alter von nur 26 Jahren. Bereits im Winter 1838/1839 waren seine Kinder gestorben. All das stürzte Verdi in die schwerste Krise seines Lebens.
klassik-begeistert: Und da hat sich Verdi gedacht: Komödie, das ist nichts für mich…
Carlo Goldstein: … so können Sie sich das vorstellen. Aber es war viel schlimmer, Verdi hätte fast aufgehört, zu komponieren, wollte Lehrer werden…
klassik-begeistert: Zum Glück hat er doch weiter komponiert…
Carlo Goldstein: Zum Glück, seine Hingabe an die Oper war schlussendlich größer… aber eben erstmal keine Komödie mehr. Erst zum Lebensende hin, mit der Weisheit eines der größten Komponisten überhaupt, fühlte sich Verdi in der Lage, eine vielschichtige Komödie zu schaffen.

klassik-begeistert: Sie kommen gebürtig aus Triest, leben in Mailand. Vermissen Sie auf Ihren zahlreichen Reisen Italien?
Carlo Goldstein: Gar nicht, erst recht nicht in einer der schönsten Städte der Welt – Hamburg…
klassik-begeistert: Das mag ich nicht glauben…
Carlo Goldstein: …nun, wenn es hier ein wenig wärmer wäre – das wäre schön, gerade jetzt.
klassik-begeistert: Ihre Dirigate führen Sie um die ganze Welt – zuletzt Kopenhagen, Brüssel, Seoul, Shanghai, Sydney, Berlin, Wien, Bari usf. Was macht für Sie den besonderen Charme von Hamburg aus?
Carlo Goldstein: Der Hafen, ich gehe dort so oft wie möglich entlang und entdecke immer wieder Neues.
klassik-begeistert: Als Italiener gehen Sie sicher stets ausschließlich italienisch essen… oder haben Sie sich in Deutschland getraut, unserer Küche zuzusprechen?
Carlo Goldstein: [lacht] Ja, ich mag die deutsche Küche sehr. Was vielleicht auch daran liegt, dass meine Familie aus Triest kommt, wo die österreichische, aber auch die deutsche Küche von Einfluss waren. Überhaupt versuche ich auf meinen Reisen, die dortige Küche zu entdecken.
klassik-begeistert: Herzlichen Dank für das Gespräch!
Jörn Schmidt, 8. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Interview: kb im Gespräch mit Maestro Carlo Goldstein, Teil I klassik-begeistert.de, 7. Februar 2026
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