Werkstattgespräch: Mendelssohn, Bruckner und die Kunst der Interpretation, Teil III

Interview: kb im Gespräch mit Marek Janowski, Dirigent, Teil III  klassik-begeistert.de, 19. Februar 2026

Foto: Marek Janowski (links im Bild) Copyright by Diana Hillesheim

Im letzten Teil wird das Gespräch mit Marek Janowski konkret und intim: Es geht um einzelne Werke, um interpretatorische Entscheidungen, um den berühmten Beckenschlag in Bruckners Siebter, um Mendelssohns „Schottische“ und Schumanns „Rheinische“.

Janowski öffnet seine musikalische Werkstatt, spricht über die Arbeit mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester, über Probenarbeit und Klangbalance, über Tempo und Phrasierung. Und er wird überraschend persönlich: Seine Distanz zu Mahlers Schumann-Bearbeitungen ist ebenso deutlich wie seine Verehrung für Puccini, seine Zurückhaltung gegenüber Schostakowitsch ebenso spürbar wie seine Liebe zu Bruckner. Ein Werkstattgespräch, das den Dirigenten als Handwerker, Künstler und kompromisslosen Interpreten zeigt – bis zur letzten, melancholischen Frage nach unerfüllten Wünschen.

klassik-begeistert: Sehen Sie Mendelssohns dritte Symphonie als absolute Musik oder eher programmatisch?

Marek Janowski: Für mich ist es überhaupt keine Programm-Musik, sondern absolute Musik.

Ein solch wunderbares Scherzo und dann dieser herrliche, langsame Satz.

Der letzte Satz ist nicht ganz so auf dem hohen Niveau, aber speziell die beiden Mittel-Sätze sind für mich absolute frühromantische Meisterwerke.

klassik-begeistert: Ja, das ganze Stück finde ich, ist so singulär in seinem Schaffen. Und auch seine Einfälle, also wenn man an den Beginn vom 4. Satz mit der hüpfenden Pauke denkt. Ich finde, das ist immer ein ganz besonderer Effekt, das ist so frech. Und das gerade auch im Kontext dieser Zeit.

Herrlich wie die Pauke da so plötzlich so rein geplatzt kommt und dann am Schluss noch diese Coda, die ja fast schon ein Hymnus ist.

Marek Janowski: Die immer zu langsam gemacht wird. Die muss fließen und die darf nicht so einen heiligen Schein oben drauf haben. Das muss ein freundliches Beenden des Werkes sein.

klassik-begeistert: Ja. Keine Patina drauf.

Schauen wir auf das Programm, was Sie hier machen.

Ich habe mir überlegt, in Referenz auf unsere erste Begegnung, ob sie bei den ersten Proben viel sprechen mussten. Sie würden sich ja wünschen, möglichst wenig ansagen zu müssen.

Marek Janowski: Ja, es ist bei Bruckner immer die Problematik, dass sehr oft durch seine Orchestrierung, vor allen Dingen durch ausgehaltene Bläserakkorde die Struktur der Kontrapunktik zugekleistert wird. Und da muss man dem Orchester erst mal zuhören, sehr schnell entscheiden, wer sich da mehr zurückhalten muss.

Und wir haben hier mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester eine wunderbare Arbeitsdisziplin, sehr, sehr konzentriert. Ich merke deutlich, jeder akzeptiert, dass das viele Unterbrechen, einfach notwendig ist. Weil das Resultat dann hinterher Unterschied doch ausmacht.

Und ich weiß gar nicht, da müssten Sie die Kollegen fragen, ob ich hier jetzt viel rede oder nicht so viel rede.

Ich höre zu und mir gefällt irgendwas nicht und ich überlege sofort, was muss ich machen, damit es mir gefällt.

Und so verläuft der Arbeitsvorgang und wie gesagt, deswegen bin ich ja auch wiedergekommen.

Ich war hier vor zwei Jahren und das gesamte Arbeitsambiente habe ich hier sympathisch gefunden und sehr kooperativ.

Und so ist es jetzt eben auch.

klassik-begeistert: Das ist eine feine Grundlage. Ich habe mich sehr gefreut, dass ich dort hinten das paar Becken gesehen habe, also Sie machen die Bruckner Symphonie mit Beckenschlag.

Marek Janowski: Ja, habe ich immer gemacht.

klassik-begeistert: Was bedeutet für Sie dieser eine Becken-Schlag?

Marek Janowski: Das ist eine sehr gute Frage! Für mein Empfinden kann ich mir diesen Höhepunkt ohne Becken-Schlag nicht vorstellen. Und es ist ein ewiger Streitpunkt und es scheint so zu sein, dass es wahrscheinlich der letzte Wille Bruckners war, keinen Becken-Schlag zu verwenden.

Aber selbst wenn es so wäre, möge er mir verzeihen, ich finde der Becken-Schlag gehört auf diesen Höhepunkt.

klassik-begeistert: Ja, das sehe ich ganz genau so. Wenn wir in diesem Zusammenhang an den Kölner Dom denken, dann ist das wie die Domspitze, finde ich. Das ist ein Wendepunkt, wenn der prominent genug klingt. Das ist etwas, was sehr oft nicht gelingt, sehr zu meinem Bedauern. Oft klingt der Becken-Schlag, zu „normal“, ohne Pracht. Zuweilen liegt es daran, dass zu kleine Becken gewählt werden.

Marek Janowski: Die Schlagzeuger kommen heute Abend dran.

Und dann werde ich sehen, was die mir an Becken anbieten.

Und da muss man sich dann auf eine bestimmte, das mache ich in der Pause, dann mit denen auf eine bestimmte Beckenklangfarbe, wenn man das überhaupt mal so sagen kann, festlegen.

klassik-begeistert: Das macht ja einen großen Unterschied, ob der Beckenspieler, wenn er einen prominenten Beckenschlag hat, ob er die Becken vorklingen lässt, indem er die beiden Becken mit den Knien antippt oder nicht.

Marek Janowski: Ich muss mal heute sehen, wie die Musiker das vortragen.

Es darf bei diesem in der Siebten Bruckner, bei diesem Beckenschlag, nicht blechern klingen.

Es muss rund und möglichst dunkel klingen. Das müssen wir heute Abend haben.

klassik-begeistert: Und voll.

Marek Janowski: Ja, genau.

Foto: Copyright by Diana Hillesheim

klassik-begeistert: Wie halten Sie es mit dem, da streiten sich die Musikwissenschaftler ja noch mehr, obwohl es nach neuesten Forschungen sogar jetzt eine relativ eindeutige Antwort zu geben scheint, bei der Vierten Bruckner im vierten Satz am Anfang, wenn es diesen prominenten Tonartenwechsel gibt? Da gibt es auch Versionen, bei denen es einen Beckenschlag gibt.

Marek Janowski: Nee, das habe ich nie gemacht. Der, finde ich, passt auch da überhaupt nicht hin.

klassik-begeistert: Im ersten Teil gibt es das Violinkonzert von Mendelssohn, eines der meist gespielten Violinkonzerte überhaupt. Wenn ich in die letzten zehn Jahre die Konzertprogramme hier in unserer Region betrachte, dann ist kein Violinkonzert so oft gespielt worden.

Marek Janowski: Wurde das Werk mit diesem Orchester auch gespielt?

klassik-begeistert: Ja.

Marek Janowski: Es war der Wunsch der Museumsgesellschaft, die wollten also unbedingt eine Bruckner Symphonie da noch mal haben. Und ich glaube, die Siebte ist hier länger nicht gewesen.

klassik-begeistert: Das ist richtig.

Marek Janowski: Das war dann festgelegt und dann habe gesagt, da muss ja irgendwas dazu.

Wenn ich mich recht erinnere, kam der Wunsch von denen mit Mendelssohn, das passt sehr schön zusammen.

klassik-begeistert: Gibt es ein Werk in diesem Jahr, auf das Sie sich besonders freuen? Es gibt viel Bruckner, wie wir sehen, jetzt gerade in den nächsten Monaten.

Aber gibt es ein Werk, wir haben die Dritte Mendelssohn im New York schon gestreift, noch ein anderes Werk, von dem Sie sagen, da freue ich mich auch, dass ich das nochmal dirigieren kann?

Marek Janowski: Es gibt eine Zweite Brahms, dabei ist die Eroica. In Gewandhaus in Leipzig ist die „Rheinische“ von Schumann noch mal dran, die ich für ein grandioses Stück halte. Und das sie mir nochmal begegnet, finde ich sehr schön.

klassik-begeistert: Schumann hat es Ihnen ja immer schon angetan.

Marek Janowski: Ja, aber besonders, wie ich glaube, wir sind uns einig, der großartigste symphonische Satz, den Schumann geschrieben hat, ist in der zweiten Symphonie der langsame Satz.

Als Gesamtes ist die „Rheinische“ von dieser wunderbaren Stimmung in der ersten Satz. Der zweite Satz kann sich nur in Köln abspielen und der vierte Posaunen Satz natürlich auch. Ich glaube, dass ich auch einen gewissen Zugang habe zu dem Finale in der „Rheinischen“. Dieser ist komplexer und komplizierter. Und wenn man da nicht haargenau am Pult aufpasst, kann der Satz entweder auseinanderfallen oder zu schwer wirken. Und das sollte nicht sein.

Und wenn man dann bei so einem Stück für genügend Proben hat, dann kann man da ganz schön was draus machen.

klassik-begeistert: Haben Sie jemals eigentlich, wo Sie so viel Schumann dirigiert haben, auch die Mahler-Revisionen der Schumann Sinfonien?

Marek Janowski: Nein, um Gotteswillen.

Diese etwas verengte und dichte Instrumentation, die bestimmte Mängel hat, das ist also ganz eindeutig, aber sie schafft aber ein bestimmtes dunkel eingefärbtes Orchesterklangbild. Und wenn Sie da so mit mahlerischen Klangideen darüber gehen, dann verändern Sie die Atmosphäre des Klangbildes. Und das möchte ich nicht.

Ich habe mich damit beschäftigt und Horrible Dictu, ich finde das ganz schrecklich.

klassik-begeistert: Ja, jeder empfindet dies auf seine Art.

Abschließend doch eine Frage zu Ihrem Repertoireerfahrung. Sie haben ja ein riesiges Repertoire dirigiert. Vielleicht ist mein Eindruck falsch. Aber ich habe zum Beispiel nicht so sehr viel Schostakowitsch gefunden. Warum?

Marek Janowski: Das ist ein sehr heikles Thema, dessen genaue Erörterung den Rahmen hier sprengen würde.

klassik-begeistert: Eine letzte Frage.

Gibt es musikalisch einen Wunsch, den sie sich nicht erfüllen konnten, bei all dem was Sie gemacht haben?

Marek Janowski: Ja. Ich bin ein großer Puccini Verehrer und habe auch in meinen ganzen Opernjahren, die gängigen Stücke dirigiert.

Ich hätte gerne mal eine „Manon Lescaut“ dirigiert. Ich hab sie nie dirigiert. Ein grandioses Frühwerk.

„La Fanciulla del West“ habe ich auch nicht dirigiert. Auch ein völlig unterschätztes Werk.

klassik-begeistert: Lieber Herr Janowski, wer weiß, was noch kommt bei Ihnen?

Ich wünsche Ihnen auf jeden Fall jetzt erst mal ganz viel Kraft, Energie und Freude bei all dem was in den nächsten Monaten auf Sie zukommt.

Marek Janowski: Dankeschön.

klassik-begeistert: Vielen Dank, dass wir noch einmal miteinander sprechen konnten.

Marek Janowski: Sehr gerne.

Dirk Schauß, 17. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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