Aus besonderem Holz geschnitzt: Interview mit dem Instrumentenbauer Matthew Farley

Interview mit dem Instrumentenbauer Matthew Farley,  klassik-begeistert.de

 Foto: © Matthew Farley

Matthew Farley wurde im November 1974 in Tennessee geboren. Er wuchs auf in Oklahoma und Georgia, studierte Literatur und Bildende Kunst an der Oglethorpe University in Atlanta. Im Mai 2001 verließ er die Vereinigten Staaten, um einen Job als Englischlehrer anzunehmen und lebte fortan in Europa (zunächst in Polen, dann in Italien). Vier Jahre lang lernte er bei dem italienischen Instrumentenbaumeister Marco Salerno in der Nähe von Rom und assistierte dort beim Bau von über 100 Instrumenten. Heute stellt Matthew Farley hauptsächlich Streichinstrumente für Mittelalter-, Renaissance- und Barockmusik her. Die Viola da Gamba ist seine Spezialität. Im Interview mit Jolanta Lada-Zielke spricht Matthew Farley über seine Arbeit, seine Instrumente und seine Karriere.

Interview von Jolanta Lada-Zielke

Woher kommt Dein Interesse, alte Instrumente zu bauen?

2008 unterrichtete ich eine Gruppe von Studenten in einem Englischkurs an einer kleinen Universität außerhalb von Rom. Einer der Teilnehmer erschien immer mit Holzstaub auf seiner Kleidung. Ich fragte ihn: „Marco, bist du Tischler?“ Er antwortete: „Nein, ich bin Instrumentenbauer.“ Ich dachte, er baut Gitarren und war sofort daran interessiert, weil ich selber Gitarre spiele. Aber er sagte: „Nein, ich mache Geigen, Violen da Gamba, Harfen und Lauten“. Ich besuchte seine Werkstatt. Das war der Anfang, weil mir die Atmosphäre seines Arbeitsplatzes so gut gefiel. Marco hatte etwas Zeit, mir etwas beizubringen, also fing ich an, in seiner Werkstatt zu lernen. Diese Ausbildung dauerte von 2008 bis Ende 2012. Zunächst arbeiteten wir drei Tagen in der Woche und nach einiger Zeit arbeitete ich jeden Tag mit Marco zusammen.

Welches war das erste Instrument, das Du selbst gebaut hast?

Das erste Instrument, das Marco mir beigebracht hat, war eine viersaitige mittelalterliche Geige, deren Bau nicht sehr kompliziert war. Man erwirbt die meisten Fertigkeiten, die man für die größeren Instrumente benötigt, wenn man zuerst die kleineren baut. Natürlich haben wir nicht so viele erhaltene Instrumente aus dem Mittelalter. Die Exemplare, die uns aus dieser Zeit erhalten sind, sind ziemlich schwer; aber das ist wahrscheinlich der Grund, warum sie überlebt haben. Marco war der Meinung, dass wir aus dieser Zeit so wenige Instrumente haben, weil sie im Allgemeinen recht leicht waren. Die Darmsaiten sind in der Regel leichter gespannt und nicht so laut wie die Metallsaiten. Und wenn die Saiten nicht sehr laut sind (im Gegensatz zu Stahlsaiten auf einem modernen Cello, einer modernen Violine oder einer akustischen Gitarre), braucht man ein Instrument, das sehr leicht ist, damit die Saiten so gut wie möglich mitschwingen können. Ein solches Instrument kann viel Klang erzeugen und ist harmonisch reichhaltig.

Als Du Dich als Instrumentenbauer selbstständig gemacht hast – hattest Du keine Angst, dass der Instrumentenmarkt überfüllt ist?

Eines der Dinge, die mir Marco mitgegeben hat, als ich für ihn arbeitete, war, mit ihm zu Musikmessen zu gehen. Wir fuhren zusammen mit seinem Cargo Lastwagen nach Paris, Urbino oder in einen anderen Ort. Ich hatte immer drei oder vier selbstgemachte Instrumente dabei. Marco wollte, dass ich sehe, wie es ist, auf Messen zu gehen und zu versuchen, Instrumente zu verkaufen. Am Anfang war es ziemlich schwierig und ich musste zwei Jobs ausüben, weil ich nicht genug Einkommen aus dem Instrumentenbau hatte, um davon leben zu können.

Es ist schwierig, einen eigenen Platz auf dem Markt zu finden.

Foto: (c) Matthew Farley

Ich habe 2011 angefangen, Ausstellungen für alte Musikinstrumente zu besuchen. 2015 hatte ich schließlich genug Aufträge, um auf meinen ersten Job als Englischlehrer zu verzichten und nur als Geigenbauer zu arbeiten. Es ist schwierig, einen eigenen Platz auf dem Markt zu finden. Manche Hersteller bauen sehr teure Instrumente, bei denen jeder Zentimeter mit Schmuck bedeckt ist, denn das war eine Besonderheit des Barockstils. Viele Leute, die Alte Musik spielen, wollen aber nicht 15.000 Euro für ein Instrument ausgeben. Marcos Philosophie lautete, es ist nur sinnvoll, Menschen mit unterschiedlichem Budget den Kauf von Instrumenten zu ermöglichen, um so die „Demokratisierung“ der Alten Musik zu fördern.

Du hast zweimal an der Ausstellung alter Musikinstrumente in Regensburg während der Tage Alter Musik teilgenommen.

Ich war zweimal dort, habe aber nichts verkauft. Das erste Mal, wenn man zu einer Musikmesse kommt, wird man nicht erkannt. Wenn die Leute einen noch nie gesehen haben, suchen sie auch nicht nach einem und gehen oft vorbei. Aber es gab auch Leute, die neugierig waren: „Wer ist dieser neue Typ? Was hat er da?“ Und diese Neugier brachte sie an meinen Tisch, um etwas zu spielen. Sie hörten auf, mich nur aus der Ferne zu beobachten und ich sollte irgendwann nach Regensburg zurückkommen.

Hast du jetzt mehr Aufträge als früher?

Jetzt bin ich rund um die Uhr beschäftigt, habe eine Warteschlange für Aufträge von einem Jahr oder länger. Mittlerweile kommen auch Kunden, für die ich Reparaturarbeiten erledige. Manchmal bitten mich Musiker, schnell etwas zu reparieren, weil sie eine bevorstehende Aufführung oder ein Konzert in der nächsten Saison haben und sie brauchen diese Instrumente so schnell wie möglich zurück. In diesem Fall kann ich die Zeitlücken zwischen meinen Aufträgen mit diesen Notfalljobs füllen.

Aus welchen Ländern kommen Deine Kunden?

Im Moment kommt ungefähr die Hälfte meiner Kundschaft aus Polen, die andere Hälfte aus verschiedenen Ländern: England, Deutschland, Spanien, aus den Vereinigten Staaten und Australien. Ich verkaufte auch ein paar Geigen nach Belgien. Letztens hatte ich Aufträge aus Hongkong und aus Südamerika. Viele Leute suchen nach Instrumenten und finden bei mir die richtige Qualität und die richtige Preisleistung.

Kommen die Kunden persönlich zu Dir oder schickst Du die Instrumente an sie?

Es kommt darauf an. Die Europäer machen gerne einen Ausflug nach Krakau, weil die Verbindung ziemlich gut ist. Wenn ich ein Instrument schicken muss, packe ich es in eine Box mit viel Verpackungsmaterial, um es zu schützen. Ich habe keine großen Probleme damit, ein Instrument per Post zu versenden.

Deine Spezialität ist die Viola da Gamba?

Ja, viele polnische Studenten brauchen eine Viola da Gamba und nehmen Kontakt mit mir auf, weil ihre Lehrer meine Instrumente ausprobiert und ihren Klang gelobt haben. Der Preis ist auch gut und ich bin vor Ort. Wenn sie eine Änderung benötigen, um ihr Instrument besser spielen zu können, ist es für sie ziemlich einfach, mit dem Zug oder mit dem Bus nach Krakau zu kommen. Meine Schwerpunkte sind Violen da Gamba und Geigen, aber für Reparaturarbeiten bringt man mir alle Arten von Instrumenten. Zur Zeit muss ich eine Laute reparieren und ich arbeite an der Restaurierung einer Wiener Violone, die ein Vorläufer des Kontrabasses ist. Kürzlich kam ein Musiker aus Syrien zu mir, der in Krakau lebt, und bat um einige Reparaturen an seinem Oud. Die Rückseite dieses Instruments wurde bei einem Unfall zerschlagen und ich musste die Teile wieder zusammensetzen. Beim zweiten Mal war sein Hals abgebrochen und ich befestigte ihn wieder.

Musiker und Instrumentenbauer passten sich an die Mode der damaligen Zeit an.

Zur Zeit mache ich einen Hals an einer englischen Geige für einen Kunden aus Deutschland. Das Instrument stammt von einem englischen Hersteller namens Barack Norman. Die meisten dieser Instrumente kommen aus dem 17. Jahrhundert, aber er hätte gerne sieben Saiten anstatt der traditionellen sechs. Während des 18. Jahrhunderts gab es in Frankreich einen großen Markt für Instrumente aus England, da die Popularität der Viola da Gamba dort zu dieser Zeit abnahm. Die französischen Hersteller fügten die siebte Saite des Instruments hinzu. Das mag der Grund dafür sein, dass es nicht so einfach ist, englische Gamben zu finden, die nicht auf irgendeine Weise verändert wurden. Musiker und Instrumentenbauer passten sich an die Mode der damaligen Zeit an.

Spielt man auf diesen Instrumenten auch Bach oder eher frühere Musik?

Foto: (c) Matthew Farley

Ich bin kein Experte für das gesamte Repertoire der Viola da Gamba, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es Kompositionen von Bach für Viola da Gamba gibt. Das sind Sonaten, wenn ich mich richtig erinnere. (Anm.: Drei Sonaten für Viola da Gamba und Cembalo, BWV 1027-1029) Auf jeden Fall gibt es ein Album von Paolo Pandolfo, der Bachs Cellosuiten mit der Viola da Gamba spielt. Die Geschichte der Gambe reicht jedoch weiter zurück, bis in die Renaissance. Die ersten Beispiele von Violen aus dieser Zeit finden sich in Gemälden. Es gibt auch eine große Sammlung von Renaissance-Musikstücken von Komponisten wie Ortiz und Gibbons. Viel Musik für Viola da Gamba wurde in Spanien, Italien und England komponiert. Etwas später breitete sich dieses Instrument weiter aus und kam nach Frankreich und Deutschland. Zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten stieg und sank die Popularität der Gamben. Die ersten Bilder mit Gamben wurden Ende des 15. Jahrhunderts in Spanien gemalt. Die Verbreitung dieses Instruments wird mit der Auswanderung der Juden aus Spanien assoziiert. Nach 1492 verließen viele jüdische Musiker das Land mit ihren Instrumenten, als man sie vor die Wahl stellte, entweder zum Christentum zu konvertieren oder auszuwandern. Die jüdische Diaspora verbreitete sich und beeinflusste die Musikkultur zuerst in Italien, später in Frankreich und in England. In Deutschland gab es den wohl bekanntesten Barockinstrumentenbauer Joachim Tilke, der im 18. Jahrhundert in Hamburg lebte. Seine Instrumente sind wirkliche Kunstwerke, weil praktisch jede Oberfläche mit Dekoration bedeckt ist. Ich würde gerne einmal nach Hamburg kommen, um seine Sammlung im Museum für Kunst und Gewerbe zu sehen. Bisher habe ich nur Bücher mit Fotos seiner Instrumente gekauft. Ich finde sie wunderschön.

Benötigst Du für jedes Instrument eine spezielle Art Holz?

Einige Holzarten sind besser als andere. Es herrscht seit Langem die Überzeugung, dass man aus Ahorn oder Bergahorn die besten Instrumente baut. Das war die Meinung der Geigenbau-Community in der Nähe von Cremona. Man glaubte, dass man das Ahornholz von den Bäumen verwenden sollte, die auf der schattigen Seite der Alpen wachsen. Auf der Schattenseite dauert es lange, bis die Bäume groß werden. Ihre Wachstumsringe sind dann sehr eng beieinander, was das Holz robust und stabil macht. Im 16. und 17. Jahrhundert gab es einige große Geigenbauer wie Gasparo da Salo, Amati und Stradivari. Aber einige hundert Jahre später schränkten sich die Dinge „in der Geigenwelt“ ein. Man meinte, dass die Instrumentenbauer sich nur die großen Meister zum Vorbild nehmen und nur Kopien ihrer Instrumente anfertigen sollten – obwohl die meisten Instrumente im Vergleich zum Original stark verändert wurden!

Die Instrumentenbauer hatten unterschiedliche Vorstellungen von der Form und Größe ihrer Instrumente sowie von den Materialien, aus denen sie hergestellt werden sollten.

Die Viola da Gamba hingegen entwickelte sich und existierte eine ganze Weile in der Welt, da es keinen allgemeinen Standard gab. Die Instrumentenbauer hatten unterschiedliche Vorstellungen von der Form und Größe ihrer Instrumente sowie von den Materialien, aus denen sie hergestellt werden sollten. Der französische Hersteller Michel Collichon baute einige Instrumente aus spanischer Zeder- einem Zigarrenkistenholz. Ein anderer Hersteller Nicolas Bertrand verwendete gleichzeitig Cashewholz. Es gab eine Tradition, Obsthölzer zu verwende: Birne, Pflaume, Kirsche und so weiter. Und ich finde, aus dem Holz der Obstbäume kann man schöne Instrumente fertigen: Sie sind leichter als diejenigen aus Ahornholz und verfügen über einen lebendigeren Klang.

Wie kann man herausfinden, wie die Instrumente in der Vergangenheit klangen?

Wir können uns die Instrumente ansehen, die in Museen oder Privatsammlungen aufbewahrt werden. Aber selbst dann müssen wir noch einige fundierte Vermutungen darüber anstellen, da die meisten dieser Instrumente geöffnet und verändert wurden. Zum Beispiel haben wir im Nationalmuseum in Krakau einige schöne Gamben, die Marcin Groblicz im 17. Jahrhundert herstellte. Aber all diese Groblicz-Gamben sind Opfer der musikalischen Mode geworden. Irgendwann wurde die Viola da Gamba altmodisch, da immer mehr Leute moderne Streichinstrumente spielen wollten. Und die armen Groblicz-Instrumente wurden von der Viola da Gamba zum Cello umgebaut. Der Hals der Viola wurde abgeschnitten, der Winkel geändert und die Dicke und Breite des Halses wurden ebenfalls verringert. Das Innere des Instruments wurde wahrscheinlich geöffnet, um mehr strukturellen Halt zu bieten und mehr Druck auszuüben, da das Cello normalerweise einen höheren Steg, schwerere Saiten und einen steileren Halswinkel hat.

Einige Musiker oder Ensembles spielen Musik mit Deinen Instrumenten und haben auch CDs damit aufgenommen?

Ja, es gibt einige Gruppen und Musiker, die CDs aufgenommen haben. Bei diesen glücklichen Gelegenheiten erhalte ich einen Link zu einem Video auf YouTube oder auf Facebook, manchmal bekomme ich auch eine CD geschenkt. In Holland gibt es das Ensemble „Imbue“, das eine von meinen Geigen spielt. Die Renaissance-Band „Piva“ aus Großbritannien verwendet eine meiner Renaissance-Violen. In den USA gibt es eine Musikerin, die sich „Erutan“ nennt. Sie macht Volksmusik und mittelalterliche Musik mit einer von meinen Geigen, was ganz nett klingt.

Wenn sich kein Stimmstock im Inneren befindet, ist der Klang des Instruments weicher und nasaler.

Der Leiter des deutschen Ensembles LALA HÖHÖ ließ bei mir drei Renaissance-Violen in Auftrag geben: eine Tenor-, eine Bass- und eine große Bass-Viola in A – alles nach originalen venezianischen Instrumenten, die sich derzeit in Wien befinden. LALA HÖHO wird nächstes Jahr mehrere Konzerte mit den Instrumenten spielen. Und diese Violen haben seltsamerweise keinen Stimmstock im Inneren. Der Stimmstock ist ein Holzstück im Instrument, der den Klang vom Hals auf den Rest des Instruments überträgt. Wenn sich kein Stimmstock im Inneren befindet, ist der Klang des Instruments weicher und nasaler. Aber ich finde, dass die Violen sehr gut zu gedämpften Instrumenten wie Clavichords und Lauten passen.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Jolanta Lada Zielke, Hamburg, für
klassik-begeistert.de

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