Musik als Hoffnungsträger: Kian Soltani  lässt das Cello singen – und Mahler strahlt

Kian Soltani, Solist, WDR Sinfonieorchester, Cristian Măcelaru  Alte Oper Frankfurt, 28. Januar 2026

Kian Soltani © Marco Borggreve

Dieser Abend zeigte, was möglich ist, wenn Neugier, Können und Vertrauen zusammenfinden. Kian Soltani überzeugte als Solist mit innerer Haltung. Cristian Măcelaru bewies seine besondere Nähe zu Mahler und zum Orchester. Und das WDR Sinfonieorchester Köln spielte mit einer herrlichen Hingabe, die ansteckte. Musik kann die Welt nicht verändern. Aber sie kann für ein paar Stunden zeigen, wie sie sein könnte.

Pjotr I. Tschaikowsky – Nocturne d-Moll CS 349 für Violoncello und Orchester, Bearbeitung des Nocturne cis-Moll op. 19,4 CS 115 (1873)

Pjotr I. Tschaikowsky – Variationen über ein Rokoko-Thema A-Dur op. 33 CS 59 für Violoncello und Orchester

Gustav Mahler – Sinfonie Nr. 5 in cis-Moll (1904)

Kian Soltani, Solist

WDR Sinfonieorchester
Cristian Măcelaru, Dirigent

Alte Oper Frankfurt, 28. Januar 2026

von Dirk Schauß

Es gibt Konzertabende, die mehr wollen, als ein Programm korrekt abzuspielen. Abende, die innere Prozesse sichtbar machen, ästhetische Haltungen offenlegen und Persönlichkeiten sprechen lassen. Dieser gehörte dazu. In der Alten Oper Frankfurt verbanden sich russische Spätromantik und sinfonischer Aufbruch, intime Rentabilität und orchestrale Wucht. Das WDR Sinfonieorchester Köln unter Cristian Măcelaru begegnete mit Kian Soltani einem Solisten, der Musik nicht ausstellt, sondern befragt. Tschaikowsky und Mahler erschienen dabei nicht als historische Monumente, sondern als Suchende.

Schon die Programmdramaturgie verriet Sorgfalt. Zwei Werke Tschaikowskys, beide eng mit dem Violoncello verbunden, eröffneten den Abend: die Nocturne d-Moll op. 19 Nr. 4 in der Orchesterfassung und die Rokoko-Variationen A-Dur op. 33. Im zweiten Teil folgte Gustav Mahlers fünfte Sinfonie, ein Werk des Übergangs und der Neuorientierung. Was zunächst wie ein Kontrast wirkte, entfaltete sich im Konzert als innere Verwandtschaft: Musik als Balance zwischen Formbewusstsein und emotionalem Risiko.

Die Nocturne d-Moll hat eine stille, beinahe intime Geschichte. Ursprünglich als Klavierstück komponiert, gehört sie zu Tschaikowskys op. 19, einer Sammlung kurzer Charakterstücke. Erst auf Anregung seines engen Freundes, des deutschen Cellisten Wilhelm Fitzenhagen, arrangierte der Komponist das Werk später für Violoncello und Orchester. Dabei blieb der Grundton erhalten: kein virtuoses Schaustück, sondern ein lyrischer Monolog, getragen von sanfter Melancholie. Gerade diese Zurückhaltung macht den Reiz des Werkes aus. Es sucht nicht den großen Bogen, sondern die leise Zwiesprache.

Kian Soltani näherte sich diesem Stück ohne jede Pose. Sein Spiel war von Beginn an auf Dialog angelegt. Das Solocello schwebte über einem fein gesponnenen Streicherteppich, aus dem sich immer wieder Holzbläserstimmen lösten. Besonders das Wechselspiel mit Fagott, Horn und Flöte erhielt kammermusikalische Qualität. Cristian Măcelaru hielt das Orchester bewusst transparent, ließ Raum für kleine Verschiebungen, für Atmen und Nachgeben. Soltani formte die langen Bögen mit einer Kantabilität, die tatsächlich an eine menschliche Stimme erinnerte: warm, ruhig, leicht fragend. Nichts wurde ausgestellt, alles schien selbstverständlich. Die Nocturne entfaltete sich so als leise Kostbarkeit, die im Konzertbetrieb viel zu selten zu hören ist.

Mit den Rokoko-Variationen wechselte der Tonfall, ohne den inneren Zusammenhang aufzugeben. Tschaikowsky schrieb dieses Werk bewusst als stilistische Rückwendung. Seine tiefe Verehrung für Mozart, den er für Leichtigkeit, Klarheit und Natürlichkeit bewunderte, findet hier unmittelbaren Ausdruck.

Das Thema ist schlicht, anmutig, und bildet die Grundlage für eine Folge von Variationen, die weniger auf dramatische Zuspitzung als auf Eleganz und Formbewusstsein zielen. Auch dieses Werk ist untrennbar mit Wilhelm Fitzenhagen verbunden, der nicht nur den Solopart prägte, sondern die heute gängige Fassung entscheidend mitgestaltete – eine Bearbeitung, die Tschaikowsky akzeptierte, obwohl die originale, vom Komponisten selbst revidierte Version in jüngerer Zeit wieder häufiger erklingt und die Diskussion um Authentizität neu entfacht hat. Dass Tschaikowsky diese Eingriffe akzeptierte, spricht für sein Vertrauen in den Musiker und für seinen pragmatischen Umgang mit dem eigenen Werk.

Soltani machte aus den Rokoko-Variationen keine Virtuosenparade. Technische Brillanz war selbstverständlich vorhanden, doch sie stand nie im Vordergrund. Jede Variation erhielt ihren eigenen Charakter. Tänzerische Leichtigkeit wechselte mit lyrischer Innigkeit, spielerische Eleganz mit konzentrierter Ruhe. Besonders auffällig war die Natürlichkeit, mit der Soltani selbst die heiklen Passagen bewältigte. Doppelgriffe, schnelle Läufe in hoher Lage, delikate Artikulation – all das wirkte organisch, nie erzwungen. Das Cello schien nicht überwunden zu werden, sondern sprach intensiv in feinsten Abstufungen.

WDR Sinfonieorchester © WDR/Klüsserath

Das WDR Sinfonieorchester erwies sich dabei als idealer Partner. Sehr präsent, aufmerksam und flexibel, stets im Dialog mit dem Solisten. Măcelaru hielt die Balance zwischen klassischer Transparenz und romantischer Wärme. Die historische Nähe des Werks zur Mozart-Tradition wurde spürbar, ohne dass die Musik trocken oder akademisch klang. Der Applaus nach der letzten Variation war entsprechend herzlich und unmittelbar.

Die Zugabe setzte einen stillen, tief bewegenden Akzent. Soltani spielte das persische Volkslied „Das Mädchen von Shiraz“ in der Bearbeitung von Reza Vali und widmete es den Menschen im Iran, die derzeit unter Einsatz ihres Lebens für ihre Freiheit kämpfen. Ohne Pathos, ohne große Worte. Die Melodie war schlicht, beinahe archaisch – eine Melodie, die Soltani bereits auf seiner Debüt-CD „Home“ zusammen mit Aaron Pilsan eingespielt hat und die er in verschiedenen Konzerten als berührende Botschaft einsetzt. Gerade dadurch traf sie. Unterstützt wurde Soltani von zwei Cellisten des Orchesters, die für eine tiefe Grundierung sorgten. Für einen Moment schien der Saal den Atem anzuhalten. Musik als Hoffnungsträger, wissend um ihre Grenzen, und doch unverzichtbar.

Cristian Măcelaru © WDR/Thomas-Brill

Nach der Pause dann Gustav Mahler. Seine fünfte Sinfonie markiert eine Zeitenwende in seinem Schaffen. Der Abschied von der rein programmatischen Sinfonik, der Schritt hin zu einer komplexeren, innerlich zerrissenen Tonsprache. Für Dirigenten ist dieses Werk eine Herausforderung von besonderem Rang. Cristian Măcelaru zeigte vom ersten Moment an, dass er diese Musik aus tiefem Verständnis heraus formt. Er ließ sie tatsächlich aus dem Nichts entstehen. Ein kaum wahrnehmbares Zeichen, und der selbstsichere Solo-Trompeter begann. Frei, scharf konturiert, spannungsvoll. Die Atmosphäre war sofort geladen.

Der Trauermarsch des ersten Satzes hatte Gewicht und Richtung. Die Akzente waren hart, der Klang dicht, die Vehemenz ungebremst. Măcelaru scheute nicht das Risiko. Er ließ das Orchester in die Extreme gehen, ohne die Struktur zu verlieren. Alles hatte Ziel, alles Dringlichkeit.

Der zweite Satz steigerte diese Energie noch einmal. Mahler verlangt hier die „größte Vehemenz“, und das Orchester setzte sie um. Die Musiker spielten mit einer Intensität, als stünde alles auf dem Spiel. Măcelaru legte die Schichten frei und ließ die Musik dennoch hochkochen. Verblüffend seine gewählten stimmigen Tempi und das Ausreizen der Dynamik.

Das Scherzo öffnete einen anderen Raum. Ironie, Lebenslust und Sehnsucht hielten sich die Waage. Der Einsatz des Solo-Horns wurde zum magischen Moment. Mit weitem Atem und warmem, ungemein vollem Klang (Kompliment an die Solistin!) entführte es das Publikum an einen unwirklichen Ort. Frieden, zumindest für einen Augenblick.

Das Adagietto, oft sentimental missverstanden, erklang als das, was es ist: eine Liebeserklärung. Mahler schrieb diesen Satz für Alma, und Măcelaru nahm diese Intimität ernst. Als ehemaliger Geiger hatte er ein feines Gespür für die Nuancen der Streicher. Die Herausforderung, minimale Farbunterschiede hörbar zu machen, meisterte das Orchester mit großer Noblesse. Die Harfe fügte sich selbstverständlich ein, die Phrasen blieben klar, der Ausdruck intensiv, aber nicht überzuckert.

Im Finale bündelten sich schließlich alle Kräfte. Die zuvor aufgebauten Spannungen lösten sich nicht einfach, sie verwandelten sich. Măcelaru führte das Orchester sicher durch die komplexen Verläufe und ließ den Schlusschoral strahlen, ohne ihn zu glätten. Der Jubel war groß, ehrlich und anhaltend.

Dieser Abend zeigte, was möglich ist, wenn Neugier, Können und Vertrauen zusammenfinden. Kian Soltani überzeugte als Solist mit innerer Haltung. Cristian Măcelaru bewies seine besondere Nähe zu Mahler und zum Orchester. Und das WDR Sinfonieorchester Köln spielte mit einer herrlichen Hingabe, die ansteckte. Musik kann die Welt nicht verändern. Aber sie kann für ein paar Stunden zeigen, wie sie sein könnte.

Dirk Schauß, 29. Januar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

WDR Sinfonieorchester, Cristian Măcelaru, Kian Soltani, Solist Kölner Philharmonie, 23. Januar 2026

Mahler, Sinfonie Nr. 3, WDR, Măcelaru Kölner Philharmonie, 1. November 2024

WDR Sinfonieorchester, Cristian Măcelaru, Kian Soltani Kölner Philharmonie, 20. Oktober 2023

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