© Diana Hillesheim
Ludwig van Beethoven: Sinfonie Nr. 6 F-Dur „Pastorale“ op. 68
Leonard Bernstein: Sinfonie Nr. 2 „The Age of Anxiety“
Solist: Kirill Gerstein, Klavier
Frankfurter Opern- und Museumsorchester
Thomas Guggeis, musikalische Leitung
7. Museumskonzert , Alte Oper Frankfurt, 9. März 2026
von Dirk Schauß
Es ist ein gewagter Spagat, den Thomas Guggeis am Montagabend in der Alten Oper Frankfurt wagt: Er spannt den Bogen von der idyllischen Naturflucht eines Ludwig van Beethoven hin zur urbanen Existenzangst eines Leonard Bernstein. Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester folgt ihm dabei in eine klangliche Welt, die zwischen mikroskopischer Präzision und rauschhafter Ekstase changiert.
Beethoven im Reagenzglas
Beethovens Sechste, die „Pastorale“, wird an diesem Abend zu einer anatomischen Studie. Wie schon bei seiner jüngsten Auseinandersetzung mit der „Alpensinfonie“ offenbart der Dirigent ein gewisses Fremdeln mit dem Wesen programmatischer Musik. Guggeis nähert sich der Partitur weniger mit dem breiten Pinsel eines romantischen Landschaftsmalers als mit dem Skalpell eines Naturwissenschaftlers. Er legt Strukturen in allen Verästelungen frei, die in spätromantischen oder „historisch informierten“ Interpretationen oft im weichen Mischklang untergehen: polyphone Linien in den Mittelstimmen, schroffe harmonische Reibungen, abrupte dynamische Kontraste. Beethoven klingt hier wie unter dem Mikroskop – kühl seziert, kristallklar, ja entrückt.

Zugegeben: Diese Transparenz und die freigelegten Details sind spannend. Doch um welchen Preis? Denn die emotionale Wärme der Partitur bleibt auf der Strecke. Die „Szene am Bach“ im zweiten Satz fließt nicht organisch dahin, sondern wirkt wie eine stehende, erstarrte Wasserfläche – die Sechzehntelbewegungen in Streichern und Holzbläsern sind präzise, aber ohne echten Atem. Der Bauerntanz im dritten Satz wirkt in seinen Akzentuierungen reichlich inszeniert, nicht wirklich volkstümlich-naiv. Das Gewitter im vierten Satz entfaltet keine archaische Urgewalt; Pauken und Blech blasen grollen kontrolliert und pflichtschuldig, die Donnerschläge bleiben gezähmt. Wo man explosive Entladung erwartet, hört man eher methodisches Donnergrollen.
Guggeis’ überbordender Körpereinsatz am Pult – ausladende, zuweilen fuchtelnde Gesten, permanente dirigierende Fingerzeige in jede Sektion – scheint das erfahrene Orchester streckenweise eher zu bremsen als zu beflügeln. Kleine Ungenauigkeiten schleichen sich ein: leichte Verschiebungen bei den Hörnern, winzige Schwankungen in den Streichern beim Zusammenspiel. Bei einem Klangkörper dieser Qualität gilt oft: Weniger Führung schafft mehr Freiheit. Der abschließende Hirtengesang ist kantabel und sorgfältig phrasiert, wirkt in dieser überkontrollierten Umgebung aber emotional ausgeblutet und reichlich asketisch.

Ein psychologisches Intermezzo ohne echte Erhellung
Vor dem zweiten Teil wagt das Podium ein fragwürdiges Experiment: das „ZwischenSpiel“ mit dem Psychiater Prof. Dr. Andreas Reif zum Thema „Furcht, Angst, Unsicherheit – Impulse aus der Musik“. Die Intention, die beiden Werke nicht nur musikalisch, sondern auch thematisch zu rahmen, ist löblich – gerade in einer Zeit, in der Existenzängste wieder virulent sind. Das Gespräch bleibt jedoch oberflächlich und wirkt dadurch deplatziert. Reif diagnostiziert in Bernsteins späteren, herrlich tröstlichen Klarinettenkantilenen bereits Angst, wo viele Hörer eher eine schützende, wiegende Umarmung hören. Die Subjektivität solcher Deutungen wird hier schlaglichtartig deutlich, ohne dass das Gespräch neue Einsichten in die Partituren oder den Abend selbst eröffnet. Es bleibt ein netter, aber entbehrlicher Einschub.
Bernstein krönt den Abend
Nach der Pause wechselt die Temperatur schlagartig. Leonard Bernsteins zweite Sinfonie „The Age of Anxiety“ (nach W. H. Audens Gedicht) scheint Guggeis’ analytischem Geist deutlich besser zu liegen als Beethovens pastorale Weltflucht. Wo Beethoven die Natur als heilsame Antwort auf den Krieg suchte, beschreibt Bernstein das Vakuum danach: das zerklüftete Lebensgefühl der späten 1940er Jahre, die Suche nach Halt in einer Welt, die ihre metaphysischen und politischen Gewissheiten verloren hat. Und hier wird Guggeis’ Detailverliebtheit zur unbestrittenen Tugend.

Die 36 Minuten quellen über vor Ideen – Jazz-Elemente, Strawinsky-Anklänge, Gershwin-Reminiszenzen, bitonale Schärfen – und wirken durch ihre Dichte locker wie eine volle Stunde. Gemeinsam mit Pianist Kirill Gerstein taucht er tief in diese urbane Szenerie ein. Gerstein agiert am Flügel mit einer Souveränität, die beeindruckt: Er meistert den eklektischen Mix mit traumwandlerischer Sicherheit, wechselt mühelos zwischen eruptiver Virtuosität und pastellfarbener Zartheit. Besonders in den leisen Passagen (etwa im „Seven Ages“-Abschnitt oder den ruhigen Dialogen mit den Holzbläsern) beweist er eine sanfte Anschlagskultur – die Töne perlen, schweben, atmen.
Während Guggeis am Pult zeitweise noch mit der Balance zwischen Kontrolle und freiem Fluss rang (manche Übergänge wirkten etwas verkantet), war es vor allem Gerstein, der dem Abend eine emotionale Erdung verlieh. Er füllte die analytisch vorgetragenen Orchesterpassagen mit menschlicher Wärme und schuf so das ruhende Zentrum in Bernsteins ideenreicher Musikflut.

Am Ende war es dieses Zusammenspiel aus Gersteins souveräner Gelassenheit und der hellwachen Präzision des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters, das den Bernstein-Teil zum eigentlichen Erfolg machte. Beethovens Naturidylle blieb unter dem Seziermesser des Dirigenten emotional blass; in der modernen Großstadt-Psychologie fand das Ensemble seine wahre Bestimmung. Ein langanhaltender, begeisterter Applaus für einen Abend, der kühl und distanziert begann, aber in einer gleißenden, geradezu ekstatischen Apotheose endete.
Dirk Schauß, 10. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at