Madama Butterfly Volkstheater Rostock 1. Akt © Thomas Ulrich
Die Sat.1 Doku-Soap „Hochzeit auf den ersten Blick“ stand Pate für eine mit neuen Sichtweisen gespickte Version des Werkes vom Komponisten aus Lucca – Klassik und Moderne müssen sich nicht unbedingt zu Gegensätzen offenbaren – ein Abend in Rostock voller Emotionen, ironischer Unterhaltung, Dramen und vor allem musikalischen Höhepunkten.
von Patrik Klein
Puccinis Meisterwerk Madama Butterfly zählt sicher zu den am häufigsten gespielten Werken des gesamten Opernrepertoires.
Der Komponist setzte sich in dem 1904 uraufgeführten Werk mit dem Verhältnis zwischen den kapitalistischen westlichen Staaten, vertreten durch die Vereinigten Staaten, und einem exotisch-verklärten Traditionsland aus dem fernen Osten auseinander.
In der erzählten Geschichte vertreibt sich der amerikanische Marinesoldat Pinkerton die Zeit seines Aufenthalts in Nagasaki mit der jungen Japanerin Butterfly. Für ihn ist es lediglich eine Affäre, für das junge Mädchen allerdings die große Liebe. Wie diese Geschichte ausgeht, wissen wir alle, denn wer hat diese Oper noch nicht erleben dürfen?
Oder ging sie in Rostock vielleicht anders aus?
Diese Oper über ein intensives Beziehungsdrama, über das Aufeinanderprallen zweier Welten, welche in vielerlei Hinsicht, aber vor allem in kultureller, zwei krasse Gegenpole darstellt, zählt zu recht zu den Favoriten im Spielplan eines jeden Opernhauses. Denn da ist neben der zeitlosen Handlung ja auch noch die berührende Musik Puccinis, die zentrale Motive wie Liebe, Trauer und Hoffnung durch Gegenüberstellung von westlichen mit fernöstlichen Klängen auszeichnet. Puccinis herzzerreißendes Meisterwerk malt mit unvergesslichen Melodien und zartem Lokalkolorit das Bild einer starken Frau, die für ihre Liebe alles auf’s Spiel setzt und schließlich durch Selbstmord stirbt.
Am Volkstheater Rostock hatte man die junge finnische Regisseurin Anna Kelo engagiert, die durch den in der Presse und vom Publikum gefeierten Ring des Nibelungen an der Finnischen Nationaloper Helsinki bekannt wurde und in Rostock ihr Deutschland-Debut gab. Sie beleuchtete das klassische Opernwerk in zeitgenössischer Erzählweise neu. Dabei tauschte sie den Ort der Handlung, das historische Japan, aus gegen eine moderne Reality Fernsehwelt. Das Format ähnelte in frappierender Weise der Doku-Soap „Hochzeit auf den ersten Blick„, die seit mehr als zehn Jahren auf Sat.1 ausgestrahlt wird und Brautpaare auf Probe für ein paar Wochen begleitet und danach die Entscheidung ansteht, ob die Ehe weiter bestehen soll oder wieder geschieden wird.
Der Regietheatermuffel ging wohl bereits nach Erscheinen der ersten szenischen Pressefotos in Deckung und wand sich kopfschüttelnd ab.
Aber keine Angst, denn die junge Regisseurin traute sich dann scheinbar doch nicht, die Idee mit der TV Soap konsequent umzusetzen. Man gewöhnte sich schnell an die mit filmende Crew und die ein oder andere unterstützende Kleinigkeit der Szenendetails. Im zweiten Akt fehlte der heimliche Beobachter sogar gänzlich. Was wäre gewesen, wenn am Ende die beiden Protagonisten die Kohle für den Dreh eingestrichen hätten und gemeinsam auf die Malediven geflohen wären? Da hatte die Regisseurin doch einiges an Möglichkeiten liegen gelassen. Der Schluss war etwas anders als gewohnt, denn Cio-Cio-San ließ den Dolch liegen und schritt zur famosen Musik Puccinis im optimistischen Tonica Modus durch das die Bühne bestimmende Torii Tor in die Ewigkeit?
Das Bühnenbild von Tinde Lapalainen war geprägt von diesem dominierenden Torii Tor, beleuchtetem metallenem Herz, schmucken knallbunten Kostümen und natürlich der Kamera der beinahe ständig begleitenden Leute vom Filmset.
Musikalisch sorgten beachtliche Stimmen und ein feine Farben versprühendes Orchester für einiges an Wohlklang und Gänsehautmomenten.

Natürlich muss die Titelheldin, die koreanische Sopranistin Hye Won Nam, zu allererst genannt werden. Man durfte sie beinahe als Idealbesetzung für diese Rolle empfinden. Es gelang ihr, die Entwicklung der Cio-Cio-San von Anmut und Leichtigkeit bis hin zu tiefer Verzweiflung und dunkler Bitterkeit musikalisch und schauspielerisch nachvollziehbar zu gestalten. Ihr dramatischer Sopran verfügte über Kraft und emotionale Tiefe sowie einem breiten Farbspektrum. Auch wenn ihr ein paar Spitzentöne leicht aus dem Fokus liefen, formte sie scheinbar mühelos sanfte, lyrische Töne, wechselte aber extrem ausdrucksstark zu den dramatischen Passagen, die die Tragik ihrer Rolle emotional unterstrichen.
Der Mexikaner Adam Sánchez, Ensemblemitglied des Volkstheaters Rostock, war ihr absolut ebenbürtig. Sein kräftiger Spinto Tenor verkörperte überzeugend sowohl die anfängliche unsympathische Arroganz als auch die spätere, tiefe Reue der Figur. Mit stimmlicher Durchschlagkraft und sicherer, strahlender Höhe gerieten die dramatischen Ensembles auch bei Puccinis reicher Orchestrierung mühelos. Auch zu Beginn führte er seine Stimme mit lyrischem Schmelz und machte zunächst seine Faszination und Zuneigung zu Cio-Cio-San glaubhaft. Die leidenschaftlichen Momente des Liebesduetts am Ende des ersten Akts gerieten vorzüglich. Besonders im dritten Akt in der Arie „Addio, fiorito asil“ (Leb wohl, du holdes Heim) wandelt sich seine Haltung in tiefe Emotion, Verzweiflung und ehrlicher Reue über die von ihm verursachte Tragödie.
Aus dem bestens disponierten Ensemble ragte zudem noch eine Stimme heraus, die nicht ungenannt bleiben kann. Die Suzuki der Mezzosopranistin Anna Werle war geprägt durch emotionale Klugheit, Loyalität und Realismus. Sie wechselte zwischen lyrischem Schönklang und leidenschaftlicher, beinahe sprechähnlicher Deklamation, die die mitleidende und hellsichtige Beziehung zu ihrer Herrin glänzend unterstrich.
Die Norddeutsche Philharmonie Rostock unter der Leitung des neuen ersten Kapellmeisters Svetlomir Zlatkov gelang in der von mir besuchten Aufführung eine herausragende Interpretation mit einer feinen Balance zwischen Sensibilität und Dramatik. Die durchgehende, symphonische Musiksprache, in der Gesang und Orchesterklang nahtlos ineinander übergehen sollten, wurden von ihm als integralen Teil der dramatischen Erzählung mit einer reichen Palette an Klangfarben und dynamischen Nuancen behandelt. Er stellte die reiche Orchestrierung, die expressive Tiefe und die kulturellen Feinheiten des Werkes mit emotionaler Intensität im nahezu ausverkauften Haus dar.

Das Publikum im Volkstheater Rostock ging begeistert mit und feierte alle Mitwirkenden mit frenetischem Applaus und Bravo Rufen.
Patrik Klein, 20. Dezember 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Oper Rostock, 19. Dezember 2025
Madama Butterfly
Tragedia giapponese in drei Akten von Giacomo Puccini
Musikalische Leitung: Svetlomir Zlatkov
Inszenierung: Anna Kelo
Bühne und Kostüme: Tinde Lappalainen
Choreinstudierung: Csaba Grünfelder
Cio-Cio-San: Hye Won Nam
Suzuki: Anna Werle
B.F. Pinkerton: Adam Sánchez
Sharpless: Jaehwan Shim
Goro: Hyunsik Shin
Principe Yamadori: Tobias Völklein
Lo zio Bonzo: Lucia Lucas
Yakusidé: Nils Pille
II Commissario imperiale: Jiwoong Shin
Ufficiale del registro: Olaf Lemme
La madre di Cio-Cio-San: Kana Kobayashi
La zia / Kate Pinkerton: Martha-Luise Urbanek
La cugina: Agostina Migoni
Statisterie, Norddeutsche Philharmonie Rostock, Opernchor des Volkstheaters

Der klassik-begeistert-Autor Patrik Klein ist ein leidenschaftlicher Konzert- und Opernfreak, der bereits über 300 Konzerte (Eröffnungskonzert inklusive) in der Elbphilharmonie Hamburg verbrachte, hunderte Male in Opern- und Konzerthäusern in Europa verweilte und ein großes Kommunikationsnetz zu vielen Künstlern pflegt. Meist lauscht und schaut er privat, zwanglos und mit offenen Augen und Ohren. Die daraus entstehenden meist emotional noch hoch aufgeladenen Posts in den Sozialen Medien folgen hier nun auch regelmäßig bei klassik-begeistert – voller Leidenschaft, ohne Anspruch auf Vollständigkeit… aber immer mit großem Herzen!
Der Vogelhändler, Operette von Carl Zeller Volkstheater Rostock, 7. Juni 2025 Premiere