Lucas und Arthur Jussen © Marco Borggreve
Die Gebrüder Jussen gastieren zum Auftakt ihrer Tournee mit zwei Schlagzeugern in Köln.
Kölner Philharmonie, 9. März 2026
Duke Ellington (1899-1974) – Brasilliance (arr.: Oran Eldor)
Steve Reich (*1936) – Fast (aus: Quartet)
Paul Lansky (*1944) – Sechs Sätze aus Textures
Maurice Ravel (1875-1937) – La valse. Fassung für zwei Klaviere
Alexej Gerassimez (*1987) – Beyond Stickability (Uraufführung)
Leonard Bernstein (1918-1990) – Symphonic Dances from West Side Story (arr.: Peter Sadlo)
John Adams (*1947) – Short Ride in a Fast Machine (arr.: Alexej Gerassimez)
Lucas & Arthur Jussen, Klavier
Alexej Gerassimez, Percussion
Emil Kuyumcuyan, Percussion
von Brian Cooper
Der Schreiber dieser Zeilen neigt nicht zum Aberglauben, aber mit den Gebrüdern Jussen war’s bislang schon ein wenig verhext. Grippe, COVID, Krankheit: Immer, wenn ich eine Karte hatte, kam etwas Unangenehmes dazwischen.
Endlich hat es im März 2026 geklappt, Lucas und Arthur Jussen zum ersten Mal live zu erleben. Und sie sind in Begleitung zweier Perkussionisten, Alexej Gerassimez, dessen Name mir etwas sagte, und Emil Kuyumcuyan, den ich noch nicht kannte.
Vielleicht haben auch Sie bei dieser ungewöhnlichen Besetzung – zweimal Klavier, zweimal Schlagzeug – sofort an Béla Bartóks Sonate gedacht. Doch weit gefehlt: Dieses Programm war, bis auf Maurice Ravels La valse, in der Fassung für zwei Klaviere, rein US-amerikanisch. Wie, um uns daran zu erinnern, so Gerassimez in seiner erfrischenden Moderation, dass auch viel Großartiges, Vielfältiges, aus dem Land kommt. Gerassimez nimmt nicht einmal den Namen des narzisstischen Baseballkäppiträgers in den Mund.
Begonnen hatten die Vier mit einem fulminanten Kurzwerk aus Duke Ellingtons Latin American Suite, und vom ersten Takt an war eine außergewöhnliche Stimmung zu spüren, sowohl im perfekten Zusammenspiel der vier Künstler als auch im Publikum. Immerhin 1200 Plätze waren verkauft.
Auch wenn an diesem Abend Vibraphon und Marimbaphon oft zum Einsatz kamen, waren ebenso die klassischeren Schlaginstrumente in verschiedenster Form vertreten. Die Überschrift des Programmheft-Texts von Ilona Schneider, „Im Anfang war der Rhythmus“, sollte gewissermaßen zum Motto des Abends werden. Denn auch den beiden Pianisten wurde der Rhythmus in die Wiege gelegt, sind doch beide Eltern Musiker: Mutter Christianne spielt Flöte, und Vater Paul ist Paukist des Radio Filharmonisch Orkest.
Steve Reich, eine Art Gottvater der Perkussionisten, ist einer der berühmtesten Vertreter der minimal music, und der kurze Satz Fast (aus Quartet) entwickelte einen Sog der anderen, nämlich leiseren, Art. Man geriet beim Hören in eine Art Rausch, der sich im faszinierenden Textures von Paul Lansky weiterentwickelte. Die sechs ausgewählten Sätze sind abwechslungsreich: von einer Art verjazzter Spieluhr im ersten Satz über Minimalismus im zweiten bis hin zu einem sanften Wiegen. Lansky war übrigens der Erste, der zum Komponieren einen Computer verwendet hat.
Vor der Pause spielten die Brüder, die beide im Laufe des Abends moderierend zum Mikrofon griffen, Maurice Ravels La valse an zwei Klavieren. Natürlich ist das eine Fassung, die nicht an die Orchesterversion herankommt; dennoch gelang es den beiden mit atemberaubender Verve, die vielen aneinandergereihten Ideen zu eben jenem Abgesang auf den Wiener Walzer zu machen, der La valse ist. Stellenweise fühlte ich mich, vielleicht ob der eher härteren – perkussiven! – Anschlagskultur der Jussens, an Strawinsky erinnert, aber so unpassend ist diese Lesart eigentlich gar nicht. Zumal die beiden auch wunderbar das Nebulöse des Beginns auf die Bühne zauberten.
Nach der Pause gab es eine Uraufführung, denn der Kölner Abend war der Auftakt zu einer Tournee von insgesamt 15 Konzerten der vier Künstler. Alexej Gerassimez sprach launig über Stick Control von George Stone. Da muss jeder Schlagwerker durch, vermutlich ist diese Schule ungefähr das, was für Geiger Carl Fleschs Das Skalensystem oder Czernys Etüden für Pianisten ist. Gerassimez’ Beyond Stickability ist eine verspielte zehnminütige Parodie auf allzu ernsthaftes Studium. Er und Emil Kuyumcuyan demonstrierten virtuos eine ganze perkussive Palette, bei der auch das Humorvolle stets zur Geltung kam, etwa wenn sie die Trommeln mit Spielzeugfiguren – inklusive solcher zum Aufziehen – bearbeiteten. Die Laune im Saal war bestens.
Leonard Bernsteins unverwüstliche sinfonische Tänze aus West Side Story sind oft bearbeitet worden. Zum Beispiel gibt es eine wunderbare Platte von Dave Grusin. Hier war es eine kongeniale Bearbeitung von Peter Sadlo, die grandios dargeboten wurde. Sadlo war ein bedeutender Vertreter seiner Zunft, den ich weiland beim Kammermusikfest Finale in der Kölner Philharmonie gehört hatte. Das Kurzfestival, drei Konzerte zwischen den Jahren, wird schmerzlich vermisst – wie auch Sadlo selbst. Von Somewhere bis Mambo wurde klanglich alles aufgeboten, was Klaviere und Schlagwerk können.
Mit der virtuos gespielten Short Ride in a Fast Machine von John Adams in der Bearbeitung von Gerassimez endete das offizielle Programm. Das Publikum wurde glücklich mit Oran Eldors Bearbeitung von George Gershwins I Got Rhythm in den lauen Kölner Frühlingsabend entlassen.
Brian Cooper, 11. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Gürzenich-Orchester Köln, Renaud Capuçon, Solist Kölner Philharmonie, 7. März 2026
Lucas und Arthur Jussen, Klavier, Het Concertgebouw, Großer Saal, Amsterdam