Die Leonoren-Ouvertüre reißt das Publikum in Wien von den Sitzen

Ludwig van Beethoven, Fidelio  Wiener Staatsoper, 22. Dezember 2025  

Fidelio an der Wiener Staatsoper © Werner Kmetitsch

Offenbar sind die schönsten Vorurteile die widerlegten. So betrat man mit einem eher mulmigen Gefühl die Wiener Staatsoper, um die aktuelle Neuproduktion dieser Freiheitsoper zu sehen. Und es erging einem wie bei der im Oktober im Theater an der Wien gespielten Produktion der „Fledermaus“ von Strauss jun. (Johann Strauss (jun.), Die Fledermaus Musiktheater an der Wien, 20. Oktober 2025 – Klassik-begeistert). Man war mehr als positiv beeindruckt von einer musikalisch wie szenisch hervorragenden Aufführung.


Ludwig van Beethoven, Fidelio                   
Oper in zwei Aufzügen

Text  Joseph Sonnleithner & Georg Friedrich Treitschke & Stephan von Breuning

nach  J.N. Bouilly

Mit  Simon Strazdas, Christopher Maltman, David Butt Philip, Malin Byström, Tareq Nazmi, Kathrin Zukowski, Daniel Jenz

Regie  Nikolaus Habjan

Chor und Orchester der Wiener Staatsoper
Dirigent   Franz Welser-Möst

Wiener Staatsoper, 22. Dezember 2025

von Herbert Hiess

Das Markenzeichen des Regisseurs Nikolaus Habjan sind seine überlebensgroßen Puppen, die hier als „Alter Ego“ für Florestan und Leonore eingesetzt wurden. Bis zur Pause war das keine Offenbarung –
im Gegenteil – es lenkte zu sehr von den realen Personen ab.

Bei Pausengesprächen betonten manche Besucher übereifrig, dass sie natürlich dieses Konzept verstanden hätten. So nach der Art, dass die Puppen die Emotionen der beiden Darsteller widerspiegelten.

Kleinlaut wurde zugegeben, dass sie diese Aussage aus dem Programmbuch hatten. Es wäre wünschenswert, dass die Erkenntnis intuitiv käme und die Zuschauer diese nicht, wie bei einem Beipackzettel, erklärt bekämen.

Wobei von beiden Puppen die von Florestan weit beeindruckender war als jene von Leonore. Diese war realitätsnaher und zeigte wunderbar die Emotionen des gefangenen Ehegatten; bei Leonore wirkte das etwas aufgesetzt.

Ansonsten war die Produktion doch hinsichtlich Personenführung eher konservativ; da wäre natürlich noch etwas Luft nach oben gewesen.

Phantastisch manche Aufstellungen und Effekte. Beispielsweise beim Gefangenenchor gegen Schluss des ersten Aufzuges, wo die Häftlinge auf mehreren Ebenen hinter Gittern platziert waren. Die Choreographie dazu während des Chores ist unnachahmlich.

Beeindruckend die Projektion während der Leonoren-Ouvertüre, wo sich als Licht-/Schatteneffekt Leonore und Florestan küssten.

Auch der Dirigent Franz Welser-Möst war offenbar von dieser Regiearbeit sehr beeindruckt, wie man diesem Video entnehmen kann:

Franz Welser-Möst  zeigte nach dem eher bescheidenen Konzert vom
18. Dezember 2025 (Wiener Philharmoniker, Franz Welser-Möst Dirigent Musikverein Wien, 18. Dezember 2025   – Klassik begeistert), was in ihm steckt.

An diesem Abend dirigierte er Beethovens einzige Oper; mit klarer Zeichengebung zelebrierte er gemeinsam mit dem phantastischen Staatsopernorchester eine musikalische Feierstunde. Er scheute nicht vor markigen Akzenten, die wiederum durch lyrische Passagen abgelöst wurden. Vom Orchester kann man stellvertretend für alle das traumhafte Oboen-Solo bei der Florestan-Arie zu Beginn des zweiten Aufzuges und das ebenso beeindruckende Hornsolo bei der Leonoren-Arie erwähnen. Die jubelerzeugende Leonoren-Ouvertüre vor der Finalszene war ein Erlebnis für sich. Störend war bei der Pauke der leider mittlerweile eingebürgerte Zustand, den Triller nach dem Fortissimo im Piano zu beginnen, um dann auf Fortissimo zu steigern. Das bringt absolut keinen Effekt; stört nur den musikalischen Fluss.

Gesanglich war der Abend hervorragend mit einem durchwegs homogenen Ensemble. Angefangen von der entzückenden Kathrin Zukowski als Marcelline, der man schon dafür gratulieren muss, als Einspringerin eine so hervorragende Leistung zu bringen. Dann Daniel Jenz als aggressiver und polternder Jaquino, der sich dann letztlich noch dazu als subalterner und obrigkeitshöriger Genosse des Bösen herausstellte.

Dieser Böse als Pizarro war Christopher Maltman, der mit seinem markanten Bariton in dieser Regie eine dämonische Figur spielte. Grandios auch in seinem Spiel war die Duettszene mit Rocco.

Fidelio, Nazmi, Byström © Werner Kmetitsch

Der Kerkermeister und Marcellines Vater wurde vom hervorragenden Tareq Nazmi gesungen, der hier einen liebevollen Vater und einen sich immer mehr gegen Pizarro emanzipierenden Darsteller zeigte.

Einer der Höhepunkte war das Duett mit ihm und Pizarro; hier spielten das Orchester unter Welser-Möst und die Regie voll zusammen. Eine solche szenische Dichte hätte man sich für die ganze Produktion gewünscht.

Fidelio, Byström © Stephan Brueckler

Das Atout der Aufführung waren aber Malin Byström als Leonore und David Butt Philip als Florestan. Der Tenor hängte sich an den 1978 von René Kollo geschaffenen Brauch an, das „Gott, welch Dunkel hier“ mit einem Pianissimo zu beginnen und dann aufs Forte zu steigern. Nur hat das bis heute niemand besser gesungen als Kollo; auch nicht Jonas Kaufmann. Bei Butt Philip war dieser Ton leider an diesem Abend total misslungen. Das ist nicht wichtig – der ganze zweite Aufzug war von seinem strahlenden und gefühlvollen Tenor geprägt.

Ebenso Frau Byström als dramatische Leonore, die zarte Pianissimi nicht scheute. Sie war von Anfang an bis zum Schluss eine brillante Sängerin; sie gab die zärtlich liebende Ehefrau von Florestan berührend wieder. Gesanglich der Höhepunkt war ihre große Arie „Abscheulicher, wo eilst du hin“ im ersten Aufzug. Umwerfend, wie sie kunstvoll die Dynamik und die Phrasierungen hören ließ – besser kann es gar nicht sein.

Erwähnenswert sind die hervorragenden und bestens einstudierten Chöre, die diese Oper zu einem Fest machten.

Abschließend ein paar Worte zu Paulus Hochgatterer, der vermeinte, die gesprochenen Texte von Joseph Sonnleithner, Stefan Breuning & Georg Friedrich Treitschke umschreiben und „anpassen“ zu müssen.

Man sollte glauben, dass die drei Herren schon wussten, was sie schreiben. Und wenn diese Anpassungen von Herrn Hochgatterer ins Peinliche abrutschen (beispielsweise, wenn Jaquino drei Mal „Gutmensch“ zu Leonore sagte), fragt man sich schon, ob das notwendig ist.

Und wenn Herr Hochgatterer auf Seite 37 des Programmbuches mit unerträglicher Arroganz postulierte das „...Vermutlich sind es dieselben Kleingeister, die bei anderer Gelegenheit meinen, ein dramatisches Werk nur vor dem Horizont seiner Entstehungszeit in Szene gesetzt werden“. Nun – jeder kann und soll dieses Statement für sich beurteilen; die Kleingeistigkeit ist eine entbehrliche Aussage.

Es steht jedem frei, eigene Werke und Texte zu verfassen. Und die Finger von diesem wunderbaren Text zu lassen!

Herbert Hiess, 23. Dezember 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Ludwig van Beethoven, Fidelio Wiener Staatsoper, 19. Dezember 2025

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